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Minderwertigkeitsgefühle
im Spiegel der Handschrift
Zu den Klassikern der Psychologie gehört neben
Carl Gustav Jung und Sigmund Freud zweifellos
Alfred Adler (1870 - 1937).
Adler, der als Begründer der Individualpsychologie
gilt, machte sich um eine besonders wirklichkeitsnahe und somit
praxisorientierte Psychologie verdient. Zu den zentralen Gedanken
seiner Lehre gehört die Beschreibung von Minderwertigkeitsgefühl
und Geltungsstreben.
Konsequent greift Adler eine wesentliche Erfahrung in
der Individualgeschichte des Menschen auf. Er verweist auf die
besonders in den ersten Lebensjahren prägnante Unfertigkeit
und Abhängigkeit eines jeden Kindes. Resultat der Erfahrung
dieses Zustandes ist die Vergegenwärtigung der eigenen Minderwertigkeit.
Das Ausgelierfertsein an die als allmächtig empfundenen Erwachsenen
bei gleichzeitiger Einsicht in die eigene Mangelhaftigkeit verdichtet
sich zu einem Gefühl des Nicht-Könnens. Jedes Kind erfährt
dieses als eine Art Minderwertigkeitsgefühl.
Am Anfang des Lebens prägt sich demnach in der Regel ein
mehr oder weniger stark empfundenes Minderwertigkeitsgefühl
aus, als dessen Folge irgendwann ein Streben nach Ausgleich entsteht
- ein Bedürfnis nach Kompensation. Das Kind und später
der Jugendliche will sich nicht länger klein und unfertig,
machtlos und schwach fühlen. Zunächst entwickelt sich
in der Phantasietätigkeit und bald auch in der Handlung ein
Streben nach Überlegenheit, Macht und Anerkennung. In ersten
Rollenspielen werden die Positionen der Erwachsenen identifikativ
vereinnahmt. Die Kinder spielen "Vater, Mutter, Kind".
Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als bald groß
zu sein, etc.
Das ist alles zunächst ganz normal und auch notwendig, ergibt
sich daraus doch der wichtige Impuls zu Neugier, Ehrgeiz und innerem
Antrieb, zu Tätigkeit und Vorwärtsdrang.
Unter ungünstigen Umständen entwickelt sich jedoch
ein Minderwertigkeitskomplex, der sich gegenüber dem normalen
Minderwertigkeitsgefühl abhebt und den Menschen ein Leben
lang prägen kann.
Auf diesen Minderwertigkeitskomplex kann sich dann noch ein Überlegenheitskomplex
mit krankhaftem Machtstreben „aufpfropfen“.
„Ist nun das Minderwertigkeitsgefühl besonders
drückend, dann besteht die Gefahr, daß das Kind in
seiner Angst, für sein zukünftiges Leben zu kurz zu
kommen, sich mit dem bloßen Ausgleich nicht zufrieden gibt
und zu weit greift (Überkompensation). Das Streben nach Macht
und Überlegenheit wird überspitzt und ins Krankhafte
gesteigert.“
Und dieses Charakterbild, das gerade in heutigen Zeiten wieder
stärker auftritt, findet sich in einer Vielzahl von Handschriften
wieder.
Doch um diesen Typus Mensch, der von einem Minderwertigkeitskomplex
getrieben wird und sein Heil in übersteigertem Machtstreben
und Überlegenheitsphantasien sucht, etwas näher kennenzulernen
und plastischer vor Augen zu haben, noch ein Zitat von Adler:
„Mit einer besonderen Hast, mit starken Impulsen, die
weit über das gewöhnliche Maß hinausgehen, ohne
Rücksicht auf ihre Umgebung suchen sie ihre eigene Position
sicherzustellen. ... Sie sind gegen alle und alle gegen sie.“
Als weitere Charaktermerkmale beschreibt Adler:
„... Hierher gehören auch Eitelkeit, Hochmut und
ein Streben nach Überwältigung des anderen um jeden
Preis, was sich auch so darstellen kann, daß sie selbst
gar nicht mehr höher hinaufstreben, sondern sich damit begnügen,
daß der andere sinkt. Dann kommt es ihnen nur mehr auf die
Distanz an, auf den größeren Unterschied zwischen ihnen
und den anderen.“
Unter normalen Umständen werden die Minderwertigkeitgefühle
kompensiert, und das Kompensationsstreben ist sozusagen ein wichtiger
Lebensimpuls. Beim Minderwertigkeitskomplex haben wir es aber
mit einem abnormen Verhalten zu tun, das auch besonders im Schriftbild
gut ablesbar ist. Der Minderwertigkeitkomplex kann dabei zwei
Richtungen nehmen.
1. Er kann nach innen gekehrt und gegen sich selbst gerichtet
sein, alle Impulse bloß in Tagträumerei, Allmachtsphantasien
und Angeberei endend. Dann wird auch viel über hochtrabende
Pläne und Vorhaben gesprochen. Doch bleibt es bei Plänen,
Ansprüchen, Tagtraum und Allmachtsphantasien. Es fehlen Kraft,
Energie und Durchsetzungswillen.
2. Der nach außen gerichtete Minderwertigkeitskomplex
macht nicht bei Träumerei und Phantasie halt, sondern will
sich in der Praxis und nicht in der bloßen Vorstellungskraft
immer wieder selbst beweisen. Er gibt sich weniger mit der Illusion
zufrieden, sondern hungert nach direkter Bestätigung durch
konkrete Situationen. Am Ende steht der Überlegenheitskomplex,
als ein nahezu unstillbares Verlangen nach Anerkennung mit antisozialen
Tendenzen.
Die heutige Kultur in den westlichen Industrienationen
fördert die Manifestation von verstärkten Minderwertigkeitsgefühlen.
Die Tendenz zur Vereinzelung, zu Singledasein, Bindungslosigkeit,
Kleinstfamilie und Fernsehkultur verringert die sozialen Bindungen
der Menschen untereinander. Konsumismus und Selbstverwirklichungsideale
ziehen wertvolle Zeit von der Kindererziehung ab. Man stellt den
Nachwuchs gern mit TV und Videospielen ruhig. Es bleibt zuwenig
Raum für entwicklungspsychologisch wichtige Dimensionen wie
Lob und Ermutigung. Gesellschaftlich hochgehaltene Toleranzideale
sind oftmals bloße Scheingebilde und Worthülsen, hinter
denen sich Laissez-faire und Beliebigkeit verbergen. Notwendige
Sicherheit, Identifikation und Orientierung vermittelnde Strukturen
versinken im nihilistischen Meer des von Omnipotenz träumenden
Subjekts.
Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen und erfährt
immer weniger Bestärkung durch andere. Andererseits braucht
er Bestätigung, positive Rückmeldung und Wertschätzung.
Die Sozialpsychologie zählt das Verlangen nach positiver
Selbstwahrnehmung zu den psychischen Grundbedürfnissen.
In der Handschrift manifestieren sich Minderwertigkeitsgefühle
oft im Bereich der Mittelzone, die unterentwickelt ist und einerseits
im Verhältnis zu Oberlänge und Unterlänge das Nachsehen
hat, oder einfach in einer Mittelzone, die kleiner als 2,5 mm
ist. Dieses Maß ist ein Durchschnittswert. Pulver geht
von 2,5 mm aus, Klages von 2 mm.
Weiterhin unterscheiden bekanntlicherweise viele Graphologen,
daß Schreibegeübte - und hierbei handelt es oft um
die über ein höheres Bildungsniveau Verfügenden
- in der Regel etwas kleiner schreiben. Müller-Enskat
sprechen in diesem Fall erst ab einer Mittelzone geringer
als 1,7 mm von einer kleinen Schrift. Känzig spricht
hier bei weniger als 1,5 mm von Kleinheit, wogegen er jene oben
erwähnten 2,5 mm als Maß für die Schreibungeübteren
ansetzt.
Der Umstand, daß ein höheres Bildungsniveau oft mit
einer kleineren Schrift einhergeht, verwundert nicht, ruft man
sich die Adlersche Theorie in Gedächtnis zurück. Denn
das seit früher Kindheit verankerte Minderwertigkeitsgefühl
ist ja gerade der Antrieb, besser zu sein als andere. Jener
Umstand ist Motivation zu Höherem.
"Die Größe der Schrift entspricht der Größe
des persönlichen Selbstgefühls (Selbstwertgefühl)",
schreibt Max Pulver und verweist weiter darauf,
daß dem "Ichanspruch mit seiner Steigerung notwendigerweise
ein ins Räumliche projizierter Expansionstrieb innewohnt.
Die Größe der Schrift sagt also in erster Linie etwas
darüber aus, wie sich der Mensch ins Verhältnis zur
Umwelt setzt. Hier können Sozialverhalten und Ichausdehnung
erkannt werden."

(Beispiel 1, vergrößert,
normale Karohöhe 5 mm)
In Beispiel 1 sind die Buchstaben der Mittelzone teilweise kleiner
als 1 mm. Die Selbstwertwahrnehmung scheint gering. Und es finden
sich weitere Merkmale, die auf Minderwertigkeitsgefühle schließen
lassen. Vor allem fällt auf, daß zu Beginn eines Wortes
die Mittellängen meist eine Höhe von ungefähr 2
mm haben, dann aber zum Wortende kleiner werden. Dieses Nachlassen,
Nachgeben und Kleinerwerden verstärkt als weiteres Zeichen
den interpretatorischen Eindruck. Es ist ein Zurückweichen
des Ich vor dem Eindruck des Du. Man hat kein Durchhaltevermögen.
Anfangs tritt man mitunter scheinbar selbstbewußt auf (betonte
Anfangsbuchstaben), nur um dann dich immer noch kleiner zu werden.
Bei Nichtbetrachtung der anderen Merkmale ließe sich möglicherweise
auch vermuten, daß hier eine sich verstellende Persönlichkeit
vorherrscht, jemand, der aus Geschick, Verstellung und um der
Durchsetzung seiner Ziele wegen seine Worte gleichsam wie Speerspitzen
aussendet, um diese verfänglicher, fester und zielgerichteter
zu plazieren.
Bei Pulver findet sich folgende Interpretation der in Schriftbeispiel
1 deutlich werdenden abnehmenden Kleinbuchstaben (siehe das n
und u):

Pulver spricht hier von (Beispiel b. trifft
auf die weiter oben thematisierte Schrift) von einer "Nichtbeachtung
oder Vernachlässigung" von Du und Es. Das Ich will größer
erscheinen als die anderen. Es beansprucht mehr Raum. Der Schreiber
einer solchen Schrift gefällt sich darin, andere kleinzureden,
kleinzuhalten und aus der umgekehrten Froschperspektive wahrzunehmen.
Je kleiner die anderen wahrgenommen werden, umso größer
kann man selbst erscheinen.
Die Dreiecksform ist hier Ausdruck von Minderwertigkeitsgefühlen,
die sich zum Minderwertigkeitskomplex verdichtet haben, denn andere
Zeichen wie etwa die schon angesprochene geringe Schriftgröße
weisen diesen Weg. Und noch eine weitere Schriftgeste unterstützt
jene Interpretation. Man betrachte die Tendenz, unter die Schriftlinie
zu fallen. Besonders der letzte Buchstabe eines Wortes hat immer
eine deutliche Abwärtstendenz. Daraus ist eine negative Gemütslage
ablesbar, ein Erlahmen der Kräfte, ein Zurückweichen
und Gedrücktsein - alles Zustände des Seelenlebens,
die eng mit einer negativen Selbstwahrnehmung, mit einem Minderwertigkeitsgefühl
vergesellschaftet sind.

(Beispiel 2, vergrößert,
m 22)
Auch in Beispiel 2 sind Minderwertigkeitsgefühle
erkennbar. Aber für dieses Muster gilt selbstverständlich
ebenfalls, was für die Graphologie an sich zutrifft: Ein
Merkmal, separat genommen, hat oft nicht genug Aussagekraft, um
darauf aufbauend einen wesentlichen Charakterzug herauszulesen.
So kann die kleine Schrift für sich betrachtet auch Ausdruck
einer gewissen Bescheidenheit und Zurücknahme sein. Bei Nonnen
und Mönchen findet man daher oft kleine Schriften (nach
Cobbaert).
Im obiger Schriftprobe treten zur kleinen Schrift (die
Höhe der Mittelzone liegt hier beständig um 1 mm) noch
weitere Zeichen hinzu, unter anderem die Linksschrägkeit.
Sie ist hier Ausdruck des Sich-Heraushaltens, der Distanz. Möglicherweise
handelt sich es um einen Hinweis auf Ängstlichkeit und fehlendes
Selbstvertrauen. Diese Sichtweise findet ihre Bestätigung
in den großen und überdeutlichen Wortabständen.
Zaghaftigkeit, Angst und Hemmung als Folge des fehlenden Selbstwertgefühls
schaffen einen temporären Zustand innerer Immigration.

(Beispiel 3, verkleinert, m 35,
graduiert)
Minderwertigkeitsgefühle sind nicht notwendig an eine kleine
Handschrift gebunden. In Beispiel 3 schlägt sich die Verunsicherung
des Ichs in einer Symbolik des Hin-und-her nieder. Der Schreiber
weiß nicht, wohin es geht. Es fehlt ihm an innerer Orientierung.
Ein Schwanken und Wanken wird offenbar. Die Linienführung
erinnert an eine Wellenform, der Neigungswinkel scheint ebensowenig
zu wissen, welche Richtung er denn nehmen soll, wie die Zeile.
Das alles ist aber nicht Folge von Ungeduld, großem Elan
und ungezügeltem Drang. Man beachte die großen Wortabstände,
die einerseits für Überlegung und andererseits für
Distanz sprechen. Keine Frage - auch hier wirkt im Hintergrund
ein Minderwertigkeitsgefühl, welches das Ich verunsichert
und verängstigt.
Im oberen Beispiel ist auch in einigen Wörtern (z. B. bei
„habe ich …“) eine deutliche Kleinheit der Mittelzone
erkennbar. Weiterhin finden sich wechselnde Schriftrichtung, wechselnde
Linienführung, zum teil konkave Linienstrukturen - alles
Hinweise auf Mängel im Bereich des Selbstwertgefühls.
Man ist tief im Innern verunsichert, traut sich wenig zu, zweifelt
an sich und hinterfragt sein Handeln. Es fehlt an Entschlossenheit.
Man fürchtet Enttäuschungen, Rückschläge und
negative Rückmeldungen. Tief im Innern haust das Gefühl,
von anderen abgelehnt zu werden. Aus dieser Furcht heraus, Geringschätzung
zu erleiden, verfährt der Schreiber distanziert mit seinem
Umfeld. Er ist vorsichtig und verschafft sich Raum bei seinem
Tun (deutlich wird diese Tendenz zur Distanzierung an den großen
Wortabständen).
(Beispiel 4, w 43)
Der Wunsch, mehr zu sein, wird in dem Versal deutlich.
Das große L umschließt einen unverhältnismäßig
großen Raum. Aber es ist nur der Wunsch nach Größe,
nach Anerkennung und gesellschaftlicher Bedeutsamkeit, der hier
zum Ausdruck kommt, nicht der Wille und die Kraft diesen zu verwirklichen.
Es ist nicht der kraftvolle Impuls. Dazu ist die Schreibtendenz
zu linksschräg, dazu bewegt sie sich zuwenig vom Ich auf
das Du. Schließlich beginnt auch der überbetonte Anfangsbuchstabe
zwar weit oben rechts, aber nur, um dann ebensoweit zurückzuweichen.
Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Schriftprobe also um
einen Menschen, der über die Phantasietätigkeit, über
Tagträume und Wunschdenken die eigenen Minderwertigkeitsgefühle
kompensiert. Andererseits gibt es auch Hinweise (Formniveau, Harmonie),
die auf sublimatorische Fähigkeiten (Kreativität, künstlerische
Begabung, ästhetisches Vermögen) hinweisen.
In der Initiale wird der Ichanspruch deutlich. Er ist
in Beispiel 4 kompensatorisch erhöht. Er tritt also bloß
deshalb so deutlich zu Tage, weil tief im Innern ein Gefühl
der Geringschätzung verankert ist, weil ein Zuwenig an Selbstbestätigung
erfahren wurde. Geltungsstreben soll den Mangel an eigener Wertschätzung
ausgleichen. Auch in Unterschriften findet sich häufig dieses
Zeichen. Und eines ist als recht sicher anzunehmen. In den meisten
Fällen handelt es sich bei diesen Menschen um ein tief im
Innern heimisches Minderwertigkeitsgefühl, das den Hunger
nach Annerkennung mitunter in ein nahezu unstillbares Maß
treibt. Bezeichnenderweise trifft man diese Geste gerade bei Persönlichkeiten
der Zeitgeschichte, bei Politikern oder anderen Gruppen an.
Wer einen negativen Wert seiner selbst empfindet, wer
kein rechtes Zutrauen zu seinen eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten,
zu der eigenen Persönlichkeit hat, will nach außen
Situationen vermeiden, in denen seine so empfundene Minderwertigkeit
manifest und sichtbar wird. Er bemüht sich, erst gar nicht
in bestimmte Situationen zu geraten, in denen er oder sie sich
beweisen kann oder muß. So neigt man dazu, sich stets im
gewohnten Umfeld zu bewegen, und neue, nicht bekannte Situationen
werden vermieden.
Letztlich beginnt man sich abzuschotten, einen Schutzwall
um sich aufzubauen, der das empfindliche Selbstwertgefühl
beschirmen soll. Dieser Schutzwall wird auch in etwa symbolisch
durch das überbetonte L in Beispiel 4 veranschaulicht. Es
reicht beinahe bis in die Wortmitte und führt einen arkadenhaften
Zug nach innen, als wollte es das Wort umkreisen, es beschirmen
und damit sich selbst abgrenzen, bzw. behüten.
Eine extreme Arkadenschrift ist in Beispiel 5 zu sehen. Die Arkade
versinnbildlicht die Abschirmung, das Zumachen, das Sich-Verschließen
aus unterschiedlichen Gründen.
(Beispiel 5, w 18)
Hier ist die Arkade in ihr Extrem gesetzt. Besonders wird das
bei den Buchstaben e und i am Wortanfang deutlich, die beinahe
zum geschlossenen a zusammengewachsen scheinen.
Die Arkade schottet ab, verschließt und zieht das Subjekt
von der Außenwelt zurück. In normaler oder moderater
Ausprägung mag das ein Hinweis auf Selbständigkeit sein.
Hier ist das nicht der Fall. Auch in diesem Beispiel ist es ein
Minderwertigkeitskomplex, der die Ursache für diese Schreibweise
bildet. Diese Persönlichkeit nähert sich mit Angst und
Verschlossenheit den anderen. Sie fürchtet sich davor, etwas
falsch zu machen und zieht sich daher in sich selbst zurück.
Sie ist empfindsam, einsam und verspürt doch immer wieder
die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zuneigung. Die eigene Unsicherheit
führt zu instinktiven Verteidigungssituationen, zu Rückzug
und Isolation.
Während bei den bisherigen Schriftbeispielen Minderwertigkeitsgefühle
zu einer gewissen Introversion geführt oder diese Anlage
verstärkt haben, kann es auch zu einer gegensätzlichen
Reaktionsform, der Extraversion (nach Jung) kommen. Dann bequemt
sich das Unbewußte nicht, die empfundene eigene Unzulänglichkeit
immer wieder ins Selbst zurückzuwerfen. Das Unbewußte
träumt nicht bloß und phantasiert von eigener Größe,
von Anerkennung und Allmacht. Es findet sich nicht mit diesem
Zustand ab, zieht sich nicht zurück, sondern der Hunger nach
Anerkennung wird immer größer. Man will sich über
andere erheben, sich selbst erhöhen.
Weniger sublimatorsich als etwa Beispiel 4 und eher rein
kompensatorisch ist die unten abgebildete Schrift zu verstehen.
Hier sind die Hinweise auf Minderwertigkeitsgefühle nicht
auf den ersten Blick erfahrbar. Und doch fallen folgende Merkmale
auf:
Die Schrift ist teilweise überhöht (man beachte
zum Beispiel den auf dem nachfolgendem Kleinbuchstaben gleichsam
reitenden Majuskel oder die weit oben schwebenden Oberzeichen),
die Oberlängen erscheinen überproportional.
(Beispiel 6, m 28, Ingenieur)
Auch hier bilden Minderwertigkeitsgefühle
(das nach unten weisende Oberzeichen ist zu beachten) die Grundlage
für ein Machstreben, welches sich recht aggressiv nach außen
Bahn bricht und letztlich mehr oder weniger stark rücksichtslos
sein kann. Winkel, Vernachlässigungen (fehlender T-Strich)
treten besonders am Wortende in Erscheinung. Die eigentlich urbildhafte
Schleife des Endbuchstabens ist zum spitzen nach vorn gerichteten
Strich mutiert. Auch dem kleinen f ist alles Runde genommen. Das
ist nicht bloß Ausdruck des kühlen, in rationalen Überlegungen
gefangenen Naturwissenschaftlers.
Man darf hinter einer solchen Schrift durchaus einen
zu Jähzorn (strichförmige Oberzeichen) neigenden Menschen
vermuten, der danach strebt, anderen seine Ansichten und Vorstellungen
aufzunötigen, wobei er wenig Neigung verspürt, über
sich selbst zu sprechen. Selbstkritik und Selbstzweifel sind nicht
seine Sache. Die Minderwertigkeitsgefühle haben einen kompensatorischen
Panzer um sich aufgebaut, der als scheinbar starkes Ich nach außen
tritt und die eigenen Schwächen zu verbergen sucht (deckstrichähnliche
Oberzeichen).
Zusammenfassende Auflistung möglicher Merkmale von Minderwertigkeitsgefühlen
in der Handschrift:
- Mißverhältnis zwischen Majuskel und Minuskeln
(Cobbaert)
- Mißverhältnis zwischen Unterschrift und Text
- kaum existierende Unterlängen
- Knoten an o oder a (Hargreaves/Wilson)
- eingekreiste Unterschrift
- schwankender Schreibdruck
- nachträgliche Verbesserungen, Flickstellen, Lötstellen
- sinkende Zeilenführung (nach Michon ein „Zeichen
für Entmutigung“)
- dachziegelförmig sinkende Zeilen (nach Michon „Mißtrauen
gegen die eigenen Kraft“)
- sinkende T-Striche
- nach rechts unten abfallenden strichförmige Zeichen (I-Punkte,
Gedankenstriche, etc.)
- Durchstreichungen (unbewußte Selbstnegation)
- überbetonte Initialen (z. B. als kompensatorischer Affekt
auf einen Minderwertigkeitskomplex)
- in manchen Fällen auch die enge Schrift (als Angst, Furchtsamkeit
und Hemmung)
- wechselnde Schriftlage (als Ausdruck von Unsicherheit und
fehlenden Selbstwertgefühls, oft anzutreffen bei Adoleszenten)
- geschlossene und abgeschottet erscheinende Schrift (Arkaden,
Deckstriche) als Ausdruck von Selbstschutz und Furcht vor dem
Du als Reaktion auf geringes Selbstwertgefühl und empfundene
Minderwertigkeit
Um alles nochmals in rechte Licht zu rücken und um auch
auf die Wichtigkeit dieses Zeichens in der Handschrift hinzuweisen,
um ebenso die Bedeutung des Minderwertigkeitsgefühles im
Lebenszusammenhang der Subjekte darzutun, hier noch ein abschließendes
Zitat von A. Adler:
„Wir sollten das allgemeine Thema des Minderwertigkeits-
und des Überlegenheitskomplexes nicht beschließen,
ohne zuvor einige wenige Worte auf die Frage verwendet zu haben,
welche Beziehung zwischen diesen Komplexen und normalen Menschen
besteht. Jeder Mensch hat, wie gesagt, ein Minderwertigkeitsgefühl.
Doch dieses Gefühl ist noch keine Krankheit, sondern
im Gegenteil ein Stimulanz für gesunde, normale Bestrebungen
und Entwicklungstendenzen. Daraus wird erst dann ein pathologischer
Zustand, wenn das Unzulänglichkeitsgefühl den Menschen
überwältigt und, weit davon entfernt, zu nützlicher
Tätigkeit anzuspornen, den betreffenden Menschen depressiv
und entwicklungsunfähig macht. Dann ist unter Umständen
der Überlegenheitskomplex einer der Wege, die dem Menschen
mit einem Minderwertigkeitkomplex offenstehen, um seinen Schwierigkeiten
zu entkommen. Er stellt sich vor, er sei überlegen, wenn
er es keineswegs ist, und dieser vorgetäuschte Erfolg entschädigt
ihn für den Zustand der Minderwertigkeit, den er nicht ertragen
kann. Der normale Mensch hat keinen Überlegenheitskomplex,
er hat nicht einmal ein Überlegenheitsempfinden. Er strebt
nach Überlegenheit in dem Sinne, wie wir alle den Ehrgeiz
haben, Erfolge zu erringen, doch solange dieses Bestreben seinen
Ausdruck in Arbeit findet, führt es durchaus nicht zu falschen
Wertungen, welche die Wurzel psychischer Krankheiten bilden.“
Literatur:
Michon "System der Graphologie"
Pulver "Symbolik der Handschrift"
Müller-Enskat "Graphologische Diagnostik"
Cobbaert "Graphologie"
Känzig "Graphologie"
Daim "Handschrift und Existenz"
Adler "Über den nervösen Charakter"
Adler "Praxis und Theorie der Iindividualpsychologie"
Adler "Lebenskenntnis"
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