| Von der Geschichte der
Handschrift zum Formniveau
"Die Schrift ist das große Symbol
der Ferne, also nicht nur der Weite, sondern auch und vor allem
der Dauer, der Zukunft, des Willens zur Ewigkeit. Sprechen und
Hören erfolgt nur in Nähe und Gegenwart; durch die Schrift
redet man aber zu Menschen, die man nie gesehen hat oder die noch
nicht geboren sind, und die Stimme eines Menschen wird noch Jahrhunderte
nach seinem Tode gehört. Sie ist eins der ersten Kennzeichen
historischer Begabung. Aber eben deshalb ist nichts für eine
Kultur bezeichnender als ihr innerliches Verhältnis zur Schrift."
- Oswald Spengler in "Der
Untergang des Abendlandes" -
Die Handschrift ist Ausdruck des Entwlicklungsstandes
der Menschen. Für viele beginnt der Mensch in seinem Menschsein
erst mit der Schrift. Das ist sicherlich übertrieben, trifft
aber einen wesentlichen Kern, der die phylogenetische Bedeutung
der Handschrift umreißt.
Der Schriftbesitz als Kennzeichen des zivilisierten
Menschen, das Schreiben als wesentliche Kulturtechnologie, als
katalysatorischer Evolutionssprung und Basiskompetenz moderner
Technologien.
Aber die Schrift kam nicht einfach zu den Menschen.
Und schon früh machte man sich daran, die Ursprünge
zu erforschen. Bereits die alten Griechen und Römer, unter
ihnen Herodot, Platon, Plinius und Tacitus beschäftigen sich
mit der Frage, woher denn das Alphabet komme.
Heute geht die Historie von folgenden angenommenen
Fakten aus:
- Die Schrift entwickelte sich in einer bestimmten Kulturregion
(u. zw. Mesopotamien) und verbreitete sich von dort in die übrigen
Hochkulturen des Altertums (These von der Monogenese der Schrift).
- Das älteste Schriftsystem der Welt wurde vor etwa 5000
Jahren von den Sumerern in Mesopotamien erfunden.
- Der Grund für die Verwendung der Schrift als neue Technologie
im Altertum war die Erleichterung der Staatsverwaltung und des
Wirtschaftslebens, d. h. der Schriftgebrauch entstand aus praktischen
Uberlegungen.
- Das Chinesische ist die älteste, noch heute verwendete
Schriftsprache der Welt.
- Die Herkunft der auf Kreta gebrauchten Hieroglyphenschrift
und des Systems Linear A ist unbekannt.
- Das aus Kreta stammende Schriftsystem Linear B zur Schreibung
des mykenischen Griechisch ist die älteste Schriftart des
europäischen Kontinents vor der Ankunft des Alphabets.
- Im Altertum bestand zwischen dem Vorderen Orient und Europa
ein Kulturgefälle nach dem Motto »ex oriente lux«
(>Licht aus dem Osten<), und die Europäer, in erster
Linie die Griechen, haben ihre wesentlichen Impulse von dort
bezogen.
- Das Alphabet stammt aus Agypten, wurde von den Phöniziern
übernommen und von diesen verbreitet.
- Das germanische Runenalphabet ist eine Abzweigung aus der
griechischen (oder lateinischen) Schrift.
- Die ägyptischen Hieroglyphen wurden ausschließlich
zur Schreibung des Agyptischen und keiner anderen Sprache verwendet.
- Von Schreiben kann man erst sprechen, seit Schriftzeichen
zur Wiedergabe sprachlicher Laute verwendet wurden (z. B. Silben-
oder Buchstabenschrift).
- Haarmann "Universalgeschichte
der Schrift" -
Mit der Schrift versetzte sich der Mensch in die
Lage, über sich selbst hinauszuwachsen, seine Welt zu erweitern,
die Zeit auszudehnen und der Nachwelt etwas von sich selbst zu
hinterlassen.
Die Renaissance wäre ohne die Schriften der
Antike nicht denkbar gewesen. Der Klassizismus hätte nicht
stattfinden können. Und wir wären nicht wir ohne die
fixierte Überlieferung der anderen.
Zivilisation und Schreiben sind eng miteinander
verflochten. Letzteres brachte wesentlich ersteres mit hervor.
Damit ist die Schrift aber auch ein Symbol der Trennung.
Sie zieht Grenzen und entfernt die Menschen voneinander.
Die Mehrzahl der Sprachen sind keine Schriftsprachen.
Ein Teil der Weltbevölkerung lebt ohne Zugang zur Welt des
Schreibens, ein anderer Teil hat diese Technik nicht erlernt,
ein weiterer beherrscht sie nur rudimentär oder unzulänglich.
Schrift war und ist in einem gewissen Sinne auch
heute noch Standessache.
Oswald Spengler sagt dazu:
"Darin kommt aber bereits die Tatsache
zum Ausdruck, daß die Schrift im höchsten Grade Standessache
und zwar uraltes Vorrecht des Priestertums ist. Das Bauerntum
ist geschichtslos und also schriftlos. Es besteht aber auch eine
ausgesprochene Abneigung der Rasse gegen die Schrift. Dies scheint
mir von höchster Bedeutung für die Graphologie zu sein:
je mehr Rasse der Schreiber hat, desto sonveräner behandelt
er den ornamentalen Bau der Schriftzeichen und
ersetzt ihn durch ganz persönliche Liniengebilde. Der Tabumensch
allein hat beim Schreiben eine gewisse Achtung vor den Eigenformen
der Zeichen und sucht sie unwillkürlich immer wieder hervorzubringen.
Es ist der Unterschied des tätigen Menschen, der
Geschichte macht, und des Gelehrten, der sie nur aufzeichnet,
sie „verewigt“. Die Schrift ist in allen Kulturen
im Besitz des Priester tums, dem Dichter und Gelehrte zuzurechnen
sind. Der Adel verachtet das Schreiben. Er läßt schreiben.
Diese Tätigkeit hatte von jeher etwas Geistiges und Geistliches.
Zeitlose Wahrheiten werden es ganz nicht durch die Rede, sondern
erst durch die Schrift."
Betrachtet man den Begriff Rasse jenseits seiner
ideologischen Implikationen und seiner historischen Gebundenheit,
so könnte man ihn auch durch die Synonyme Größe,
Individualität oder Charakter ersetzen.
Die Behauptung von Spengler ist nun die, daß
es im Grunde zwei Klassen von Menschen gibt, nämlich solche,
die formend, selbstbewußt, elementar, souverän charismatisch
und im eigentlichen Sinne tätig sind. Die anderen, von ihm
als "Tabumenschen" bezeichnet, orientieren sich nicht
so sehr aus sich selbst heraus, sondern bewegen sich im Rahmen
des Vorgegebenen, und erfreuen sich an der Wiedergabe, an der
Aufzeichnung und geringfügigen Variation des schon Vorhandenen.
In der Graphologie ist jener Tabumensch gut an der Orientierung
der eigenen Handschrift, an der Schulvorlage zu erkennen. Seine
Schrift ist besonders gut lesbar. Seine Buchstaben weisen wenig
Eigenformung auf. Besondere Merkmale, typische Formen sind selten.
Alles ähnelt ein wenig der Schablone. Die Hemmung des Tabus
verhindert die Ausformung des Eigenen.
Der Tätige hingegen, der stärker Individualisierte,
hat zu seinem eigenen Stil gefunden. Ohne die Schulvorlage ganz
zu verlassen, ohne in einen selbstgeschaffenen Autismus zu versinken,
schafft er einen ihm eigenen Ausdruck, eine selbstbestimmte Form
und ein schriftsymbolisches Charateristikum.
Luwig Klages vertritt jedoch eine etwas andere Ansicht:
Eine hochgebildete oder gar hochkultivierte Handschrift kann
auf Eigenart, Ursprünglichkeit, Form nicht mit der, wenn
auch gewandten, Handschrift eines Mannes verglichen werden, der
bloß Volksschulbildung genossen hat. Denn das kennzeichnet
hohe Kultur und Bildungsstufe, daß Leben und Geist, soweit
überhaupt möglich, Legierungen bilden, wohingegen sie
mehr und mehr nebeneinander bleiben mit wachsender Unbildung und
Unkultur. Fänden wir also in zwei Handschriften, von denen
die eine beträchtliche Bildung, die andre Unbildung verriete,
das gleiche Formniveau, so läge das Formniveau der ungebildeten
Handschrift in Wahrheit wesentlich höher als das der gebildeten.
Damit kommen wir zu unsern Bewertungshilfen.
Ehe wir fragen: Wie erkennt man hohes Formniveau, fragen wir:
An was erkennt man das Gegenteil dessen? Nun, unter anderem daran,
daß eine Handschrift schablonenhaft, schulmäßig,
konventionell, banal, trivial, physiognomielos, alltäglich
usw. aussieht. Je mehr das also der Fall wäre, um so mehr
bliebe die Handschrift hinter dem zeitgenössischen Durchschnitt
des Lebensgehaltes zurück.
- Ludwig Klages "Der Mensch
und seine Handschrift" -
Sowohl Spengler, der kein Graphologe ist, als auch Klages weisen
auf das Schriftmerkmal einer individualiserten Handschrift hin.
Jehr mehr ein Mensch von der Schulvorlage abweicht, desto
höher sein Formniveau, desto höher seine Bildung, seine
Gelehrsamkeit, seine Intellektualität - so Klages.
Für Spengler liegt der Fall nicht so einfach, für
ihn kann sich der Fall durchaus anders herum darstellen. Denn
Gelehrte können in vielen, ja vielleicht sogar in den meisten
Fällen Tabumenschen sein. Psychologisch betrachtet verbirgt
sich hinter einer solchen Karriere des Gebildetseins eine Hemmung,
ein komplexhaftes Geschehen, worauf sich ein sublimatorischen
Etwas (Freud) aufbaut, das den Antrieb für Bildungshunger
und Ehrgeiz ausmacht. Der Tabumensch aber, obwohl hochgebildet,
besitzt eine Neigung zum Nachzeichnen und Abbilden, weil er dessen
als Akt symbolischer Selbsvergewisserung bedarf.
Literatur:
Haarmann "Universalgeschichte der Handschrift"
Spengler "Der Untergang des Abendlandes"
Klages "Der Mensch und seine Handschrift"
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