| Der Hype des Authentischen
Anmerkungen über den Terror der
Intimität und die Dämonen der Echtheit
"Der Mensch ist von Natur
aus künstlich"
Über den Gegensatz von Gesellschaft
und Gemeinschaft und die Spiegelung beider Ebenen in der Handschrift
Zusammenfassung:
Gesellschaft und Gemeinschaft sind Gegensätze
per se und werden es auch immer bleiben. Der Mensch verhält
sich naturgemäß in der Gesellschaft anders als in der
Gemeinschaft. Dem Fremden (Gesellschaft) tritt er unauthentischer
gegenüber als dem Familienmitglied (Gemeinschaft). Die sozialromantische
Vorstellung, man könne sich in der Gesellschaft (z. B. ganz
allgemein gegenüber Fremden oder konkret im Beruf, beim Vorstellungsgespräch,
beim Geschäftsessen, oder etc.) ebenso unbefangen, unmittelbar
und echt verhalten wie in der Gemeinschaft (im Freundeskreis,
im familiären Umfeld), ist nicht nur irrig, sondern für
den Betroffenen auch belastend.
Der widersinnige Anspruch, dem Fremden
gegenüber offen, echt, natürlich, unbefangen und emphatisch
zu sein, führt zu einem "Terror der Intimität"
(Plessner).Die alten Sekundärtugenden wie Form, Anstand,
Zeremoniell, Takt und Diplomatie stellen jedoch hilfreiche Mittel
dar, die Distanz zu überwinden. Der spielerischen Natur des
Menschen kommen diese "Distanztechniken" entgegen, sie
sind "Verhaltenslehren der Kälte" (Lethen).
„Ich bin wie ich bin!“
„Ich laß mich nicht verbiegen!“
Jene mit der Mentalität eines Abzählreims vorgetragenen
Gesinnungskundgebungen von Medienikonen der Moderne wie Daniel
K., Stefan E. und Dieter B. häufen sich zunehmend. In Coaching-Seminaren
und Kommunikationstraining wird die Forderung an einen herangetragen,
man selbst zu sein, sich nicht zu verstellen.
Das Primat des Authentischen liegt über allem
wie eine Art moralischer Imperativ der Postmoderne. Sichselbstgleichheit,
Identität, und Ich-Kongruenz werden von den Massenmedien
als Ideale des unbedingt Erstrebenswerten an den künstlichen
Horizont des Zeitgeistes projiziert. Dokusoaps auf allen Kanälen
verdeutlichen die Tendenz des Zeitgeistes. Ob im Container, im
virtuellen Gerichtssaal, in Casting-Shows oder sonstigen Thematisierungen
des vermeintlich Realen und Alltäglichen - das Authentische,
das vorgeblich Echte, erlebt einen unvergleichlichen Hype. Und
doch ist alles offenkundig inszeniert und nach den Prinzipien
des Marktgeschehens moduliert und angepaßt. Was uns als
echt verkauft wird, ist dies selbstredend nicht. Was uns als prototypisch
vorgeführt wird, ist nicht mehr als eine auf den Massengeschmack
nach den Prinzipien erhoffter Quotenerbringung ausgerichtete Illusion,
eine künstliche Übersteigerung konstruierter Eigentlichkeit.
Selbst wenn die uns als Superstars verkauften simplen Gemüter
bloße Quotenfänger im Abstrusitätenkabinett des
Alltäglichen, im Circus Maximus der Gegenwart, sind, so bleibt
doch der Nachhall des medialen Getöses in den Köpfen
der allermeisten. Und bei vielen wird unbewußt das als authentisch
Wahrgenommene in die eigene Persönlichkeit integriert und
gerät so zu einer Scheinidentität, zu einer idealisierten
Sinnprojektion.
Der Hype der Authentizität nährt den Verdacht der Selbstidealisierung,
welcher die Gegebenheiten des Wirklichen leugnet.
Die Wirklichkeit aber ist durchaus komplex, vielschichtig
und mitunter widersprüchlich.
„Niemand steigt zweimal in denselben Fluß“,
wußte schon Heraklit.
Und wie die Welt an sich, so ist auch der Mensch als
eingebundenes Wesen in die Strukturen des Gegebenen unmittelbar
affiziert von den Ebenen des Transitorischen und Nicht-Authentischen.
Rollendistanz und Normenflexibilität als soziale Grundfertigkeiten
erfordern Kompetenzen in den Bereichen von situativer Anpassung
und Flexibilität.
Völlige Authentizität ist ihrem Wesen nach nicht mehr
als ein unmittelbarer Ausdruck des Naiven:
"Wer nicht weiß, daß
er eine Maske trägt, trägt sie am vollkommensten."
Fontane
„Der Mensch ist von Natur aus künstlich.“
meint jedenfalls Helmuth Plessner etwas provokant in
seiner 1924 erschienen zeitlosen Polemik gegen den Terror der
Intimität. Und jene Streitschrift mit dem beziehungsreichen
Titel „Die Grenzen der Gemeinschaft“ hat bis heute
an Aktualität wenig verloren. Sie sei jenen anempfohlen,
die fortwährend das Hohelied der Authentizität anstimmen,
dem Echtheitskult huldigen und sich ständig vor dem vermeintlich
Unmittelbaren verneigen.
Das im Seminar beständig eingeforderte Feedback,
in die persönlichsten Sphären reinreichend, das im Kommunikationscoaching
zum Standard gehörende sogenannte „Blitzlicht“,
in dem jeder kurz über seinen augenblicklichen Gemütszustand
Rapport leisten muß - beides erinnert an den hochgehaltenen
Ethos von Glaubwürdigkeit und Echtheit, der seine Berechtigung
hat und ein hehres Ideal darstellt, aber nicht absolut gesehen
werden darf. Daß zwei Fremde sich in der Authentizität
begegnen, ist widernatürlich. Daß sie ohne Vorbehalte,
aufrichtig, offen, ehrlich und unvoreingenommen miteinander verkehren,
ist illusorisch. Im Gegenteil - der Zwang, authentisch sein zu
müssen, verunsichert und schafft eine Distanz, eine Kälte,
die nicht geleugnet werden kann.
Paradoxerweise gibt es Möglichkeit, sich über die Distanz
näherzukommen und vor allem sicherer zu fühlen. Diese
„Distanztechniken“ sind das, was früher Bestandteil
des Alltäglichen war und weitgehend verlernt worden ist:
Form, Anstand, Zeremoniell, Takt und Diplomatie.
Die Gemeinschaft braucht Spielregeln, Techniken des Umgangs miteinander,
die dem Einzelnen Raum geben und Raum lassen, die ihm die Möglichkeit
verschaffen, den Terror der Nähe zu überwinden. Die
Rückkehr des Sekundären, des Künstlichen und Formelhaften
kann vielleicht eher helfen, sich nahe zu kommen, als der Zwang
zur Gemeinschaft.
Plessner spricht von Techniken, „mit denen sich Menschen
nahe kommen, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander
entfernen, ohne sich durch Gleichgültigkeit zu verletzen“.
Diese wohltuende Distanz verschafft Nähe in der Ferne und
Ferne in der Nähe zugleich. Die Künstlichkeit des Verhaltens
gewährt dem einzelnen ein Repertoire der Gegenbezüglichkeit,
das entlastet und Freiräume einräumt.
"Alles Psychische, das sich
nackt hervorwagt, trägt das Risiko der Lächerlichkeit."
Plessner
„Jeder paßt zuerst
und zunächst auf den Andern auf, wie er sich verhalten,
was er dazu sagen wird. Das Miteinandersein im Man ist ganz
und gar nicht ein abgeschlossenes, gleichgültiges Nebeneinander,
sondern ein gespanntes, zweideutiges Aufeinander-aufpassen,
ein heimliches Sich-gegenseitig-abhören. Unter der Maske
des Füreinander spielt ein Gegeneinander.“
§ 37; Die Zweideutigkeit;
Heidegger „Sein und Zeit"
Mit anderen Worten: Die oftmals von den Menschen einforderte
Echtheit, die Authentizität ist ebenso eine Illusion wie
der übertriebene Gemeinschaftskult. Denn der Mensch neigt
zum Rollenspiel und Distanzierung.
Die Rückkehr des Tugendhaften als Schutzwall des Unmittelbaren
ermöglicht wechselseitigen Respekt und Anerkennung. Darin
liegt eine Gerichtetheit, eine selbstvergewissernde Augenscheinlichkeit,
die sich jenseits aller vermuteter Ursprünglichkeit bewegt.
Das sich darin offenbarende natürliche Maß an Distanzierung
ist nichts anderes als die zur Aufrechterhaltung der Identität
notwendige Abgrenzung. Daß dies nicht als bloßer Rückzug
stattfindet, ist ein Verdienst der Form. Aber gerade diese in
der Form liegende Künstlichkeit ist es, die wechselseitige
Wertschätzung verspricht. Die formelle Höflichkeit symbolisiert
in theatralischer Weise die Hochachtung des anderen.
Der Zwang zum Authentischen läßt den Menschen
entweder verkrampfen oder fordert zu Rücksichtlosigkeit und
Egoismus auf, indem jedweder situative Affektzustand nach außen
getragen wird. Man sagt, was man denkt, führt sein „Herz
auf der Zunge“, ist „geradeheraus“ oder eben
einfach nur „direkt“ und übersieht mit diesen
euphemistischen Umschreibungen den asozialen Charakter einer dergestalten
Grundeinstellung. Man könnte ja auch sagen - man habe kein
Taktgefühl, sei rücksichtslos, verletze gern andere
und neige dazu, sich wie ein „Elefant im Porzellanladen“
zu benehmen“.
Ein solches Verhalten hat geschichtliche Gründe:
"Wir haben Gefühle, aber keine Manieren. Und sind
ehrlich - selbst wenn es nur taktlos ist. Das große Mißverständnis
der späten 60er Jahre bestand darin, daß man mit der
Entlarvung der verdächtigen bürgerlichen Gesellschaft
auch alle anderen filigranen Regeln und Riten für verzichtbar
erklärte, die das Zusammenleben von Menschen, die einander,
wie die große Mehrheit, weder verwandt noch befreundet,
noch auch nur bekannt sind, zuträglich machen könnten."
(Cora Stephan "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte",
1994, S.60)
Von den Dämonen der Echtheit scheinen immer mehr Menschen
besessen.
Plessner unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen den beiden
Dimensionen Gesellschaft und Gemeinschaft. Zwischen beiden Ebenen
bestehen Wesensgrenzen.
Die Gesellschaft, das ist die Öffentlichkeit, das ist die
Welt der Gesetze, die der anderen, des Fremden, die Sphäre
der Nichtvertrautheit. Die Gemeinschaft hingegen meint die Vertrautheit,
die Familie, die Blutsverwandschaft, die engen Freunde und die
affektive Nähe.
Beide Ebenen wirken in ihrer Widersprüchlichkeit auf- und
gegeneinander. Die eine Ebene braucht die andere, um zu sein.
| Gesellschaft |
Gemeinschaft |
| Mißtrauen
|
Vertrauen |
Öffentlichkeit |
Privatheit |
Fremdheit |
Vertrautheit |
Andere |
Familie |
Vernunft |
Gefühl |
Künstlichkeit
|
Authentizität, Echtheit |
Die ideologisch gespeiste Sehnsucht nach
einem ekstatischen Gefühlskommunismus, nach einem friedvollen
Eiapopeia, nach einer allverbindenden Liebe aller Menschen mit-
und untereinander ist ein abstraktes Traumgebilde, das letztlich
mehr Schaden anrichtet als es Gutes hervorbringt.
Die dauerhafte Überwindung der Antinomie
von Gemeinschaft und Gesellschaft ist ein illusionäres Unterfangen.
Man kann die Gemeinschaft nicht soweit überdehnen, daß
sie in der Gesellschaft aufgeht. Das käme einem Zustand „sozialer
Promiskuität“ gleich“. In der Psychologie ist
dies ein pathologischer Zustand, der sich auf dem Boden frühkindlicher
Bindungsstörungen ergibt.
Gemeinschaft und Gesellschaft in der Handschrift
Jene beiden strukturgebenden Dimensionen
der Wirklichkeit offenbaren sich in der Handschrift unter anderem
über die Signatur. Die Unterschrift besteht ihrer Ursprünglichkeit
nach aus zwei Ebenen - Vorname und Nachname.
Der Vorname ist ja etwas ganz Persönliches,
etwas Vertrautes, es ist der Rufname und dieser wird als solcher nur
im intimen Umfeld benutzt (jedenfalls in Deutschland.)
Der Nachname hingegen benennt die Herkunft, die Familie und wird
in der Öffentlichkeit, auf dem Amt verwendet. In der Distanz,
Fremden gegenüber spielt er die größere Rolle.
Schreibt also jemand in seiner Unterschrift Vor- und Zuname deutlich
erkennbar, so hat er weniger Scheu mit seiner ganzen Person, mit
seiner Privatheit und den Anteilen der öffentlichen Struktur,
die zu ihm gehört, vor den anderen zu treten.

Auf den ersten Blick scheinen hier Vorname und Nachname
durch nahezu gleiche Formgebungen hervorgebracht, und doch ergeben
sich bei näherer Betrachtung Unterschiede. Der I-Punkt ist
im Nachnamen weiter nach rechts gesetzt, beim Vornamen ist er
konzentrischer und nahezu in einer Linie mit dem Buchstaben. In
graphologischer Deutung ergibt dies für den privaten Bereich
eine größere Zurückhaltung und Vorsicht. Das öffentliche
Auftreten ist offensiver, selbstbetonter und ehrgeiziger (Man
beachte in diesem Zusammenhang den hervorgehobenen, rechtsläufigen
Anfangsbuchstaben.)
Aber die Dinge sind nicht immer so einfach. In der Handschrift
eines Schülers, eines Jugendlichen, eines jüngeren Menschen
oder eines Schreibungeübten verliert sich die Aussagekraft
dieses Merkmals. Dadurch, daß Unterschriften nicht so oft
geleistet werden, dadurch daß die Signatur noch nicht so
fließt, können unbewußte Elemente noch nicht
so stark in die Schriftgestalt eindringen.

Im obigen Beispiel fällt beim Vornamen der gleichsam
als Überstreichung nach vor strebende Anfangsbuchstabe auf.
Hier ist jemand, der seine Privatsphäre, seine Familie schützen
will und teilweise auch abzuschotten versucht. Da der Vorname
stärker von der Fadenbindung geprägt und als solches
unleserlicher als der Nachname gestaltet ist, ergibt sich hier
interpretatorisch eine stärkere Zurückhaltung, ein Verschleiern
des Unmittelbaren, Vertrauten und Ureigenen, und dies trotz aller
Extraversion (weite Schrift).

Ist gar der Vorname durch Größe gegenüber
dem Nachnamen hervorgehoben, so kommt dies dem schablonenhaften
Verständnis vorgeblicher Authentizität recht nahe. Der
Schreiber trägt Privates nach außen, stellt sogar ersteres
über das letztere. Seine Emotionalität, sein Gefühl
überlagert den Verstand. Die Stärke, die darin liegt
- er weiß andere für sich einzunehmen, ist charismatisch
- wird durch Defizite überlagert (mangelnde Impulskontrolle,
Privates überlagert Geschäftliches) und bedarf einer
verstärkten Zügelung (lotrechte bis linksschräge
Schrift).
Die Verbindung beider Namensanteile ist Ausdruck eines
tendenziellen Zerfließens der Grenzen und besonders bei
Persönlichkeiten beobachtbar, die stark im Blickpunkt der
Öffentlichkeit stehen.

Man kann hier eine mangelnde Trennung zwischen
Gesellschaft und Gemeinschaft erkennen. Wo bin ich privat, wo
öffentlich? Im vorletzten Beispiel wird aufgrund von Rechtsläufigkeit,
Weite und hoher Schriftgeschwindigkeit ein Bedürfnis des
Schreibers deutlich, das Innerste gleichsam nach außen zu
kehren. Im letzten Beispiel ist es weniger das Gefühl, der
unbewußte Impuls, sondern eher die Überlegung, der
Verstand, der meint, Gemeinschaft und Gesellschaft zusammenführen
zu müssen oder zu können. Hier dominiert mehr der denkende
Geist (Linkschräglage), der in seinen Kunstprodukten (Verschnörkelungen)
des Denkens Synthesen schafft.

Wer, wie oben dargestellt, seinen Vornamen mit dem ersten
Buchstaben und einem Punkt abzukürzen pflegt, signalisiert
deutliche Zurückhaltung, Zurückhaltung, was seine Gefühle
und seine Privatsphäre relativiert. Das muß nicht heißen,
daß man diesem Menschen nicht trauen kann, es ist eher wie
im vorliegenden Beispiel Ausdruck einer nüchternen Sachlichkeit,
einer Zielgerichtetheit und innerer Konsequenz. Der Schreiber vermeidet
bewußt und ganz planmäßig Emotionen. Er trennt
recht strikt Privates und Geschäftliches. Dies sind zwei
Welten für ihn.

Findet sich als Unterschrift lediglich der Nachname,
so kann das als Ergebnis häufigen Unterschreibens gesehen
werden. Jemand, der beruflich sehr oft Unterschrift leisten
muß, der täglich 100mal oder mehr mit seinem
Namen zeichnet, unterschreibt gelegentlich so. Aber das ist nicht
Erklärung genug. Denn schließlich unterschreiben andere,
die ebenso oft signieren, vollständig mit Vor- und Nachname.
Schreibt jemand lediglich den Nachnamen, so blendet er zunächst
den persönlichen Teil seiner selbst aus, wenn er in Kontakt
zur Gesellschaft tritt. Es liegt in dieser Schreibweise
Distanz und Vorsicht, eine Haltung des Abwartens und der Reserviertheit.
Hier liegt eine Konzentration auf das Wesentliche vor, auf den
öffentlichen Auftritt, auf das, was andere von einem Denken.
Der Schein überwiegt möglicherweise das Sein.
| Gesellschaft |
Gemeinschaft |
| Nachname
|
Vorname |
Außengliederung |
Binnengliederung |
Raumbild |
Formbild, Bewegungsbild |
Extraversion |
Introversion |
|