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Max Pulver
Der Schweizer Max Pulver
wird 1889 in Bern geboren. Der Apothekersohn verliert früh seinen
Vater. Bereits als Gymnasiast beginnt er zu schreiben. Seine ersten
schriftstellerischen Versuche bleiben jedoch unveröffentlicht. Ab
1908 beginnt Pulver mit dem Studium im Ausland (Straßburg,
Leipzig, Freiburg). Er studiert Geschichte, Psychologie und
Philosophie. Thematisch beeinflussen ihn Husserl, Bergson und Scheler.
Nach seiner Promotion arbeitet er einige Zeit am
Phänomenologischen Seminar in München.
Mit der Graphologie
beschäftigt sich Max Pulver ungefähr seit 1918. Die Deutung
der Handschrift, der er sich als Künstler und Philosoph mehr
phänomenologisch und hermeneutisch, denn naturwissenschaftlich
nähert, wird zu einem der wichtigsten Themen seines Schaffens.
"Sinn und Vorliebe für
Handschriften sind etwas Spontanes. In einem bestimmten Augenblick des
Lebens fallen ihre graphischen Formen plötzlich in den
Scheinwerferstrahl unseres Bewußtsein."
Diese Zeilen schreibt Pulver in
seinem 1931 erschienenen Hauptwerk über die Graphologie, in
"Symbolik der Handschrift". Der Titel des Buches ist gleichsam
Programm. In der Schrift spiegelt sich der Chrakters des Menschen - so
Pulver - symbolisch wieder.
Auf dem Blatt Papier und in der
Schrift, wie sie auf der Schreibvorlage angeordnet ist, wohin die Schriftzeichen weisen,
welche Richtung sie nehmen, etc . - darin wiederholen sich symbolisch
Lage, Stellung, Selbstverständnis und Inbeziehungsetzung des
Schreibers zur Gesellschaft und sich selbst.
„Der Ort, wo sich die
schreibende Feder jeweils gerade befindet, ist der durch den Zeitraum
vorangleitende Ich-Punkt. Die zurückgelegte Strecke symbolisiert
meine individuelle Vergangenheit; das Selbstgefühl ist
gewissermaßen ausgefüllt durch das Erlebte, das Ich –
in dieser Hinsicht die Summe alles für mich Gewesenen -,
zögernd oder heftig, bang oder mutig greift es, beständig
durch den Zeitstrom getrieben, in die Zukunft, verschlingt sie als
Gegenwart und läßt sie als Vergangenheit hinter sich.“

Max Pulver war
ähnlich wie viele Graphologen (Michon, Busse, Klages, etc.) ein
Multitalent. Neben seinem Studium von Geschichte, Psychologie und
Philosophie schrieb er vor allem Gedichtbände. Bei seinen
lyrischen Bemühungen wurde er von Rilke unterstützt
und galt als einer dessen hochbegabten Nachfolger.
»Vergnügungsreisenden
empfehle ich dieses Land nicht. Rausch werden sie nicht finden. An
Stelle von Klarheit nur Wirrung. Sie verstricken sich, ohne sich zu
lösen, und kommen ärmer zurück, als sie auszogen - wenn
sie wiederkommen.«
Diese Zeilen
stammen aus Pulvers einzigem Roman, der "Himmelpfortgasse". Das Land,
das darin beschrieben wird, ist das Land des Rausches, genauer gesagt,
des Drogenrausches. Es geht letzlich um Kokain, um ganz genau zu
sein. Allerdings wird Pulvers Roman von der Kritik einigermaßen
verrissen, wenngleich es nicht wenige gibt, die der Überzeugung
sind, die "Himmelpfortgasse" stehe künstlerisch einiges
über Pitigrillis Kokain, dem Kultbuch der damaligen Drogenszene.
Es mag wohl an der Kritik gelegen haben, daß Pulver den Ausflug
in das erzählende Metier nicht weiter verfolgte.
Umfangreicher als
sein erzählerisches und dichterisches Werk ist sein
graphologisches. Ab 1918 wandte sich Max Pulver berufsmäßig
der Graphologie zu, nachdem er mit seiner Familie nach München
gezogen war. 1924 ging er nach Zürich, arbeitete dort als Graphologe und war
Dozent der Graphologie und Menschenkunde am Institut für
angewandte Psychologie; er verkehrte im Freundeskreis um C. G. Jung.
Max Pulver wählte einen dritten Weg,
der irgendwo zwischen Michon und Klages liegt, und doch etwas mehr bei
dem letzten in der Nähe ist. Pulver ist Anhänger der
sogenannten Phänomenologie. Nach seiner Promotion hörte er
Vorlesungen von Bergson in Paris. Während seiner Zeit in
München war er Assistent am Phänomenologischen Institut.
Diese Richtung der Philosophie beschäftigt sich, wie der Name
schon vermuten läßt, viel mit den äußeren
Erscheinungsformen des Lebens. Die Phänomenologie ist eine Denkmethode, die von der Frage
absieht, ob der Erkenntnisgegenstand auch unabhängig vom
erkennenden Bewußtsein existiert.
Das phänomenologische Denken
klammert jede Vormeinung und Vorentscheidung aus. Ziel ist dabei,
„zu den Sachen selbst“ vorzudringen, das Wesen der Dinge zu
erfahren. Wichtig ist hier, zunächst alle theoretischen Annahmen
(Hypothesen, Beweisführungen, tradiertes Vorwissen ...) über
den betrachteten Gegenstand auszuschalten. Man soll zu dem
zurückzukehren, was sich tatsächlich ereignet, vom Standpunkt
desjenigen gesehen, der etwas Bestimmtes erlebt. Geichzeitig geht es darum, dieses Erlebte
nicht schon von vornherein durch Interpretationen, Abstraktionen und
Begriffsbildungen unkenntlich zu machen. So erst wird der Blick frei
für eine intuitive Wesensschau.
Nach Husserl kann nur eine
phänomenologische Philosophie den Vorbedingungen einer wahrlich
strengen Wissenschaft genügen. Eine naturalistische oder
experimentelle Philosophie müsse nämlich auf den
eingeklammerten Vorurteilen und Existenzannahmen basieren. Nun, ganz so
genau nimmt es Pulver bei seinem graphologischen Ansatz nicht. Er geht
schon mit bestimmten Hypothesen und Begriffsbildungen bei seiner Art
und Weise der Handschriftendeutung vor. Der Titel seines Hauptwerkes
„Symbolik der Handschrift“ macht schon deutlich, welchen
Weg Max Pulver bevorzugt. Es ist vor allem die Raumsymbolik, die seiner
Meinung nach eine zentrale Richtung der Interpretation aufzeigt.
Auf dem Blatt Papier, das beschrieben
wird, vollzieht sich unbewußt eine raunzeitliche Zuordnung. All
das, was für uns zum Beispiel mit dem Begriff
„oben“ verbunden ist, all das, was mit einem oberen
Raum assoziiert scheint .- Himmel, Licht, Macht, Tag, Sonne etc. - wird
unbewußt auf den oberen Teil des Blattes, auf den oberen Teil der
Schrift, auf den oberen Teil der Schreibzone projiziert. Die
Richtungspaare oben und unten, links und rechts teilen den Schreibraum
ein und assoziieren eine Symbolik. Pulver bezieht sich dabei unter
anderem auch auf das altchinesische „Buch der Wandlungen“.
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