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Aktuelles
Die
Geburt der Graphologie aus dem Geiste der Lebensphilosophie
Wenn es um die Frage
nach der Entstehung, nach dem Ursprung der Graphologie geht, werden
immer wieder Namen wie Camillo Baldo oder Johann Caspar Lavater
genannt. Aber keiner wird bezweifeln, dass die eigentliche Graphologie,
in ihrer umfänglichen und systematischen Form betrieben, erst
später in Frankreich und dann fast gleichzeitig in Deutschland
zu sich selbst fand.
In Frankreich sind mit dem Beginn der Graphologie vor allem Personen
wie Michon und dann nachfolgend Crépieux-Jamin in Verbindung
zu bringen, in Deutschland L. Klages und sein Kreis sowie Max Pulver in
der Schweiz. Die Graphologie, wie wir sie heute kennen, entstand und
formte sich im ungefähren Zeitraum von 1870 –
1940. Sie entstand auf dem Hintergrund einer Geisteshaltung,
einer philosophischen Strömung, die vor allem in Deutschland,
aber auch in Frankreich, gerade in jener Zeit vorherrschend war bzw.
ihre Blütezeit hatte – die Lebensphilosophie.
Ohne jene philosophische Strömung, die das Geistesleben jener
Zeit durchdrang, hätte sich die Graphologie
möglicherweise nicht so entwickeln können, wäre die
Graphologie nie die, die sie heute ist. Bezeichnend für die
enge Bindung an die Lebensphilosophie sind folgende Aspekte:
• Die Graphologie hat sich vor
allem in den beiden Sprachräumen entwickelt, in denen auch die
Lebensphilosophie ihre Blütezeit erlebte.
• Es besteht eine starke
zeitgeschichtliche Parallele. Im Grunde sind die Zeiträume der
Hochzeiten von Graphologie und Lebensphilosophie identisch. Es ist der
oben bereits erwähnte Zeitraum von 1870 –
1940.
Allein diese Gleichzeitigkeit weist auf eine starke ideelle
Nähe hin. Nach dem 2. Weltkrieg dann verloren
allmählich Graphologie und Lebensphilosophie an Einfluss -
sieht man im Falle der Graphologie von einzelnen wichtigen
Veröffentlichungen ab (Müller/Enskat, Pfanne, etc.),
die aber allesamt lediglich das Bestehende aufgriffen und neu
verpackten, bzw. systematisierten. Überhaupt hat sich seitdem
wenig wirklich Neues getan. Die überwiegende Zahl der
Nachkriegsautoren gibt in erster Linie das wieder, was vorher Michon,
Klages, Pulver, Pophal und Heiß beschrieben haben. Daran hat
sich bis heute wenig geändert.
Graphologie und Lebensphilosophie sind also offensichtlich parallele
Geschehen. Inwieweit dies auch inhaltlich und methodisch der Fall ist,
soll im Folgenden untersucht werden.
„Was Lebensphilosophie ist, läßt sich
schwer umreißen, schon wegen ihrer Vielgestaltigkeit,
hauptsächlich aber deswegen, weil, was Leben ist, immer
unklarer wurde, je mehr die Lebensphilosophen darüber
schrieben. Am besten versteht man den Begriff vielleicht von seinem
Gegensatz her, von dem man sich insgesamt abzusetzen pflegte, vom
mechanistischen, schematisierenden, an der Oberfläche
haftenden, mathematisch-rationalistischen und statischen Denken, das in
der Neuzeit entstand und nicht zuletzt durch Kants Wissenschaftslehre
verfestigt worden war. Ihm gegenüber will man das
Ir-rationale, das Einmalige, Innerliche, Seelische,
Erlebnismäßige, Dynamische wieder in Anschlag
bringen.“ (Johannes Hirschberger - Geschichte der Philosophie)
Man hatte am Ausgang des 19. Jahrhunderts genug von der
Vernünftelei und ihren Auswirkungen. Viele Studenten waren der
Logikseminare in der steifen Atmosphäre der
Universitäten überdrüssig. Junge
Intellektuelle zweifelten die Lehren der Professoren an. Ihnen erschien
die vorherrschende Weltanschauung blutleer und starr. Man bezweifelte,
dass der menschliche Verstand alles vermöge, dass die
menschliche Vernunft der einzige Weg zur Erkenntnis sei und letztlich
zur völligen Beherrschung der Natur und des Schicksals
führe.
Bislang deutete alles daraufhin, dass die Rationalisten Recht hatten.
Die Naturwissenschaften hatten die Welt verändert, Maschinen
bestimmten mehr und mehr das Leben der Bürger. Die
Industrialisierung schritt unaufhaltsam voran. Technische Neuerungen
formten die Arbeitswelt. Und doch war da eine gewisse Kälte
und Leere in der neuen so erfolgreichen Zeit. Es bleib scheinbar immer
weniger Raum für Unmechanisches, Unberechenbares, Spontanes
und Kreatives. Man versuchte alles in Regeln, Strukturen und Gesetze zu
pressen.
Da nun jede starke Bewegung ohne Gegenbewegung nicht denkbar ist, kann
es keinen verwundern, dass in jenen Zeiten sich vermehrt
Widerstände regten, die gewissermaßen als Antithese
zu vorherrschenden Denkweisen andere, antirationale und
naturwissenschaftskritische Sichtweisen
entwickelten.
Die Lebensphilosophie geht vom Begriff des Lebens aus. Besser gesagt:
weniger vom Begriff, als denn vom Leben, vom Er-leben, vom
Lebensgefühl.
Wilhelm Dilthey sieht den Ausweg in einer eigenständigen
Geisteswissenschaft, die sich unabhängig von den
vernunftgesteuerten Naturwissenschaften macht und so den Menschen zu
neuen und zukunftsweisenden Ufern führt.
Ähnliches fordert Henri Bergson. Der weltweit wohl
prominenteste Vertreter der Lebensphilosophie stellt fest, dass
Naturwissenschaften wohl für den Raum, für Zahlen und
geometrische Figuren zuständig sind, nicht aber für
die Zeit, deren Wesen Bergson als ständig fließend,
unumkehrbar und inhomogen betrachtet. Zeit ist nicht mit
naturwissenschaftlichen Methoden in ihrem Wesen erfassbar. Das ist nur
intuitiv möglich.
Überhaupt setzt die Mehrzahl der Lebensphilosophen dem
Verstand die Intuition entgegen. Man glaubt hier ein wichtiges Element
der Erkenntnis zu haben, das nicht vernachlässigt werden darf.
Dem Leben und einer angemessenen Philosophie kann man demnach nur
gerecht werden, wenn man jene Sphären berücksichtigt,
die mit modernen Begriffen wie
„Bauchgefühl“ oder „emotionale
Intelligenz“ beschrieben werden können.
Für die Lebensphilosophie gilt jene auch von Goethe
unterstützte Auffassung Kants, dass es einen „Newton
des Grashalms“ nie geben wird, bzw. nicht geben kann, da das
Leben in seinem Innersten mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht
beschreibbar ist. In diesem Zusammenhang kann ein Zitat aus Goethes
Faust gut den Standpunkt der Lebensphilosophie verdeutlichen:
„Geheimnisvoll am lichten Tag
läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben
und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“
Und so besinnt sicht die Lebensphilosophie denn auf das Erleben. Viele
Lebensphilosophen schwärmen nicht nur vom Leben, vom
Gefühl, von den Emotionen. Sie wollen das Leben am eigenen
Leibe spüren. Sie wollen intensive Momente des Lebens
erfahren. Von Ludwig Klages ist dies aus seiner Schwabinger Zeit
bekannt, wo er ein Initiator und maßgebliches Mitglied des
sogenannten „kosmischen Kreises“ ist. Ein loser
Verbund junger Studenten im Münchener Stadtteil Schwabing um
die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, der, sich auch Blutleuchte
nennend, das erkaltete Blut zum Leuchten bringen, es erwärmen,
es erstrahlen lassen - es kurzum beleben will.
Es ist kein Zufall, dass viele Vertreter der Lebensphilosophie keine
Professur innehaben und nicht an einer Universität dozieren
(Klages, T. Lessing u. a.). Man will fort von den inhaltsleeren
Gedankengebäuden, in denen die Kälte lebensfremder
Konstrukte ihre vorhersehbaren Spielchen treiben. Man widersetzt sich
dem Mainstream, den vorherrschenden Normen. Man will ausbrechen aus dem
Vorgegebnen. Man will Eigenes, Andersartiges und Neugestaltiges
erschaffen. Die Wendung gegen den dominierenden Rationalismus ist auch
eine Wendung gegen die Aufklärung, gegen die Technik, gegen
das etablierte Bürgertum und gegen die vorherrschende Moral.
"Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige
Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten
hinein in die Arbeit der Bauern." (Heidegger)
Man will die Philosophie aus den Studierstuben holen und den kalten
Gedanken wieder Leben einhauchen. Das Unmittelbare ist der
Lebensphilosophie näher als die Gedankenferne der
universitären Seminare. Deshalb zieht sich ein Heidegger
für das Schreiben in die Einsamkeit seiner Berghütte
zurück und entwickelt seine Philosophie besonders dann, wenn
draußen die Naturgewalten die kleine Behausung umtoben. Hier
hält der Philosoph seine Seminare. Wer teilnehmen will, muss
zunächst kilometerweit die Hänge hinauf, um dann Holz
zu hacken, Wasser aus der Ferne zu holen und auf einem kargen Holzbett
zu schlafen. Es gilt das Leben zu spüren.
Die Vertreter der Lebensphilosophie waren und sind Fortschrittsskeptiker,
Zivilisations- und Technikkritiker. Sie misstrauten einem Fortschritt,
der sich vor allem auf der Basis eines naturwissenschaftlich-rationalen
Denkens bewegte. Reaktionäre Antimodernisten, wie ihnen
oftmals unterstellt wurde, waren sie indes nicht. Sie träumten
von einer naturnahen Wendezeit; von einer Einheit von Körper,
Geist und Seele und von einer unverkrusteten Gesellschaft, die dem
Leben und einer unverstellten Leiblichkeit mehr Raum gibt.
Die ersten ökologischen Impulse des vergangenen Jahrhunderts
gingen von der Lebensphilosophie aus. Dies ist nicht weiter
verwunderlich, da in jener Geistesströmung eine Nähe
zum Leben und zur Natur gefordert wurde. Die Wandervogelbewegung war
Ausdruck einer derartigen Sehnsucht nach der Natur. Man empfand die
Stadt und deren Industrieanlagen, die in jener Zeit mitten in die
Großstädte integriert wurden, als Bedrohung. Die
rauchenden Schlote der Fabriken vermittelten eine Naturferne. Der Umbau
Welt, der städtischen und industriellen Landschaften, die
fortschreitende Asphaltierung, die mäandernden Strommasten, all
das befremdete und änngstigte die Menschen. Es
entstand nicht erst in dieser Zeit eine Sehnsucht nach
Ursprünglichkeit und nach einem unmittelbaren Naturerlebnis.
Schon die Landschaftsmalerei keimte im Grunde erst auf, als Menschen
begannen, sich in Großstädte und Industrieanlagen
zurückzuziehen.
Aus Anlass der Jahrhundertfeier, die die Freideutsche Jugend 1913 auf
dem Hohen Meißner veranstaltete, verfasste Ludwig Klages den
Aufsatz „Mensch und Erde“. Klages bezeichnet den
Naturschutz als „meine letzte Leidenschaft“. Er war
Mitglied des Heimatschutzbundes und später trat er in den
Schweizerischen Bund für Naturschutz ein. Klages beklagt den
mannigfachen Eingriff des Menschen in die Natur und die
Rücksichtslosigkeit, mit der dies geschieht. Tierarten werden
dezimiert. Naturlandschaften werden zerstört.
„Unter dem schwachsinnigsten aller Vorwände, dass
unzählige Tierarten schädlich seien, hat er (der
Mensch) nahezu alles ausgerottet, was nicht Hase, Rebhuhn, Reh, Fasan
und allenfalls noch Wildschwein heißt.“
Aber es geht ihm nicht nur um die heimische Natur. Der Eingriff des
Menschen in die Natur, sein zerstörerisches Wirken ist ein
globales Problem.
„Um die sogenannte Kulturmenschheit mit Billardkugeln,
Stockknöpfen, feinen Kämmen und Fächern und
ähnlich ungeheuer nützlichen Gegenständen zu
versehen, werden nach den neuesten Berechnungen achthunderttausend
Kilogramm Elfenbein jährlich verarbeitet. Das ist
gleichbedeutend mit der Niedermetzelung fünfzigtausend der
gewaltigsten Tiere der Welt.“
Klages macht deutlich, wie sich die Werte für den modernen
Menschen verschoben haben. Er hat die Ehrfurcht vor dem Leben verloren
und ist nicht mehr in der Lage, den Wert des Lebens zu
schätzen. Alles wir aufgerechnet in Geld, alles hat einen
Marktwert, Billardkugeln können wichtiger sein als
Elefanten.
„Die Mehrzahl der Zeitgenossen, in
Großstädten zusammengesperrt und von Jugend an
gewöhnt an rauchende Schlote, Getöse des
Straßenlärms und taghelle Nächte hat keinen
Maßstab mehr für die Schönheit der
Landschaft, glaubt schon Natur zu sehen beim An-blick eines
Kartoffelfeldes und findet höhere Ansprüche
befriedigt, wenn in den mageren Chausseebäumen einige Spatzen
und Stare zwitschern.“
Kaum noch ist der Mensch in der Lage, zwischen Natur- und
Kulturlandschaft zu unterscheiden.
„Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen
Menschenschöpfung und Erde, vernichtet für
Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft.
Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte,
Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und
Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Ägypten
Australien, Amerika; die gleichen grauen vielstöckigen
Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der
Bildungsmensch seine segensreiche Tätigkeit
entfaltet.“
Der Markt und die ihm nachfolgende menschengeschaffene Infrastruktur
triumphiert über die Natur. Wo sieht Klages, wo sehen viele Lebensphilosophen die Ursache
für die Entfernung von der Natur, für die mangelnde
Sensibilität gegenüber dem Leben? Zum einen ist da
das Unvermögen des modernen Menschen, in ganzheitlichen
Zusammenhängen zu denken und die Welt als in seinem Innern
beseelt zu begreifen. Stattdessen betrachtet man Einzelteile unter
materialistischen Aspekten.
„Wir brauchen es nicht zu entscheiden, ob das Leben
über die Welt der Eigenwesen hinausreiche oder nicht, ob die
Erde, wie es der Glaube der Alten wollte, ein lebendes Wesen oder aber
(nach der Ansicht der Neueren) ein unfühlender Klumpen
‚toter Materie’ sei; denn soviel steht fest, dass
Gelände, Wolkenspiel, Gewässer,
Pflanzenhülle und Geschäftigkeit der Tiere aus jeder
Landschaft ein tieferregendes Ganze wirken, welches das Einzellebendige
wie in einer Arche umfängt, es einverwebend dem
großen Geschehen des Alls.“
Das Naturbild, was hier dargestellt wird, trägt animistische
Züge. Die Natur scheint belebt, nicht tot. Alles ist
miteinander verwoben, nicht zerstückelt und aufeinander
unbezogen. Tieren, Pflanzen und Objekten wohnt eine Seele inne. Sie
sind Lebewesen wie der Mensch. Sie sind Geschöpfe der Natur
und ebenso wie der Mensch in deren Kreislauf eingebunden und nicht
reduzierbar auch Mineralien, Aminosäuren und Reststoffe, nicht
reduzierbar auf einen kommerziellen Nutzen. Sie sind nicht als klonbar und patentierbar.
Die menschliche Vernunft gerät ebenso wie die
Vorstellungskraft immer wieder an ihre Grenzen. Das ist jedem
gegenwärtig, wenn er nur einmal versucht, sich Unendlichkeit
vorzustellen. Die moderne Physik vertritt gegenwärtig
mehrheitlich die sogenannte Urknalltheorie. Trotzdem bleibt es
unbegreiflich, wie denn aus nichts etwas werden kann. Selbst
für den Urknall müssen Urstoffe, Gase,
Kräfte, Energien vorhanden gewesen sein, um den
„Urknall“ zu erzeugen. Woher dies alles kam, bleibt
unbegreiflich. Und es sind nicht wenige Wissenschaftler, die an einer
derartigen Schnittstelle letztlich auf religiöse
Erklärungen verfallen, weil eben hier die Grenzen des
Rationalen erreicht sind und das Irrationale beginnt.
Robert Musil spricht vom „Schlafwagenabteil der
mathematisch-logischen Erkenntnismethode“.
"Man ist Strohhalm und Atem, und die Welt die zitternde Kugel. In jedem
Augenblick entstehen alle Dinge neu; sie als feste Gegebenheiten zu
betrachten, erkennt man als inneren Tod ... Das ist die Stimmung
philosophisch schöpferischer oder philosophisch eklektischer
Zustände. Man kann sie intellektuell als verspäteter
Christ auslegen oder das Fließen des Heraklit an ihr
demonstrieren, überhaupt allerlei heraus- und hineinlesen,
unter andrem auch ein ganz neues Ethos. Glauben wir daran? Nein. Wir
spielen damit Literatur. Galvanisieren Buddha, Christus und andere
Ungenauigkeiten. Ringsum tobt die Vernunft in Tausenden von PS. Man
trotzt ihr und behauptet, in einem verschlossenen Kästchen
eine andere Autorität zu haben. Das ist der Sammelkasten
Intuition. Man öffne ihn doch endlich und sehe, was darin ist.
Vielleicht ist es eine neue Welt."
Die Lebensphilosophie macht nun das Irrationale zum Thema, sie hat den
Mut dazu, und zwar von vornherein, nicht nur, weil sie irgendwann nicht
mehr weiter weiß, weil sie an die eigenen Grenzen geraten
ist. Sie tut dies, weil sie das Leben als Ganzes betrachtet und nicht
bereit ist, einfach Teile der Erfahrung auszuschalten und zu leugnen,
weil diese nicht deckungsgleich sind mit einer vorherrschenden
gesellschaftlichen, universitären und in Wissenschaftskreisen
dominierenden Ideologie, die rationalistisch geprägt ist. Sie
macht nicht vor einer Sache halt, wenn diese nicht durch exakte
wissenschaftliche Kriterien darstellbar ist.
Rationalismus und Wissenschaft können mit Argumenten des
Lebens oft nicht viel anfangen. Sie wollen messen, berechnen und
benötigen Zielvorgaben, um Input und Output zu vergleichen.
Ethische Fragen sind ihnen fremd. Spätestens hier, bei der
Ethik, beginnt das weite Feld des Irrationalen. Was soll der Mensch
tun? Was ist gut? Was ist böse? Was ist das Leben? Was ist
lebenswert? Alles Fragen, die allein rational nicht zu beantworten sind
und doch nicht unbeantwortet bleiben können, weil es sich um
zentrale Aspekte des Lebens handelt. Und zum Leben gehört eben auch
das Irrationale.
Der Begriff „irrational“ transponiert zumeist jede
Menge negativer Assoziationen. Man verbindet damit Bedeutungen wie
„unvernünftig“,
„vernunftswidrig“ oder
„unüberlegt“. Wer irrational handelt, der
tut dies dem gemeinen Verständnis nach ohne jedes Nachdenken
und ohne alle Überlegung. Wem zum Vorwurf gemacht wird, sein
Denken sei irrational, dem gibt man zu verstehen, er unterliege
Trugschlüssen, Fehldeutungen oder offensichtlichen
Irrtümern. Mit dem Vorwurf des Irrationalen ist in der Regel
auch immer der Vorwurf verbunden, man schalte seinen Verstand nicht
ein, man überlege nicht richtig, nicht folgerichtig,
vernachlässige wider besseren Wissens eine geltende Ordnung
und komme schließlich zu falschen Schlüssen und
Auffassungen. In diesem Sinne wird dann das Irrationale auch als
absurd, konfus, unklar und widersinnig aufgefasst.
Die im allgemeinen Sprachgebrauch vorherrschende fast
ausschließlich negative Bedeutung des Wortes
„irrational“ reflektiert die geradezu
übermächtige gesellschaftliche Position des
Rationalen. Für die meisten Menschen ist das Rationale
gleichbedeutend mit dem Wissenschaftlichen und eng mit der Vorstellung
verbunden, dass die Wirklichkeit, dass die gesamte Lebenswelt mit Hilfe
der Wissenschaft letztlich durchschaubar, beschreibbar und auch
kontrollierbar ist.
Paul Feyerabend geht auf die Ursprünge des Begriffes
„rational“ in der vorsokratischen Philosophie
zurück und zeigt auf, dass im Sinne von Herodot und Protagoras
„rational“ bedeutet:
„Wir sind daran gewöhnt und die Sache
gefällt uns.“
Möglicherweise hat der österreichische Physiker und
Nobelpreisträger Wolfgang Pauli Recht, wenn er fordert:
"Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden
Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der
einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende
Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in
Verbindung miteinander zu bringen."
Es ist kein Zufall, dass die Hochzeit der Graphologie mit jener
der Lebensphilosophie zusammenfällt. Ludwig Klages war einer
der Einflussgeber der Lebensphilosophie in Deutschland. In ihm
ergänzen sich beide Themen in einem geradezu paradigmatischen
Ausmaß. Die Schriftdeutung wird bei Klages aus einem
lebensphilosophischen System heraus entwickelt. Was zuvor nicht viel
mehr als eine Ansammlung graphologischer Erfahrung war und im
Fleiß Michons, in dessen Sammelleidenschaft von Handschriften
und der darauf aufbauenden systematischen Zuordnung von Schriftzeichen
und Eigenschaften einen vorläufigen Höhepunkt fand,
erfuhr nun eine qualitative Weiterentwicklung, mehr noch - eine
Neuorientierung. Denn nun erst bekam die Graphologie ein Fundament.
Die Zusammenführung von Lebensphilosophie und Graphologie war
im Grunde ein Quantensprung für die Schriftpsychologie. Denn
nun war die Deutung der Handschrift nicht mehr bloß ein
empirisches Geschehen, sondern sie erhielt eine philosophische Basis,
einen gedanklichen und vor allem weltanschaulichen Untergrund. Klages
Erkenntnis der einander gegenüberstehenden Prinzipien von
Geist und Seele führte ihn zu der Annahme der
Polarität der Schriftzeichen. Auch der in der Lebenswelt
wirkende Rhythmus, jenes Naturphänomen des Lebendigen, fand
seine Entsprechung in der Handschrift. Gleiches gilt für den
Gegenpol, den Takt als Ausdruck des Künstlichen, Rationalen
und Unlebendigen.
Und doch waren in der Graphologie, und insbesondere in deren deutscher
Gestaltung immer schon lebensphilosophische Einflüsse
vorhanden. Die intuitive Deutung der Handschrift ist seit Lavater eine
wesentliche Methode, auf die bis heute nicht verzichtet werden kann.
Das sich Einfühlen in die Schriftgestalt und die assoziative
Verfahrensweise besitzen eine starke Nähe zu jener
lebensphilosophischen Grundstrategie, die Dilthey als
„Hermeneutik“ bezeichnet. Dilthey hat den Begriff
zwar nicht erfunden, aber aus der künstlerischen
Nische in das wissenschaftliche Interesse gerückt. Unter
Hermeneutik versteht er ein systematisches Vorgehen im Dreischritt von
Erkennen, Verstehen,
und Interpretieren.
Das Wahrnehmen, das Verstehen - und hier ist der Akt der Auffassung,
mithin das unmittelbare Verstehen gemeint - und letztlich die
Interpretation: Das sind auch wesentliche Elemente der Graphologie. Die
mechanische Analyse, das bloße Addieren von Schriftzeichen,
das Ausmessen, das Vermessen - all dies tritt in den Hintergrund
gegen-über dem deuterischen Vorgehen. Graphologie ist
Schriftdeutung, ist Schriftinterpretation und setzt als solches die
Einfühlung voraus. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um
Elemente der Hermeneutik und der Lebensphilosophie. Graphologie ist
sozusagen über weite Strecken eingebunden in einen
lebensphilosophischen Kontext, der geschichtlich und, wenn man so will,
schicksalsmäßig mit ihr verbunden ist.
Lebensphilosophie, bedeutet in gewisser Hinsicht aktive Philosophie.
Man lebt. Man will das Leben in sich spüren. Lebhaftigkeit,
Bewegung, Aktivität und Intensität gehören
zum Leben dazu, machen es aus, sind bestimmend und gestaltend.
Während die Rationalisten in der Einförmigkeit ihrer
Denkhöhlen verharren und ängstlich Ab- und Umwege
vermeiden, wenden sich die Lebensphilosophen dem Erleben zu. Die einen
sind mehr zielorientiert. Für die anderen ist eher oder
zumindest auch der Weg das Ziel. Für Graphologie und
Lebensphilosophie gilt: Ohne Einfühlung, ohne Sinnlichkeit,
ohne Nacherleben, ohne Intuition und Kreativität geht es
nicht. Dies sind sogar die wesentlichen Elemente, hinter denen das
Rationale zurückstehen muss. Das Warme siegt über das
Kalte, die Nähe dominiert über die Ferne, das
Organische steht über dem Anorganischen.
Ein anderes Merkmal der Lebensphilosophie ist auch das
„Außeruniversitäre“. Man kann
beinahe sagen - die Opposition zum universitären
Wissenschaftsverständnis. Man entwickelt sich vor allem
außerhalb des Universitätsbetriebes, sei es gewollt
oder ungewollt.
Die meisten Lebensphilosophen haben hauptsächlich
außerhalb der Universität gewirkt. Klages war im
Grund Zeit immer Privatgelehrter. Theodor Lessing arbeitete als
Journalist. Georg Simmel erhielt erst spät eine Professur.
Nietzsche gab die universitäre Laufbahn aus freien
Stücken auf. Der Klagesfreund Alfred Schuler, den man getrost
als Lebensphilosophen bezeichnen kann, wirkte nur durch seine
Vorträge und verhinderte immer wieder, dass schriftliche
Zusammenfassungen seiner Gedanken publiziert wurden. Erst postum
veröffentlichte Klages einiges von und über ihn.
Ebenso wie die Lebensphilosophie im Wissenschaftsbetrieb nie richtig
Fuß gefasst hat, weil sie dem Leben zu nah und der
Wissenschaft zu fern war, ebenso verhält es sich mit der
Graphologie. Auch letztere hat sich nie richtig universitär
etablieren können, oder sollte man nicht besser sagen - wollen.
Die nachfolgende Übersicht ist eine tabellarische
Zusammenfassung der wichtigsten Elemente, Ideen, Wertvorstellungen und
Ideologien, die für die Lebensphilosophie richtungsweisend
sind (und ebenso für die Graphologie). Es werden jeweils nur
die Schlagworte aufgelistet. Demgegenüber zur Abgrenzung und
weil es so etwas wie der Gegenpol ist, finden sich entsprechende
Begriffe, die mit dem Rationalismus assoziierbar sind.
|
Lebensphilosophie
|
Rationalismus
|
|
Irrationalismus
|
Rationalismus
|
|
Gefühl
|
Verstand
|
|
Unvernunft,
Spontaneität
|
Vernunft
|
|
Subjektivismus
|
Objektivismus
|
|
Kreativität
|
Logik
|
|
Praxis
|
Theorie
|
|
Erfahrung
|
Evaluation
|
|
Unbewusstes
|
Bewusstes
|
|
Interpretation
|
Analyse
|
|
Kunst
|
Technik
|
|
Kreativität
|
Kompilarität
|
|
Geisteswissenschaft
|
Naturwissenschaft
|
|
Relativismus
|
Absolutismus
|
|
Seele,
Leben
|
Geist,
Verstand, Vernunft
|
|
Natur
|
Technik,
Mechanik, Industrie
|
|
Unsicherheitsdenken
|
Sicherheitsdenken
|
|
Holismus
(Ganzheitsdenken)
|
Atomismus,
Partikularismus
|
|
Körper,
Leib als untrennbarer
Teil der Seele
|
Leib
als bewusstlose Hülle
|
|
Ekstase,
Emotionalität
|
Ruhe,
Besinnung, Nachdenken
|
|
emotionale
Intelligenz
|
rationale
Intelligenz
|
|
Rhythmus
|
Takt
|
|
Wertzuwachs
|
Machtzuwachs
|
|
Relativismus
|
Absolutismus
|
Von
Schädeldeutern und Graphologen
„Von
Schädeldeutern und anderen Scharlatanen“ - so
betitelt
der Osnabrücker Professor für Wirtschaftspsychologie,
Uwe Peter Kanning, sein
neues Buch, das sich unter anderem mit der Graphologie
beschäftigt und dabei
letztlich Graphologen in eine Reihe mit Scharlatanen stellt. Aber dies
ist
nicht das erste Buch von Kanning, in dem er sich in
äußerst negativer Weise
über Erfahrungen, Methoden und Wissensgebiete
äußert, die sich seiner Vorstellungswelt
entziehen.
Dabei ist die
Argumentation immer die gleiche: Was bisher
nicht einer wissenschaftlichen Überprüfung
standhält, ist Unfug. Alle, die
derartiges betreiben, sind Scharlatane. Herr Kanning tritt auch schon
einmal
bei Skeptikerverbänden auf. Dort treibt man die Einteilung der
Welt in
Wissenschaft und Nichtwissenschaft auf die Spitze. Was alles als
Aberglaube
abgetan wird, mündet in ein umfangreiches Sammelsurium, zu dem
dann unter anderen
auch nahezu das gesamte Spektrum der Alternativmedizin, der
Psychoanalyse, des
sogenannten Coachings, der Anthroposophie und natürlich der
Religionen gehört.
Demnach werden nahezu ganze Berufsstände als
Verführer, Schwindler und
Scharlatane verunglimpft, was nicht nur für die Graphologie
gilt, sondern auch
für Heilpraktiker, Motivationstrainer und Psychologen, wenn
sie denn etwa tiefenpsychologische
Techniken wie die Psychoanalyse oder Hypnose einsetzen.
Es entsteht so eine Welt,
die vor allem zwei Seiten kennt:
Das, was wahr ist, und das, was der Unwahrheit entspricht. Auf der
einen Seite
das Richtige, auf der anderen das Falsche. Das Richtige ist das
wissenschaftlich Belegbare, das Berechenbare, das durch den Verstand
Begreifbare. Das Falsche ist das bloß Fühlbare, das
Intuitive, das bloß auf
Erfahrung Beruhende, das Emotionale und schließlich all das,
was (noch) nicht
wissenschaftlich bewiesen ist. Man teilt die Welt in Wissenschaft und
Nichtwissenschaft, in das, was ein darf und das, was nicht sein darf.
Dabei
kommt es außerdem zumeist zu einer Gleichsetzung von
Wissenschaft und
Naturwissenschaft, was innerhalb der Wissenschaft selbst umstritten
ist, denn
dort unterscheidet man zwischen Erfahrungswissenschaft und
Geisteswissenschaft.
Die Erfahrungswissenschaft spaltet sich dann wieder in
Naturwissenschaften und
Sozialwissenschaften. Graphologie ist Erfahrungswissenschaft, aber auch
Geisteswissenschaft (Klages).
Die Skeptiker und Kanning
vertreten einen naturalistischen
Standpunkt, den auch die sogenannten „Brights“
vertreten. Der Naturalismus ist
eine materialistische und physikalistische Weltanschauung, die
lediglich die
beobachtbare Natur und deren experimentell nachweisbare
Phänomene anerkennt.
Schließlich kämpfen
Skeptiker und
Brights für eine „objektive Erkenntnis“
und gegen alles Subjektive, Ungefähre
und Nicht-Beweisbare. Das Problem dabei ist, dass so in letzter
Konsequenz ein
recht großer Bereich des Lebens (oder genauer: der
menschlichen Erfahrung) unberücksichtigt
bleibt und im Extremfall sogar einer Verunglimpfung
anheimfällt.
Der skeptische Standpunkt
ist ein sogenanntes
„disbelief-System“, das Milton Rokeach (1960) in
seiner grundlegenden Arbeit
zum Dogmatismus ebenso wie das „belief-System“ als
Ursache von Dogmatismus
ausgemacht hat. Man
bekämpft den
Dogmatismus nicht mit dogmatischen Mitteln!
Die Zahl der Bereiche,
die Kanning und die Skeptiker in den
Bereich der Pseudowissenschaft rücken, wächst
ständig. Auch die Körpersprache
zählt Kanning dazu, die Motivationspsychologie ebenso. Alles
Hokuspokus, weil
nicht eindeutig evaluierbar. Im strengen wissenschaftlichen Sinne nicht
evaluierbar ist aber viel mehr. Kanning selbst ist Professor der
Wirtschaftspsychologie – ein zweifellos interessantes Gebiet - aber über weite
Strecken nicht wissenschaftlich
validierbar. Nehmen wir nur den Bereich Wirtschaft. Jedes
wirtschaftliche
Modell ist vor allem hypothetisch und fast nie wissenschaftlich
validierbar (es
sei denn durch szientistische Trickserei). Der Stifter der Nobelpreise,
Alfred
Nobel, äußerte den Wunsch, dass bitte nie ein
Wirtschaftswissenschaftler
ausgezeichnet werden sollte - vergeblich. Wirtschaftswissenschaftler
wie
Friedman und Hajek haben Nobelpreise für ihre neoliberalen
Wirtschaftstheorien
bekommen, für Modelle, die gerade in den letzten Jahren
grandios an der
Realität gescheitert sind und sich für viele als
gefährlicher Unsinn erwiesen
haben. Der ganze Bereich der Psychologie ist über weite
Strecken zutiefst
subjektiv verhangen und grundsätzlich nicht objektivierbar.
Hier ist man
notwendigerweise auf Spekulationen und Theoriebildung angewiesen.
Evaluierungen
sowie experimentelle Feldforschungen sind hier nur bedingt
aussagekräftig und
nie als objektiv im eigentlichen Sinne zu betrachten.
Kurzum: Wollten wir die
Welt in Wissenschaft und
Nicht-Wissenschaft (im Sinne einer naturalistischen Weltanschauung)
teilen,
dann bliebe nicht viel übrig von der Welt. Eine Welt, in der
es vor allem
Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Medizin gibt, aber kaum mehr.
Für die
Graphologie gilt: Die meisten Graphologen halten es
für unerheblich, ob Graphologie nun der Definition nach eine
Wissenschaft ist
oder nicht. Sie ist vor allem eine Methode, ein ausgefeiltes System der
Persönlichkeitsdiagnostik. Sie hat weitreichende Verankerungen
in der Erfahrungswissenschaft,
in der Geisteswissenschaft (Hermeneutik) und in der Philosophie
(Lebensphilosophie). Sicher ist die Frage interessant, ob es sich mit
wissenschaftlicher Methodik und ganz von jedem Zweifel frei beweisen
lässt,
dass Schriftdeutung tatsächlich das misst, was sie messen
will. Aber dazu
müsste man ebenso exakt und genau das vermessen
können, was letztlich bisher
nicht genau messbar ist - die Persönlichkeit und den Charakter
eines Menschen.
„Graphologische
Skizzen zur Finanzkrise“
Was gegenwärtig
geschieht und
was noch alles auf die Menschen zukommen wird, hat einst Ludwig Klages
mit dem Wort „Mammonismus“ beschrieben. Er meinte
damit die
eine Eigendynamik entwickelnde Finanzwirtschaft mit ihren destruktiven
Kräften. Jener Begriff will einen Zustand verdeutlichen, in
dem
das Geld, in dem die Geldwirtschaft einen quasireligiösen
Status
erreicht hat. Alles kreist um den „Mammon“, alles
Denken
und Fühlen der Menschen ist auf den Gelderwerb ausgerichtet,
alles
Streben und Sehnen am Geld bemessen. Der Einzelne zählt kaum
noch,
der allgemeine Maßstab ist das Geld, der abstrakte Besitz,
der
als imaginäre Monstranz vor sich hergetragen wird. Der
Mammonismus
bezeichnet jene Seite der unkontrollierten Geldwirtschaft, die auch in
jüngster Zeit immer wieder als Manchesterkapitalismus
bezeichnet
wird und ein rücksichtsloses Vermögensstreben meint,
das
letztlich auf der einen Seite zu immenser Anhäufung
von
Besitztümern und auf der anderen zu extremer
Verarmung
führt.
Klages äußerte aus einer pessimistischen Weltsicht
heraus:
„ … allein wohl nur wenige sind sich bewusst
geworden,
dass dieser Mammon ein wirkliches Wesen ist, das sich der Menschheit
als eines Werkzeuges bemächtigt, um das Leben der Erde
auszu-tilgen.“
Mammonismus - das Wort selbst birgt den Wortstamm
„Ismus“
in sich, was soviel bedeutet wie „Glaubenssystem“,
eine
„Ideologie“, eine geistige Strömung, eine
Wissenschaft. Dahinter verbirgt sich der Irrglaube, das Leben und
letztlich die Welt sei in ihrem Wesen und in ihrer Struktur ein
Äquivalent zum Geld, alles sei schlussendlich aufteilbar,
berechenbar, zerteilbar, abwägbar und in Geld messbar, alles
sei
in seinem Warencharakter aufrechenbar. Und letztlich sei dies die
einzig richtige, die alternativlose Sichtweise der Dinge. Der freie
Markt, das freie Spiel der ungestörten Kapitalbewegungen und
Kapitalflüsse führe unweigerlich zur besten aller
möglichen Welten. Das hat man uns bis zum jüngsten
Zeitpunkt
verkauft. Der Mammonismus als moderne Theodizee! Und alle jene, die vor
den Folgen jenes ungehemmten neoliberalen Treibens warnten, wurden als
Hemmschuhe einer freien Marktwirtschaft, als Linke, als Kommunisten
oder einfach als Naivlinge abgetan.
Wenn in Deutschland ein kritisches Wort zu den unmoralisch hohen
Managergehältern fiel, sah man sich postwendend dem Vorwurf
ausgesetzt, dass man eine typisch deutsche Neiddebatte
anstoßen
wolle. Wer mehr Marktkontrolle forderte, galt als Fortschrittsfeind,
als Simpel und kaum Ernstzunehmender, als Arbeitsplatzvernichter und
Wachstumshemmschuh. Nun ist das alles plötzlich anders. Und
diejenigen, die zuvor noch jeden Ruf nach dem Staat als
unzeitgemäß und naiv belächelten, fordern
nun eine
Regulierung der Märkte. Jene, die vor kurzem noch das Hohelied
der
gänzlich freien und unkontrollierten Märkte zum
Besten gaben,
stimmen nunmehr den Minnesang der staatlichen Regulierung
an.
Szenen wie diese waren vor wenigen Monaten noch undenkbar - als der
Chef der bankrotten und zur Geschichte gewordenen amerikanischen
Großbank „Lehman Brothers“ Rede und
Antwort stehen
musste.
„Ein sichtlich betroffener Ex-CEO heute vor dem Kongress in
Washington. Er sollte Rechenschaft ablegen über seine Arbeit
und
vor allem über eines: Über sein Gehalt, seine Boni
und seine
Aktienoptionen.
Der Kongress rechnete Lehman CEO Richard Fuld vor, dass er seit 2000
rund 500 Millionen kassiert hätte. Allein das Gehalt betrug
2005
89 Millionen Dollar. Hinzu kamen im Laufe der Jahre Boni und Gewinne
aus Verkäufen von Aktien und Einlösung von Optionen.
Kongress: „Sie haben fast eine halbe Milliarde Dollar
kassiert, finden Sie das fair?“
Fuld: Schweigen. Stottern. „Die Zahlen sind nicht ganz
akkurat.“ Zittern.
Die
Schriftzüge weisen
einen Menschen aus, der dazu neigt, den Bezug zur Gesellschaft und
ebenso zur Realität zu verlieren. Diese Eigenschaften paaren
sich
mit einer ausgeprägten Egozentrik.
Die deutlichen Längenunterschiede konzentrieren sich vor allem
auf
Anfang und Ende des Wortes, fallen also mit einer Anfangs- und
Endbetonung zusammen. Der Mann ist zweifellos von Ehrgeiz getrieben. Er
will sich selbst und andere von seinen Fähigkeiten
überzeugen. Minderwertigkeitskomplexe werden hier offenbar.
Die
Begabung, Menschen zu führen, ist nicht ausgeprägt.
Zu
selbstbezogen und zu sehr mit den eigenen Zielen und Projekten ist R.
Fuld befasst, als dass er in der Lage wäre, sich in einem
ausreichenden Maße mit den Befindlichkeiten anderer zu
beschäftigen. Dabei versteigt er sich gelegentlich in
eigenwillige
Ideen und Vorstellungen, deren Verwirklichung er einigermaßen
rücksichtslos durchzusetzen im Stande ist.
Szenenwechsel.
Es bleibt unbegreiflich und ist ein niederschmetterndes Urteil
über die Moralität einer Gesellschaft, wenn ein
Einzelner
8000 (!) mal soviel verdienen kann wie ein
Durchschnittsbürger.
Kein Mensch kann 8000 mal besser sein als der Durchschnitt: Er kann
dies in körperlicher Hinsicht nicht - darüber braucht
man
überhaupt nicht nachzudenken. Er kann dies aber auch in
geistiger
Hinsicht nicht. Kein Genie kann mit seiner Leistung dauerhaft 8000fach
über dem Durchschnitt liegen.
Man macht den Menschen glauben, es sei die Leistung, die zum Geld
führt, es gehe alles gerecht zu, man sei selbst für
sein
Glück verantwortlich, und man könne durch
„ehrliche
Arbeit“ reich werden. Man kann - aber leider nur in den
seltensten
Fällen, die dann als willkommenes Feigenblatt dienen. Im
Normalfall bestimmt der Markt über das Schicksal der Menschen,
und
dort geht es in der Regel nicht gerecht zu. Denn hier geht es weniger
um wirkliche Produkte als um das Geld an sich, um einen Marktwert, um
Renditen, um Zinsen, um Geldvermehrung in diverser Form. Hier kann
derjenige besonders gut sein Geld vermehren, der ohnehin schon viel
davon besitzt.
Fußballspieler verdienen Millionen mit dem
Argument, sie würden eben auch
außergewöhnliche Leistungen
zeigen. Dabei sind sie lediglich Nutznießer einer
Marktbesonderheit, die eben jene Sportart bevorzugt, während
andere Sportler in anderen Sportarten, die dort vergleichbare oder gar
bessere Leistungen zeigen, diese nicht in Geld umwandeln
können.
In der Zeit neoliberalen Umverteilung der letzten Jahre
„explodierte die Zahl der Millionäre und
Milliardäre.
Deutschland hat mit 55 die in der Welt zweithöchste
Konzentration
an Milliardären mit einem Vermögen von 178 Milliarden
Euro,
fast ein Drittel der jährlichen Nettolöhne und
-gehälter
aller 37 Millionen deutscher Arbeitnehmer. Oder anders
ausgedrückt: Ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer
müsste sein gesamtes Einkommen 185.000 Jahre voll zur Seite
legen,
um das Durchschnittsvermögen der deutschen
Milliardäre zu
erreichen.“ (Quelle:
http://www.jjahnke.net/krise.html)
Diese abstrusen Unverhältnisse entstehen erst durch eine
unkontrollierte und zum Religionsersatz erhobene Geldwirtschaft, die
der Wirtschaft einen mythischen Anschein zukommen lässt und
dem in
Demut und götzenhafter Anbetung gehaltenen Untertan glauben
macht,
der „freie Markt“ müsse in jedem Fall
unangetastet
bleiben, ihm dürften keinerlei Grenzen gesetzt werden, um den
freien Fluss des Kapitals nicht zu behindern - so als sei der
Kapitalfluss das Lebenselixier, das Herzblut des modernen Seins.
Der Tanz um das goldene Kalb, um den Mammon, hat eine
schwindelleregende Geschwindigkeit erfahren. Das Karussell der
Finanzbewegungen um den Globus hat sich derart beschleunigt, dass es
den Reisenden die Sinne umnebelt und einen Temporausch erzeugt hat.
Immer schneller, immer heftiger und fordernder begann das Rad sich zu
drehen. Die Bodenhaftung ging schon lange verloren. Wünsche,
Phantasien und Gelüste traten an die Stelle reeller
Bezüge.
Der Kontakt zum Leben, zum Unmittelbaren hat sich längst
verloren.
Wie in einem Rausch, wie in einer Art Massenhypnose bewegten sich
Wirtschaft und Politik im Gleichschritt. Man glaubte an das, was man
glauben wollte - ewiges Wachstum, ständig wachsende
Märkte.
Man suggerierte anderen und sich selbst die Allheilkraft des freien
Marktes. Immer weniger Staat, immer mehr Markt. Bald sollte alles dem
freien, ach so effektiven und gerechten Spiel der selbstischen
Kräfte überlassen werden. Am Ende hätte man
dann sicher
irgendwann noch Polizei, Feuerwehr und Streitkräfte
privatisiert.
Schlussendlich hätte man wohl auch noch die nationalen
Regierungen
aufgelöst und Ratingagenturen als oberste Instanzen
eingesetzt.
„In den aktuellen Zusammenhängen ist das Geld zum
Gott
geworden“, kritisiert der evangelische Bischof Wolfgang
Huber. Er
fordert die Menschen auf, den „Tanz um das goldene Kalb zu
beenden und „Geld nicht länger zu
vergötzen“.
Dabei ist das alles nicht neu. Auch Anfang der dreißiger
Jahre
gingen die Banken pleite, stürzten die Aktienkurse ab. Auch
damals
besaßen die wohlhabendsten 0,1 Prozent der Amerikaner fast 40
Prozent des gesamten Volksvermögens. Die Reichen waren zu
reich
geworden und stürzten die Weltwirtschaft in eine Krise - so
jedenfalls die Analyse eines der einflussreichsten Ökonomen
des
vergangenen Jahrhunderts, John Kenneth Galbraith.
Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die Geldkonzentration in den
Hände weniger einen gewissen Punkt erreicht, wenn die
ärmeren
Schichten der Bevölkerung ausgepresst sind und die
Mittelschicht
weitgehend eingedampft ist, wird der Nährboden für
ein sich
immer schneller und stärker konzentrierendes Kapital weniger
fruchtbar. Hinzu kommt, dass mit der Konzentration des Kapitals auch
die Renditesucht oder besser die Gier zunimmt. Ein Teufelskreis
entsteht. Letztlich führt dies dazu - damals wie heute - dass
irgendwann neue "kreative" Finanzprodukte entstehen, die sich jenseits
der Realwirtschaft bewegen. Zuletzt wurden in den USA Putzfrauen,
Gelegenheitsarbeitern und Exhäftlingen, die in ihrem Leben
noch
niemals gearbeitet hatten, Immobilienkredite aufgedrängt, die
man
dann mit anderen Papieren bündelte und
als Finanzprodukte weiterverkaufte. Auch diesmal wie 1929
dominierte die abstruse Ansicht, dass der Markt dauerhaft stabil bleibe
und kontinuierlich wachse. Auch diesmal wieder ist es die vermeintliche
Elite der Gesellschaft, die durch ihren Reichtum und dessen
verselbständigte destruktive Energie die Krise verursacht
hat.
Jener sozialdarwinistische Großversuch, der immer
wieder als
alternativlos, als einzig wahr und richtig verkauft wird, ist
also offensichtlich erneut gescheitert. Selbst der deutsche
Großbanker Josef
Ackermann spricht von einer Systemkrise.
Ackermann ist jedoch weniger der Typ, den Selbstzweifel plagen oder der
unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet wie jener Richard Fuld.
Der Manager der Deutschen Bank ist mit einem deutlichen
Selbstbewusstsein ausgestattet. Seine Unterschrift offenbart ein hohes
Maß an Vitalität. Ungestört in ihrem Ablauf
drängen die Schriftzüge vorwärts. Der
Schreibrhythmus
ist ausgeprägt. Wenn man es einem Banker zutrauen
möchte, in
diesen schweren Zeiten das Schiff durch die unruhige und
stürmische See zu führen, um endlich wider in
ruhigere
Wässer zu gelangen, dann ihm. Allerdings ist auch er nicht
davor
geschützt, Sachverhalte und Situationen falsch
einzuschätzen, da ihn sein Selbstbewusstsein schon einmal dazu
verleiten kann, sich mehr von Gefühlen als vom kühlen
Verstand leiten zu lassen (siehe das aus der Mittelzone in die Oberzone
ragende kleine „a“). Aber ist das ein Nachteil?
Oder
bezeichnet man derartiges heutzutage nicht als „emotionale
Intelligenz“? In jene Richtung deuten auch die
ausgeprägten
Girlanden. Die erkennbaren Verschleifungen können als Hinweis
auf einen
gesunden Egoismus verstanden werden. Die Schrift macht auf dem Weg zum
Du einen Umweg über das Ich. Nach Schriftzeichen, die Gier
oder
Rücksichtslosigkeit nahe legen, sucht man hier vergebens. Man
kann
Ackermann seine Entrüstung abnehmen, die er angesichts der
Vorwürfe Bischof Hubers nach außen trägt,
denn er -
Ackermann - glaubt an die Richtigkeit seines Tuns und ist zudem kein
Mensch, der vor anderen zu Kreuze kriecht. Wenn es denn sein
müsste, kreuzigte er sich denn am ehesten
selbst.
Der als ein wichtiger Begründer des Neoliberalismus geltende
Friedrich August von Hayek ist da von ganz anderer Natur. Die
Schreibschwünge deuten schon den Feingeist an, der sich gern
in
den Gewölben und Wendeltreppen seines Elfenbeinturmes verirrt
bzw.
geistige Architekturen bevorzugt, die sich jenseits aller
Realität
bewegen.
„Wir täuschten uns nicht, als wir den
‘Fortschritt’ leerer Machtgelüste
verdächtig fanden,
und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt.
Unter den Vorwänden von ‘Nutzen’,
‘wirtschaftlicher Entwicklung’,
‘Kultur’ geht
er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen
seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die
Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen
Völker aus,
überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit
die
Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch
überlässt, gleich dem
‘Schlachtvieh’ zur
bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen
Beutehungers.“ (Ludwig Klages)
Der Chef der angeschlagenen US-Bank Merrill Lynch, John Thain, verlangt
einen Bonus von bis zu zehn Millionen Dollar und dies, obgleich die
US-Bank 40 Milliarden Dollar durch die Finanz-krise verloren
hat.
Die nachfolgende Unterschrift John Thains zeigt ein
überbetontes
Mittelband. Der Hinweis auf ein starkes Selbstbewusstsein wird durch
die Anfangs- und Endbetonung noch verstärkt. Beide Zeichen
verweisen auf eine starke Egozentrik. Das Ich befindet sich in einem
Zustand der Überdehnung.
Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang noch das
Ineinanderfließen von Vor- und Nachname. Privater und
öffentlicher Auftritt fallen zusammen, verschränken
sich
ineinander. Denkbar ist hier auch, dass das Privatleben kaum noch
vorhanden ist oder der Schreiber zwischen beiden Sphären immer
weniger
zu unterscheiden vermag.
Eine weitere Signatur John Thains lässt ein erhebliches
Maß
an Rhythmik vermissen. Der Ablauf ist gestört. Die
egomanischen
Impulse drängen scheinbar unkontrolliert nach außen.
Die
erkennbaren harmonischen und fließenden Momente des oben
abgebildeten Beispiels haben sich hier verloren. Nun treten die
negativen Aspekte stärker hervor - Egozentrik,
Rücksichtslosigkeit, Autismus. Aber auch
Rückzugstendenzen
und Verteidigungslinien sind erkennbar. Die Schriftzüge sind
jetzt
mehr in der Mitte versammelt, nicht mehr so weit, sondern wie ein
Schutzwall aufgestellt. Dabei wirkt alles gedrängter und noch
mehr
ineinander verschleift. Hier fühlt sich jemand in eine Ecke
gedrängt. Er agiert nicht mehr frei und aus sich selbst
heraus.
Gestaute Energien und Aggressionen treten über das Schriftbild
nach außen.
Der zuvor noch
erkennbare
Rhythmus ist verloren gegangen. Der weitgehend freie Fluss der Energie
ist ins Stocken geraten und erinnert jetzt ein wenig an Packeis, so als
seien die vordem noch nacheinander gestellten Schriftzüge
nunmher
ineinander verschoben und zusammengedrängt. Man kann jenen auf
dem
Schreiber lastenden Druck erahnen, der ihn hemmt und seine Energien
staut, der ihn bedrängt und nicht zu Atem kommen
lässt - eine
Situation, die er nicht kennt und der er offensichtlich auch nicht
gewachsen
scheint.
Ludwig Klages spricht von einer „schrankenlosen Herrschaft
des
Geldsacks“ und sieht die Welt auf zwei Gegensätze
zutreiben
- einerseits „die Inhaber des größten
Kapitals“
und andererseits die „Ohmacht der schlechthin
Mittellosen“.
Möglicherweise stellt die Finanzkrise auch eine Chance dar,
voreilig eingeschlagene Wege zu überdenken zu produktiven
Lösungen zu gelangen, die stärker im Dienste des
Lebens stehen.
„Die
Rückkehr der Graphologie“
„Die Rückkehr der
Graphologie - Personalchefs setzen wieder auf zweifelhafte Methoden bei
der Personalauswahl“
So betitelt die
Skeptikerorganisation GWUP ihre Reaktion auf
einen Beitrag im Deutschlandfunk vom 14.05.2008. Dort
wird festgestellt, daß nach wie vor einige Unternehmen in
Deutschland (in Frankreich und der Schweiz seien es hingegen "zwischen
38 und 93 %") graphologische Gutachten als wertvolle Hilfsmittel der
Personalauswahl betrachten. .
In jenem Beitrag des
Deutschlandsfunks heißt es unter anderem:
"Jens Brandenburg von
der Düsseldorfer Unternehmensberatung "Brandenburg
Consultants" vertraut auf solche Gutachten. Er vermittelt
Führungskräfte mit einem Jahresgehalt ab 80.000 Euro.
Wenn Assessment
Verfahren und psychologische Tests nicht ausreichen, bittet er um eine
Handschriftenprobe."
Derartige Aussagen stören erwartungsgemäß
selbsternannte wissenschaftliche Tugendwächter wie die
Sketikerorganisationen, welche Pawloschen Hunden
gleich beim
ersten Glockenton gelaufen kommen, nur daß sich hier zum
üblichen Speichelfluß noch ein grelles Kleffen
gesellt.
Und wieder einmal wird eine Untersuchung Ben Shakhars von der Hebrew
Univerity in Jerusalem bemüht, worin dieser letztlich die
Graphologie mit "Kaffesatzleserei" vergleicht.
Es ist jedoch hilfreich, die Studie einmal genauer zu betrachten.
Unter dem Titel „Can Graphology predict
Occupational
Success?“ erschien jene Untersuchung im “Journal of
Applied Psychology” im Jahre 1986, Vol 71, S. 645 - 653.
Dabei handelt es sich, genauer betrachtet, um zwei
Studien. Bei Untersuchung Nr. 1 geht es
um die Schriftproben von 80 Mitarbeitern zweier israelischer
Großbanken, die zwischen einem und drei Jahren in der Firma
beschäftigt waren. Drei (!) Graphologen beurteilten deren
Schriftproben (biographische Skizzen) anhand eines Beurteilungsbogens
mit einer Skala von 1 - 6, auf der drei Bereiche bewertet werden
sollten:
1. berufliche Eignung, beruflicher Erfolg
2. soziale Kompetenz
3. Loyalität, Anpassungsbereitschaft
Neben den drei Graphologen bewertete ein
Psychologe die
Handschrift als vermeintlicher Laie. Dann verglich man die Ergebnisse
mit jenen der Testbatterie des Auswahlverfahrens der einstellenden
Firma. Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die
Handschrift als vermeintlicher Laie (!!!).
Das Ergebnis der Untersuchung ergab nur ein
geringfügig besseres Ergebnis für die Graphologen,
was dahingehend
interpretiert wurde, daß sich angeblich Laienurteile von
Graphologenurteilen nicht unterscheiden lassen. Dieser Umstand wurde
dann weiterhin als Indiz dafür angesehen, daß
Graphologenurteile, da sie letztlich nicht aussagekräftiger
als Laienurteile scheinen, nach wissenschaftlichen
Maßstäben wertlos seien.
Die genaue Betrachtung der einen wie der anderen
Studie ergibt
jedoch folgendes Bild:
Die Graphologenurteile unterscheiden sich in
Teilbereichen
sehr wohl und streckenweise sogar deutlich vom Laienurteil. Sie kommen
hier zu besseren Ergebnissen.
Die Anzahl der teilnehmenden Graphologen
– in der
ersten Studie waren es drei, in der zweiten fünf - ist zu
gering, um gerade nach wissenschaftlichen Kriterien
repräsentativ und letztlich aussagekräftig zu sein.
Insgesamt wurde etwa zwanzig Graphologen die
Teilnahme an der
Studie offeriert. Der Großteil sagte nach Einsicht in die
Gestaltung der Studie ab (und dies wohl aus gutem Grund).
Das vermeintliche Laienurteil durch nur eine
Person vertreten
zu lassen, ist völlig unverständlich und mutet
geradezu lächerlich an. In der Rezeption der Studie(n) ist
dann immer davon die Rede, Graphologenurteile unterschieden
sich nicht
von Laienurteilen. Hier ist die Mehrzahl
sachlich falsch (im Grunde eine Fälschung) und erweckt beim
Rezipienten einen nachweislich
unrichtigen Eindruck. Außerdem ist es fragwürdig,
einen Psychologen als Laien auszugeben, da dieser mit einer hohen
Wahrscheinlichkeit über Grundkenntnisse der graphologischen
Methode verfügt.
Die beiden "wissenschaftlichen" Untersuchungen
orientieren
sich vor allem an den Bereichen beruflicher Erfolg
und soziale Kompetenz. Indes können
beide Ebenen nie sicher und genau evaluiert werden. Selbst wenn
Fremdbeurteilungen durch andere (Vorgesetzte, Kollegen) als
Bewertungsbasis dienen, erhält man keine sicheren Daten. Auch
die Fremdbeurteilung birgt unterschiedliche subjektive
Einflußgrößen. So spielt es etwa eine
Rolle, ob der Vorgesetzte den Bewerber selbst eingestellt hat oder ob
er ihn sympathisch findet. Auch der berufliche Erfolg hängt
von unterschiedlichen Momenten ab (Zufall, Begünstigung,
etc.), die jenseits tatsächlicher Eignung liegen.
Soviel zu jener Studie von Ben Shakhar, die immer
wieder
erwähnt und gegen die Graphologie ins Feld geführt
wird, ohne
daß sich einer der Autoren die Mühe macht, die
"Untersuchung" im Original zu lesen und im Detail nachzuschauen.
Was die Studie von Barry Beyerstein
angeht, die
ebenfalls zu keiner positiven Beurteilung der Graphologie kommt, so ist
hier zu berücksichtigen, daß es sich um eine
sogenannte
Meta-Analyse handelt, um eine wissenschaftliche Analyseform also, die
lediglich andere Untersuchungen zusammenfaßt und statistisch
auswertet. Meta-Analysen sind unter Wissenschaftlern höchst
umstritten, da sie mehrere Schwachpunkte aufweisen:
- Garbage-in-Garbage-out-Problem (unterschiedliche
Untersuchungen mit unterschiedlichen Qualitäten werden
vermengt)
- Äpfel-Birnen-Problem
(unterschiedliche Zielvorgaben werden in einen Topf geworfen,
Vergleichbarkeitsproblem)
-
selbsterfüllende Prophezeihung (häufig
werden nur erwünschte Ergebnisse publiziert oder
erwartungsgemäß interpretiert)
- Problem der Berücksichtigung
von Mehrfachstudien (manche Studien werden aufgrund von
Mehrfachpublikation und Überschneidungen auch mehrfach
berücksichtigt)
- Konzentration
auf Haupteffekte
(pauschalisierende Hauptfragen werden ausgewertet, differenzierende
Nebenaspekte und Interaktionseffekte können nicht
berücksichtigt werden)
Aufgrund genannter Problemlagen differieren Meta-Studien mit
gleicher Zielrichtung erfahrungsgemäß deutlich. Mit
anderen
Worten: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß eine
andere
Meta-Studie zum Thema Graphologie zu einem ganz anderen Ergebnis
käme.
Soviel zur Aussagekraft der angeführten Studien. Soviel damit
auch zu den entsprechenden Schlußfolgerungen.
Die Aktualität der
Graphologie
"Das Mittel, tote Formen zu
erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald
Spengler)
Die Zeiten, als Robert Heiß in Freiburg
und Rudolf
Pophal in Hamburg Vorlesungen zur Graphologie hielten, sind lange
vorbei. Nur noch in vereinzelten Projekten (Uni Leipzig) wird
gegenwärtig die Schriftdeutung universitär erforscht.
Die
wissenschaftliche Bedeutung, oder besser: die wissenschaftliche
Beachtung der Graphologie seit jenen Zeiten ist zweifellos gesunken.
Dies gilt zumindest für Deutschland, weniger für
Frankreich,
wo die Graphologie immer noch eine gewisse Rolle spielt.
Was sind die Gründe?
Jochen
Fahrenberg stellt sich im „Forum Qualitative
Sozialforschung“ unter dem Titel
„Interpretationsmethodik in Psychologie und
Sozialwissenschaften – neues Feld oder vergessene
Traditionen“ dieser Frage. Fahrenberg spricht davon,
daß für projektive Tests und Graphologie
„sehr gut ausgearbeitete Regelsysteme“ existieren,
die an den Universitäten nicht mehr genutzt werden. Als
Ursache dafür macht er unter anderem eine gewisse
Trägheit der universitären Lehre aus und einen
zunehmenden Unwillen, sich mit aufwendig zu erlernenden Methoden zu
beschäftigen.
„Alle Interpretationsverfahren sind
recht zeitaufwendig. Vor allem die älteren Methoden wie die
projektiven Tests und die Graphologie verlangten eine jahrelange
Ausbildung, zu der heute wahrscheinlich schon aus zeitlichen
Gründen und wegen des notwendigen Verzichts auf andere Themen
nur sehr wenige Studenten bereit wären.“
Fahrenberg stellt weiter fest, daß die
Psychologie auf interpretative Verfahren nicht verzichten kann.
Hermeneutische Ansätze sind seiner Ansicht nach in einer
modernen Psychologie unverzichtbar.
„In dieser expliziten Form, in einer
lehrbaren und lernbaren Weise, sind solche Methodiken in vielen anderen
Bereichen der hermeneutisch-interpretativen Verfahren kaum entwickelt
worden. Wer neuere Bücher über Interviewmethodik und
Inhaltsanalyse liest, wird dort viele dieser Aspekte wiedererkennen,
jedoch oft unvollständiger und offensichtlich ohne Kenntnis
dieser älteren Tradition der Interpretationskunst.“
„Die Interpretationslehre muß
auch gelehrt werden. Hier ist eher ein Rückschritt zu
verzeichnen.“
Dieses Plädoyer für eine
interpretative Methodik, wie sie exemplarisch in der Graphologie
abgebildet ist, beklagt den universitären Verlust an einem
prinzipiellen „Training in der allgemeinen Kompetenz zur
psychologischen Interpretation“ und fordert es im gleichen
Atemzug vehement ein.
Fahrenberg, übrigens ein Schüler
von
Heiß, erkennt, daß der Verlust der
universitären
Bedeutung interpretativer Verfahrensweisen, die dem analogen Denken und
der hermeneutischen Methode verbunden sind, zu Lasten kreativer
Forschung und letztlich zu Lasten der Wissenschaft selbst gehen
muß. Allerdings gibt es Anzeichen, daß bereits ein
Umdenken
stattfindet, wenngleich man noch weit entfernt ist, von einem
Paradigmenwechsel zu sprechen.
Breuer
stellt in "Qualitative und quantitative Methoden: Positionen in der
Psychologie und deren Wandel" einen Trend innerhalb der
universitären Psychologie fest, der sich durch eine
tendenzielle Abkehr vom Praradigma der Eindeutigkeit auszeichnet. "Die
Wahrheits-Idee hat in ihrer regulativen Funktion an Anziehungskraft und
Verbindlichkeit eingebüßt." Zunehmend finden
konstruktivistische und relativistische Theorien Anhänger. Die
Lebenswelt und das Leben selbst, vor allem aber die Menschen, all das
wieder als mehrdeutig wahrgenommen. Grundsätzlich
unterscheidet Breuer zwei Ansätze, zwei methodologische
Grundüberzeugungen, die sich mit ihren divergierenden
Ansätzen gegenüberstehen:
| Konvergenz |
Divergenz |
| Interpretationskonvergenz |
Interpretationsdivergenz |
| Oberfläche |
Tiefe |
| Logik |
Kreativität |
| Gegebenheiten |
Möglichkeiten |
| Ableitung |
Emergenz |
| metrisch |
kategorial |
| Prüfung |
Entdeckung |
| Standardisierung |
Alltagsweltlichkeit |
| hart |
weich |
| Absolutheit |
Kontextualisierung |
| Forschung |
Praxis |
| theoretische Kohärenz |
theoretische Anarchie |
Breuer selbst zieht eine Parallele zur
fernöstlichen Philosophie und ordnet der Konvergenz das
Yang-Prinzip zu, während der Divergenz die Yin-Ebenen
beizumessen sind. Überträgt man das Schema auf die
Graphologie, so besteht zweifellos ein starke Nähe zwischen
Divergenz und Graphologie. Ungeachtet der Tatsache, daß es
genau genommen auch innerhalb der Graphologie unterschiedliche
Strömungen gibt, sind doch die unter dem Punkt Divergenz
zusammengefaßten Methoden für die Schriftdeutung
entscheidender. Graphologie ist eine interpretative Methode, die sich
in der Praxis kontextuell entdeckend entwirft. Kreative Momente sind
ebenso strukturgebend wie kategoriale. Ziel- und Ausgangspunktpunkt ist
dabei eben keine eindeutige Zuordnung, keine Annäherung
endgültiger Wahrheiten, keine völlige
Übereinstimmung - also keine Konvergenz - sondern eher eine
dem Leben entsprechende Viel- oder Mehrdeutigkeit, eine
unaufläsbare Widersprüchlichkeit, die doch
zusammengehört und Emergenzen entwickelt - also eher eine
Divergenz.
Auch die an Klages angelehnten Begriffe "Geist"
und "Seele" lassen sich in die Tabelle integrieren. Unter dem Geist
versammeln sich nach Klages die rationalistischen Einflüsse
des kühlen Verstandes (Technik, Naturwissenschaft,
Ökonomie) als Widersacher der Seele, die wiederum als Hort von
Intuition, Kreativität und schöpferischer Empirie
begriffen wird.
| Konvergenz |
Divergenz |
| Yang |
Yin |
| Geist |
Seele |
| männlich |
weiblich |
| Rationalismus |
Sensualismus |
Heute wie zu Klages' Zeiten besteht jener
Widerstreit zwischen Geist und Seele, zwischen Yin und Yang, zwischen
Rationalismus und Sensualismus. Nach wie vor mißtraut man den
Sinnen. Erfahrungswissen und Intuition werden zumeist als Irrwege
abgetan, während man allein Logik und Verstand wirklich etwas
zutraut, und die andere Seite als para- oder gar
pseudowissenschaftliche Methodik diffamiert. Insofern hat es die
Graphologie in Vergangenheit und Zukunft schwer, da deren Zeichen immer
vieldeutig sind und die Methodik stark subjektiv, interpretativ und zum
Teil intuitiv sowie kreativ verfährt.
Aber trotzdem ist es nie gänzlich
möglich, wie
nicht nur die Diskussion im Forum Qualitative Sozialforschung zeigt,
eine interpretative Verfahrensweise zur
Persönlichkeitsdiagnostik
wie die Graphologie aus der akademischen Diskussion zu verbannen, da es
sich hierbei eine elementare Methodik menschlicher Erkenntnis handelt.
Und es ist immer eine Frage der Zeit, wann das Elementare wieder an die
Oberfläche und damit in den Blickpunkt des Interesses
gerät.
„Niedergang
einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“
Diese
provokante Frage stellt Florentine Fritzen in
der FAZ
vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem
Artikel ein Szenario der
SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards,
MMS- und
SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die
Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten
beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche
Aufzeichnungen
werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird
beschrieben - und
mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie
verbunden.
Ist dem so? Steuern wir
tatsächlich auf eine handschriftlose
Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare
Kulturtechnik des
Schreibens ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten
Maschinen zu
überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch
ein biometrisches
Verfahren ersetzt?
Im Grunde sind derartige
Kassandrarufe nicht neu. Technische
Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in
diesem Zusammenhang zur
Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren
der deutschen
Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben.
Man rechnete bereits ab
Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der
Handschrift
wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die
Erfindung
des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das
große Herr der Kopisten, der
abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag
überflüssig. Man sagte den
Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon
bald durch
Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der
Einführung der Schreibmaschine
wurden erneut ähnliche Befürchtungen laut.
Zum Verlust der
Handschrift hat dies alles nicht geführt.
Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen
Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den
üblichen Prophezeiungen.
Daß
die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig
unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten
der
Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen
Wortes.
Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher
Zukunft mit
einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen
wie der Verlust
des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten,
daß die jungen Menschen
in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein
derartiges
Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht
bekannt. Im
Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker
in jüngster Zeit
um eine Verbesserung der Leserlichkeit der
Schülerhandschriften, was nur durch
vermehrte Schreibübungen möglich ist.
Der Zeitgeist hat
zweifellos Eingang in die Handschrift der
Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das
allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise
verstreute Aufmerksamkeit und
das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet
seinen
natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an
Kontinuität,
Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung
eines sich
globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung
mit
zunehmender Hyperaktivität wäre eine
Rückbesinnung auf die Handschrift und damit
auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und
Erfahrungsparadigma förderlich.
Das Klagelied
über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist
völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer
im Angelsächsischen mittlerweile
sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem
angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht
es nicht um
ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung,
sondern
um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem
komplementären Verhältnis
genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts
ist
effektiver als die
schnelle handschriftliche Notiz.
Ulrich Sonnemann -
Graphologie

Es kommt
nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den
Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes
von Ulrich Sonnemann.
- Erfreut begrüßt Johan
Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von
Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der
Gesamttextur des Gemeinwesens".
- Lorenz Jäger hält in der FAZ
vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für
möglich. „Eine heilsame Erschütterung der
Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische
Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
- Hendrik Werner schreibt schließlich
in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich
Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
“Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie
zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber
den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen
Erklärung nicht ausschließlich rational geraten
kann.“
Wer ist nun
jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt
und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse
zukommen läßt?
Ulrich
Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer
Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner
Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich
ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten
jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph
Roth.
Sein in
Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie,
Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit
seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger,
Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der
Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei
Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und
Max Wertheimer. Anschließend journalistische
Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas
Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland
für den jüdischstämmigen Sonnemann immer
bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die
Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält
alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und
Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und
bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist
Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach
dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner
psychotherapeutischen Praxis fort.
1955 kehrt
Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht
eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht
publikumswirksame Bücher wie Das Land der
unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die
Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch
betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den
Universitäten Bremen und Kassel.
"Graphologie
hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in
meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert
und tätig war, hat mich darin bestärkt, so
daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die
Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee,
bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im
wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die
Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas
Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie
der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein.
Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das
zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und
zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter
Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker
City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender
Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln
der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen
hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs
oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an
erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen
dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)
Sonnemann
schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist
mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt
Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller
Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und
auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete
er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle
er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt,
ob das positiv oder negativ zu werten ist).
In dem ersten
Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist,
beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er
unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze
der Graphologie:
1.
Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden
Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt
sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man
läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht
sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art
sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den
klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.
2.
Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische
Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen.
Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft
mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.
3.
Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als
vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von
Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und
begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck
des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer
Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.
Sonnemann,
der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in
Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation
beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative
Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für
Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme
Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der
Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und
kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte
Wissenschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete
Begriffsstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen
Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung
der Empirie".
Jener von
Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es,
welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten
ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und
Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und
Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des
bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich
nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.
"Mir
ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft
entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr
eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt
nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze
eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinanderzusetzen, was
auf
den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit
Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht
bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff
der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am
Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht
subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert
werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich
Sonnemann 1990)
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