|
Ludwig Klages
Über Ludwig Klages,
über seine Person, über seine Philosophie und seine
Graphologie herrscht vielfach Einigkeit, was die rückblickende
Bewertung und Einordnung in die Historie angeht.
„ … er gilt als der Begründer der wissenschaftlichen Philosophie in Deutschland.“ ( Ploog )
„Als Ludwig Klages im Jahre 1917
sein Lehrbuch ‚Handschrift und Charakter' veröffentlichte,
da erhielt die Graphologie ihre eigentliche Fundierung.“ ( Brenger )
„ … der eigentliche Schöpfer der wissenschaftlichen Graphologie.“ ( Busch )
„Sein Name wird als ein Wendepunkt nicht nur in der Geschichte der Graphologie … seinen Platz behaupten.“ ( Daim )
„Und diesem Manne verdanken wir die moderne Deutungskunde der Graphologie.“ ( Kiene )
„Durch ihn erhielt die Graphologie als Methode der Diagnostik wissenschaftlichen Rang.“ ( Lüke/Lang )
„Man nennt ihn nicht zu Unrecht den Begründer der wissenschaftlichen Graphologie.“ ( Mertens )
„Sein grundlegendes Werk
‚Handschrift und Charakter' … befruchtete die Entwicklung
der Graphologie im deutschsprachigen Raum entscheidend.“ ( Wieser )
Aber es gibt auch kritische
Stimmen, nicht nur in der Gemeinde der Graphologen. Manche betrachten
seine nicht-rationale Methode, seine stark vom subjektiven Eindruck,
vom Gefühl, von der Intuition getragene Vorgehensweise skeptisch
oder lehnen sie sogar ab. Andere sehen in ihm einen geistigen
Wegbereiter der Nazis. Und einige betrachten ihn als Antisemiten.

Klages wird 1872 in Hannover geboren.
Seine ersten Lebensjahre verbringt er in der Atmosphäre einer
steifen norddeutschen Bürgerlichkeit. Die Mutter stirbt recht
früh. Der Vater, ein Kaufmann, soll ein Pedant gewesen sein, ganz
zum Leidwesen des Sohnes. Nachdem Ludwig das Gymnasium absolviert hat,
geht er zunächst zum Zweck des Chemiestudiums nach Leipzig, wo
unter anderem der berühmte Psychologe Wilhelm Wundt lehrt. Schon
bald wechselt Klages jedoch an die Technische Hochschule in Hannover,
um nächstens sich erneut zu verändern.
Er geht nach München, wo er
schließlich im Jahre 1896 auf dem Gebiet der Experimentalchemie
promoviert mit den Nebenfächern Physik und Philosophie. Nebenbei
besucht er Psychologie-Vorlesungen, hält Vorträge und sammelt
um sich einen Kreis junger Menschen.
Dieser Kreis wird zu einem Zirkel
außergewöhnlichen Treibens, der die Nachwelt noch lange
beschäftigen soll und zur Mythenbildung Anlaß gibt.
Die sogenannten
„Kosmiker“ machen nicht nur im Münchener Stadtteil
Schwabing von sich Reden, sondern weit über die Stadtgrenzen
hinaus. Dieser Kreis nennt sich auch „Blutleuchte“.
Gemeinsam ist den jungen Männern, zu denen zeitweilig auch Hans H.
Busse und mit Abstrichen Georg Meyer gehören, eine kritische,
negative Einstellung gegenüber der Gesellschaft. Im Grunde handelt
es sich um eine Art revolutionären Impuls, um Gesellschaftskritik
und Opposition. Keineswegs haben wir es jedoch hier mit Kommunisten,
Anarchisten oder Sozialisten zu tun.
Die Stoßrichtung der Blutleuchte
ist eher antibürgerlich und zeigt okkulte Einflüsse. Man ist
davon überzeugt, daß das „Abendland“
gewissermaßen eine durch Verfall und Niedergang gekennzeichnete
Epoche des Verrats an den Ur-Kräften des Lebens darstellt. Vor
allem die Aufklärung ist es, gegen die man angeht. Der Glaube,
primär durch Vernunft und Verstand das menschliche Leben zu
definieren, scheint den Teilnehmern der Kosmischen Runde als fataler
Irrglaube. Man bedauert die durch Aufklärung und Rationalismus
stattgehabte Zurückdrängung von Gefühl und Empfinden.
Man sieht die Natur, das Ursprüngliche des Menschen
zurückgedrängt und durch Naturfernes, Künstliches
ersetzt. Man sehnt sich nach alten Riten, Bräuchen, nach
Natursymbolik und Mystik. Man liest Nietzsche und Bachofen.
Besonders Bachofens Theorie des Matriarchats fasziniert die jungen
Menschen, jene Theorie also, daß es in alten Zeiten ein
Mutterrecht gegeben habe, eine vom weiblichen Prinzip beherrschte
Gesellschaft, die bald vom Patriarchat, vom männlichen-geistigen
Prinzip, verdrängt wurde. Auf jenen Treffen des elitären
Kreises junger Menschen (fast ausschließlich waren es
Männer) geht es vielfach um das bildhafte Nachempfinden, um das
Wiedererleben und Wiederlebenmachen alter, antiker, archaischer Kulte
und Mythen.
Der Weg des damals von den
anderen ob seiner Eloquenz, Tiefe und Ausstrahlung bewunderten Klages
zur Graphologie führt über seinen Freund Hans H. Busse. Nach
der mit Busse initiierten Gründung der „Deutschen
Graphologische Gesellschaft“ in München, zu deren
Teilnehmern u. a. Ludwig Curtius und Elisabeth Förster-Nietzsche
zählen, beschäftigt Klages sich immer intensiver mit der
Schriftdeutung. Zuallererst bleibt er aber ein Philosoph.
Sein Hauptwerk "Der Geist als
Widersacher der Seele" beschäftigt sich mit der These, daß
Gefühl und Verstand sich in einem Widerstreit befinden. Es ist der
Kampf zwischen zwei entgegengesetzten Mächten. Das
unaufhörliche Wechselspiel von Gut und Böse, von Feuer und
Wasser, Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Heiß und Kalt, Erde und
Luft, Keimen und Welken, Blüte und Fäulnis, Alt und Neu, Sieg
und Niederlage - die Analogien ließen sich beliebig fortsetzen.
Von diesem ewigen Wechselspiel ist das Leben bestimmt. Der Geist, der
kühl kalkulierende Verstand, ist es, den Klages für
Dunkelheit und Kälte der modernen Welt verantwortlich macht. Er
knechtet die Seele; er treibt einen Keil zwischen Seele und Leib. Die
Rückkehr zum Gefühl, zum unmittelbaren Naturerlebnis scheint
das Gebot der Stunde.
Der Kulturpessimismus ist zu
stark in Klages verankert, als daß das Ersehnen einer besseren
Welt sich in die Zukunft richten könnte. Allein „das
göttliche Reich der Vergangenheit“ scheint das Ideal einer
seelenbestimmten Gemeinschaft gewährleisten zu können.
Gemeint ist offensichtlich die griechische Antike oder der kultisch
bestimmte alte Germanenstamm, welcher in tiefer Naturverbundenheit
elementare Kultur zelebriert und den Ritus lebt.
Auch in der Graphologie des Ludwig Klages findet diese Grundhaltung ihren Widerhall.
Klages stellt das Gefühl,
die Natur, die Lebenspraxis, das Er-Leben, die Intuition über die
Theorie, über die Abstraktion und das bloße Nachdenken. Der
Graphologe muß also das Wesentliche der Handschrift
zuvörderst erfühlen. Er muß es nachempfinden,
assimilieren und in sich einsaugen.
„Mit Mechanik und
Atomistik kann man Maschinen bauen, nicht aber Physiognomien verstehen,
sei es der Völker und Zeiten, sei es der Einzelwesen.“
Klages prägt vor allem drei Prinzipien für die modernere Graphologie, die sich bis heute gehalten haben:
- Die Doppeldeutigkeit der Zeichen
- Rhythmus und Takt
- Das Formniveau
Das Leben besteht aus einer Vielzahl von Lebensäußerungen, die vor allem aus Impuls und Gegenimpuls bestehen.
„ Das Leben selber muß
den Trieb, das Leben selber auch den Gegentrieb speisen, damit jener
wie dieser die ‚Kraft' gewinne, die ihn befähigt, sich
geltend zu machen.“
Alles hat zwei Seiten. Eine Reaktion
produziert eine Gegenreaktion. Kraft und Gegenkraft gehören
zusammen wie Tag und Nacht, wie Licht und Schatten.
Also müssen sich auch in der Handschrift jene Prinzipien wiederfinden.
|
Weite
|
Enge
|
|
Lösung
|
Bindung
|
|
Eifer
|
Ungebundenheit
|
Selbstbeherrschung
|
Mangel an Unmittelbarkeit
|
|
Strebsamkeit
|
Flüchtigkeit
|
Mäßigung
|
Ängstlichkeit
|
|
Freimut
|
Ungeduld
|
Zügelung
|
egoistische Vorsicht
|
|
Zwanglosigkeit
|
Mangel an Gründlichkeit
|
Zurückhaltung
|
Mißtrauen
|
|
Frische
|
Ungenauigkeit
|
Haltung
|
Zaghaftigkeit
|
|
Beweglichkeit
|
Nachlässigkeit
|
|
Berechnung
|
|
Liebe zur Sache
|
Bequemlichkeit
|
|
Mangel an Sachlichkeit
|
| |
Unbeherrschtheit
|
|
Ehrgeiz
|
|
|
Unkonzentriertheit
|
|
Mißgunst
|
|
|
|
|
Bosheit
|
Jedes Schriftzeichen erscheint im
Doppelsinn. Ob es mehr positiv oder negativ, ob es mehr zu diesem oder
jenem Pol neigt und entsprechend interpretiert werden muß. Das
ist nun wieder abhängig vom Formniveau.
Ein hohes Formniveau ist dann gegeben,
wenn der Schreiber eine eigengeformte Schrift produziert, die eine
erkennbare Distanz zur Schulvorlage besitzt, ohne unleserlich zu
werden, und wenn die Schrift zugleich rhythmisch und
ebenmäßig ist.
Ein niedriges Formniveau zeichnet sich
durch eine Nähe zur Schulvorlage, durch schwachen Rhythmus und
geringes Ebenmaß aus.
Insgesamt unterscheidet Klages 5 Stufen des Formniveaus:
1 = sehr hoch
2 = hoch
3 = mittlere Ausprägung
4 = niedrig
5 = sehr niedrig
Klages weist darauf hin, daß es
eine Sache der Übung ist, die einzelnen Stufen zu unterscheiden
und in der Schrift zu erkennen.
Stufe 1, die höchste Stufe, wird
eben durch den gegenteiligen Ausdruck von Stufe 5 erreicht. Das
Individualisierte, Nicht-Alltägliche und von der Schulvorlage
Fortentwickelte, dabei aber Harmonische und schön Anzuschauende. Klages spricht dann von einer Schrift, die „bedeutungsvoll, tief, gewichtig, perlend und rhythmisch“ erscheint.
Bezeichnend ist hier allerdings,
daß zur Beschreibung des Formniveaus ausschließlich
subjektive Begriffe verwendet werden. Was ist „bedeutungsvoll,
tief, perlend, banal, alltäglich“ bezogen auf eine
Handschrift?
Letztlich setzt sich das Formniveau aus drei Dimensionen zusammen:
- Rhythmus
- Eigenart
- Ebenmaß
Im Unterschied zum Takt, der identische,
gleichförmige Gestaltungen hervorbringt und insofern immer
künstlich bleibt, ist der Rhythmus nach Klages die beständige
Wiederkehr von Ähnlichkeiten. Der Rhythmus ist eine Art
Naturerscheinung, vergleichbar dem fließenden, gleitenden,
ungestörten Bewegungsablauf.
In der Handschrift ist alles
Unrhythmische die zu gleichförmige, zuchtmäßige
Schrift, ebenso sind dies Druckstellen, plötzlich ausfahrende
Schriftzüge, Brüche, Zerhackungen, scheinbar
willkürliche Bereicherungen. Gleiches gilt für alles
Plötzliche, Auffallende und den Rahmen des
Gleichmäßigen zu stark und zu abrupt Sprengende.
Zwischen 1900 und 1907, dem Jahre der
Auflösung dieser Gesellschaft, veröffentlicht Klages viele
Beiträge in den „Graphologischen Monatsheften“. Jene
Arbeiten bilden die Basis seiner späteren Standardwerke
„Handschrift und Charakter“ und „Die Grundlagen der
Charakterkunde“.
(... Artikel in Bearbeitung; für Hinweise, Anregungen und Kritik bitte eine Mail an Frank Dalldorf )
|