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Graphologie und Wissenschaft
Von den Kritikern der Graphologie hört
man oft, daß die Graphologie einer wissenschaftlichen Grundlage
entbehre.
"Graphologie hat keine vernünftige theoretische
Grundlage ... " liest man auf einer deutschen
Homepage der Skeptiker.
Die GWUP,
die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das kritische Denken zu fördern
und "vermeintlich" übernatürliche Phänomene
zu entzaubern und zu rationalisieren, teilt alles in zwei Bereiche
- Wissenschaft und Parawissenschaft.
Mitunter lassen sich auf den Seiten der Skeptiker indes
sogar sachlich unrichtige, zu den eigenen hehren Zielen im offenbaren
Widerspruch stehende Aussagen finden, wie diese:
"Graphologen bedienen sich einer Vielzahl unterschiedlicher
Techniken. Nichtsdestoweniger lassen sich die Methoden dieser
"Experten" auf wenige wahrgenommene Anhaltspunkte
reduzieren ..."
Da mag dem Autoren wohl jener
Seite ein freudscher (!) Versprecher unterlaufen sein. Denn
"wahrgenommen" hat er, wie denn alle Wahrnehmung gemeinhin
subjektiver Natur ist - und in diesem Falle eben besonders, wohl
nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Daß die Graphologie
sich weniger Anhaltspunkte bedient, kann redlicherweise
nur der Uninformierte behaupten oder jemand mit einer aüßerst
selektiven Wahrnehmung.
Aber zum Kern der Kritik:
1. Es geht den Skeptikern um die Unterscheidung in Wissenschaft
und Parawissenschaft.
2. Sie verlangen von jeder Wissenschaft eine völlige
Rationalisierung.
3. Sie möchten bestimmte naturwissenschaftliche
Prinzipien verabsolutieren und letztlich bloß jenes als
wissenschaftlich gelten lassen, was ubiquitär reproduzierbar
und in einer kontrollierten Blind- oder Doppelblindstudie nachweisbar
ist.
Beginnen wir mit dem letzten Punkt. Folgender
Fall:
"Der bekannte kanadische Zauberer und Skeptiker
James Randi untersuchte im Rahmen seiner für den britischen
Sender Granada ausgestrahlten Show James Randi: Psychic Investigator
unter anderem auch den Graphologen Duncan McIntosh, dessen
Aufgabe in der Show es war, fünf ihm unbekannte Frauen aufgrund
ihrer Handschrift fünf Berufen zuzuordnen. Es gelang ihm
bei einer, was exakt der Wahrscheinlichkeitserwartung entspricht."
Was den Graphologen bewogen hat, sich für derartiges
herzugeben, mag ein Rätsel bleiben. Jedenfalls hätte
er sich und seiner Zunft nur eine Dienst tun dürfen: Er hätte
die Teilnahme an einer solchen fragwürdigen Show absagen
müssen.
Denn, was kann ein Graphologe über einen Menschen
sagen? Er kann sehr wohl etwas, und zwar sehr viel, über
die berufliche Neigung und Eignung äußern. Woher aber
soll er wissen, ob jene Person tatsächlich zu dem ihr entsprechenden
Beruf gefunden hat, ob ihr selbst zur Zeit der Berufsentscheidung
ihre Fähigkeiten bewußt waren? Und wenn ja, bestand
die Möglichkeit der Verwirklichung? Welche anderen Einflüsse
spielten noch eine Rolle? Es gibt viele Wege zum Beruf - jenseits
von wirklicher Eignung.
Daß jener oben beschriebene Fall - und es gibt
noch einige ähnliche - zum Kronzeugen gegen die Graphologie
stilisert werden soll, ist nahezu absurd und sagt allenfalls etwas
über die geistige Qualität von Versuchsanordnern und
Versuchsverwendern aus.
Die Graphologie ist Schriftpsychologie und verfährt
als solche wie die Mehrheit der psychologischen Verfahren introspektiv.
Jedes introspektive Verfahren bedient sich notwendigerweise interpretativer
Mittel. Gleichzeitig liegt immer eine Mehrdeutigkeit vor, welche
die Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche berücksichtigt.
Ob nun einige Dogmatiker mit dieser Komplexität und Pluripotenz
zurechtkommen, ob es ihrem simplifizierenden Weltbild widerspricht
oder ob sie jene Zusammenhänge aus kompensatorischen Gründen
leugnen, ist nicht mehr als eine Marginalie.
Fakt ist immerhin, und damit sind wir bei Punkt zwei
obiger Kritik, daß der Ruf nach völliger Rationalisierbarkeit
verständlich, aber in der Essenz naiv ist. Bleibt doch deren
Verabsolutierung schon für sich eine Fiktion, als denn "völlige
Rationalisierung" gleichbedeutend mit völliger Objektivität
ist. Jede Rationalisierung bleibt für sich genommen immer
bis zu einem Maße, über das man trefflich streiten
kann, subjektiv, und diesen subjektiven Faktor kann sie nie völlig
abstreifen, so abstruse Kunstgriffe sie auch unternehmen mag.
Der bekannte Kybernetiker Heinz
von Foerster faßt diese Ambivalenz in dem folgenden
Satz zusammen:
"Wahrheit
ist die Erfindung eines Lügners"
Die Versuche, jene unbewußte, subjektive und letztlich
nicht objektivierbare, weil die Realität selbst konstruierende
Seite des Menschen zu leugnen, ist lang. Ihr Weg geht u. a. Descartes,
über Helvetius, La Mettries "L'homme machine",
über Russel zu Wittgensteins Tractatus, zum Primat der Naturwissenschaften
in der Jetztzeit, um nur einiges zu nennen.
Der dabei entstehende Irrglaube ist jener, daß
alle anderen Wissenschaften sich der naturwissenschaftlichen Methode
zu beugen hätten, daß es außer letzterer keine
andere gäbe, die rechtmäßig wäre.
Solch auf die Spitze getriebener Positivismus bedeutete,
daß die Mehrzahl der universitären Wissenschaften Parawissenschaften
wären, da deren Aussagen nicht objektivierbar, nicht allzeit
reproduzierbar und auch nicht durch Blindstudien verifizierbar
sind.
Philosophie, Kunst, Geschichte, Literaturwissenschaft,
große Teile der Psychologie (Freud, Adler, Jung, Erikson,
...), um nur einige prägnante Beispiele zu nennen - alles
Parawissenschaft, Tummelfeld der Scharlatane und Verwirrer.
Was ist schließlich schön? Was ist ästhetisch?
Was ist gut, was schlecht? Wann ist jemand "fleißig",
wann "loyal"? Wann genau ist er introvertiert, wann
gehemmt und wann selbstbewußt?
All diese Dinge sind ohne interpretative Momente nicht
beschreibbar. Sie sind grundsätzlich nicht objektivierbar.
H.
G. Gadamer nimmt daher auch eine Abgrenzung zwischen Natur-
und Geisteswissenschaften vor. In seinem Buch "Wahrheit und
Methode" verteidigt er die Geisteswissenschaft gegen die
destruktive und verabsolutierende Vereinnahmung naturwissenschaftlicher
Methodik. Das naturwissenschaftliche Verifikationsideal - so sein
Standpunkt - besitzt keine Allgemeingültigkeit. In der Geisteswissenschaft
- und die Graphologie ist zweifellos über weite Strecken
Geisteswissenschaft - herrscht ein anderer Wahrheitsanspruch.
Hier geht es um einen sachbezogenen Verstehensansatz - jenseits
von subjektiver Beliebigkeit und objektiver Allgemeingültigkeit.
Das Verstehen ist niemals ganz vorurteilsfrei, es geht von einem
immer schon Existenten, von einer Vorgabe, einer nie exakt bestimmbaren
Voraussetzung aus. Der Nullpunkt, das objektiv Bestimmbare, ist
eine Illusion, eine Schimäre, ein Fetisch.
Das Vorhaben, Graphologie mittels einer kontrollierten
Blindstudie zu verifizieren, ist aus vielerlei Gründen Unsinn.
1. Die Graphologie ist nicht auf naturwissenschaftliche
Methodiken reduzierbar. Sie ist in erster Linie mit geisteswissenschaftlichen
Mitteln hinterfragbar, wenngleich eine strikte Grenzziehung zwischen
Geistes- und Naturwissenschaft nicht immer sinnvoll ist.
2. Der Gegenstand der Graphologie, die Psyche des Menschen,
ist nicht objektivierbar, sondern vor allem mittels eines komplexen
Verstehensprozesses beschreibbar.
"Die Information einer Beschreibung hängt von
der Fähigkeit eines Beobachters ab, aus dieser Beschreibung
Schlußfolgerungen abzuleiten," so von Foerster.
3. Entsprechend den weitreichend anerkannten Prinzipien des
Philosophen Karl Popper, wie in seinem Werk "Logik der
Forschung" beschrieben, sollte man den Begriff "Verifikation"
durch "Falsifikation" ersetzen, in Anlehnung an die
Erkenntnis, daß es in der Regel keine endgültigen Wahrheiten
gibt, sondern bloß vorläufig brauchbare Arbeitsgrundlagen.
Demgemäß könnten selbst die größten
Kritiker der Graphologie weder den eigenen Standpunkt verifizieren,
etwa den, daß es sich bei der Graphologie um eine Parawissenschaft
handelt, noch jenen endgültig falsifizieren, was
strenggenommen eine Verifikation darstellt.
4. Graphologie ist Schriftpsychologie und beschäftigt
sich als solche mit Aussagen über Charakter und Persönlichkeitseigenschaften,
mit Themen also, die nicht exakt meßbar, sondern immer schon
durch individuelle Wahrnehmung gefiltert und bewertet werden,
was im übrigen für fast alle Bereiche der menschlichen
Erfahrung gilt.
5. Bezeichnenderweise gibt es zum Begriff der Wissenschaft
keine allgemein anerkannte, keine allgemeingültige
Definition. Diesen Umstand sollten sich all jene bewußt
machen, die allzu eilfertig bereit sind, die Welt menschlicher
Erfahrung und gesellschaftlichen Wissens in Wissenschaft und Pseudowissenschaft
einzuteilen.
6. Der Versuch, Wissen durch klare Beweise begründen
und sichern zu wollen, führt letztlich in die Sackgasse des
sogenannten Münchausen-Trilemmas.
Insgesamt gilt bei kritischer Betrachtung festzuhalten:
Graphologie ist als Wissenschaft wesentlich der geisteswissenschaftlichen
Fakultät zuzuordnen.
Wer Zweifel am wissenschaftlichen Charakter der Graphologie
hat, tue sich in der reichhaltigen Literatur um (Klages, Pulver,
Müller-Enskat, Teillard, etc.).
Es handelt sich um eine äußerst vielschichtige
Wissenschaft, die zudem ein teilweise umfangreiches Hintergrundwissen
aus diversen anderen Disziplinen (Psychologie, Philosophie, etc.
) erfordert.
"An allem zweifeln und alles
glauben sind zwei bequeme Wege, die in gleicher Weise, einer
wie der andere, vom Nachdenken befreien. "
Henri Poincaré (1854-1912),
Franz. Physiker
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