Logo: Signatura - Institut für Graphologie

Signatura
Institut für Graphologie

Elsa-Brändström-Stieg 13
22846 Norderstedt
Tel: 01577 57 43 657

EMail: info@signatura-online.de

Startseite
Selbstlernen - die Vorteile
Bin ich ein Selbstlerntyp?
Unser System / Preise
Inhalte / Prüfungsthemen
Prüfung / Zertifizierung
Direktunterricht
Anmeldung / FAQ
Links - Aktuelles
Fachwissen

Aktuelles


Graphologie als Übungssystem der analogen Welt


Die digitale Welt

Die digitale Welt umgibt uns wie eine waberne Galertmasse - überall und unausweichlich. Man kann ihr nicht entrinnen. Man will es auch eigentlich gar nicht. Die jüngere Generation, gern auch als „Digital Natives“ benannt, kennt nichts anderes. Die Welt der virtuellen Welten ist für sie im Grunde nicht künstlich, sondern zutiefst real. Die Älteren, die „Dgital Immigrants“, haben sich in die digitale Welt mehr oder weniger eingefunden und eingelebt, und das umso besser, je stärker sie dabei Bindungen zur analogen Welt überwunden haben.

Der Vormarsch der digitalen Welt geht einher mit der Zurückdrängung sinnlicher erfahrbarer Körperlichkeiten. Bücher haben keine Zukunft mehr. Man versuche einmal über ebay seine alten Bücher zu verkaufen. Ein sinnloses Unterfangen. Die Nachfrage ist gleich null. Da ist der Altapapiercontainer der einfachere Weg. Dem Ebook sei Dank. Auch für die CD ist ein Ende abzusehen. Die digitale Musik der Zukunft benötigt keinen Datenträger mehr. Der Stream ist das über unsichtbare digitale Funkwellen aus dem Netz oder mittels der „Cloud“ zur Melodie gewordenes Geräusch. Auch Briefe sind im Grunde schon lange Anachronismen. Das Gestaltlose und Nicht-Haptische dominiert den Zeitgeist. Das Zeichen des Digitalen ist das Transitorische, der ständige Wechsel, das Nicht-Gegenständliche und Undauerhafte. Im Grunde ist es nicht da, sondern nur die einem Gespenst gleiche Erscheinung.

Im Bereich der Ökonomie, der wohl wichtigsten Lebensphäre der Gegenwart, hat sich eine vergleichbare Prarallelverschiebung ereignet. Die Realwirtschaft, die man der analogen Welt zurechnen kann, hat an Bedeutung verloren und ist hinter die Finanzwirtschaft zurückgetreten. Mittlerweile übersteigt letztere die Wertschöpfung der weltweiten Realwirtschaft um das 65fache. Hier entwickeln die klügsten Köpfe einer digitalen Weltgesellschaft nicht etwa sinnvolle Produkte, die dem Wohl der Menschen dienen, sondern hochkomplexe und letztlich virtuelle Finanzprodukte sowie Computerprogramme, die in Bruchteilen von Millisekunden Wertpapiere handeln und so Gewinne „erwirtschaften“, also Geld generieren, ohne dass noch der Hauch einer Verbindung zur Realwirtschaft und zu einer Arbeitskraft oder Arbeitsleistung besteht.

Und dann ist da noch „Big Data“. Das System und die Idee, dass der Mensch und schließlich die ganze Welt mitsamt all den Verflechtungen berechenbar und somit auch steuerbar ist. Alles ist letztlich auf Daten reduzierbar, die mittels gigantischer digitaler Speicher und Prozessoren gesammelt und ausgewertet werden, um so Gegenwart und Zukunft beherrschbar zu machen. Das weltweite Datenvolumen zeigt dabei ein expotentiales Wachstum.

Die analoge Welt

Das Problem der digitalen Welt sind weniger die Vorbehalte ihr gegenüber, die natürlicherweise aus einer Angst vor Veränderung gespeist werden, welche vorwiegend in der Generation der Digital Immigrants oder der digitalen Verweigerer zu Hause ist. Das größte Problem ist die Gestaltlosigkeit des Digitalen, die amorphe Struktur und der Verlust weitgehender Bereiche der Sinnlichkeit. Mit dem Verschwinden dieser Sphäre geht eine wesentliche und äußerst produktive Dimension menschlicher Erfahrung verloren oder wird zumindest reduziert. In der digitalen Welt gestaltet die Maschine die Wirklichkeit. Der Rechner generiert die Welten, die das Leben der Menschen bestimmen.

Die analoge Welt findet jenseits des Digitalen statt. Diese alte Welt ist eine Welt der Gestalten, des Körperhaften und sinnlich Erfahrbaren. Vor allem aber ist es auch eine Spähre des Nicht-Berechenbaren, des Ungefähren, Nicht-Eindeutigen und Unscharfen. Eine Welt, die sich mathematischen Algorithmen entzieht. Eine Welt, die jedoch immer wichtig war und weiterhin wichtig sein wird. Denn ohne Intuition, ohne Einfühlungsvermögen, ohne Ideen und Gestaltungskraft bleibt alles eine leere Hülle. Ohne diese Ebenen des Seins gibt es keine wirkliche Entwicklung.

Computer können die analoge Welt nicht nachbilden. So haben die nicht unerheblichen Mittel und Anstrengungen, die in die Erforschung künstlicher Intelligenz flossen, im Grund wenig Erfolg gebracht. Seit dem Beginn der KI-Forschung ist man nie so recht von der Stelle gekommen und hat letztlich einsehen müssen, was Kant vor mehr als 2 Jahrhunderten feststellte. „Es wird nie einen Newton des Grashalms geben.“ Computer können die reale Welt nicht reproduzieren. Die Wissenschaft kann dies ebenso wenig. Und wer jetzt auf die moderne Gentechnik, auf Klonschafe und Genomentschlüsselungen verweisen möchte, muss doch zugeben, dass das alles bei genauerem Hinsehen nicht mehr als moderne Mendelei darstellt und nach wie vor niemand in der Lage ist, aus Einzelstoffen einen Grashalm herzustellen. Goethes Homunculus bleibt ein Traum und der zwanghafte Versuch, ihn zu erschaffen, ist am ehesten geeignet, das Schicksal des Zauberlehrlings zu erleiden.

Die Unverzichtbarkeit der analogen Welt

Die enormen Veränderungen durch die digitale Revolution, die man mit Recht als solche bezeichnen kann, haben Erwartungen und Überzeugungen geschaffen, die sich verselbständigt haben und Ideologie geworden sind. Möglicherweise ist Ideologie hier nicht der rechte Ausdruck, handelt es sich doch nicht um einen gesteuerten Prozess, der von irgendwo irgendwie bewusst initiiert und gelenkt wurde oder wird. Vielleicht ist hier der modernere Begriff „Memplex“ der richtige Ausdruck, womit Überzeugungen (Meme) gemeint sich, die sich kettenbriefartig verbreiten, vernetzten, in den Köpfen festsetzen und dabei nahezu ein Eigenleben entfalten. Diese zum Mainstream gewordenen und dogmenhaft in den Köpfen verankerten modernen Mantren verabsolutieren die digitale Welt ebenso wie den technischen Fortschritt. 

Dabei kommen wir ohne die analoge Welt nicht aus, wenngleich dieser Umstand nicht immer bis ins Bewusstsein vordringt. Gerüche, Temperaturen, Materialien, Fühlen, Anfassen und unmittelbares Erfahren ordnen unser immer noch jedem Computer überlegenes Gehirn und alle damit verbunden Nervenzellen zu die Realität gestaltenden Wahrnehmungsprozessen. Die analoge Welt ist ebenso wie die alltägliche jenseits des Digitalen liegende Empirie unverzichtbar und elementarer Bestandteil des täglichen Lebens.

Ohne die analoge Welt und ihre Strukturen, Erfahrungen, Überzeugungen, Grundsätze und „Memplexe“ ist die digitale Welt nicht lebensfähig – auch wenn sie selbst sich dieses Umstandes nicht unbedingt bewusst sein mag. Die analoge Welt ist Basis und Ergänzung des Digitalen. Beides gehört zusammen. Und wenn beides zusammen wirkt, können sich enorme positive Kräfte entfalten.

Die Graphologie als Übungssystem der analogen Welt

Der Mensch lebt in der analogen Welt. Aus dieser kommt er und in dieser ist er schicksalhaft verwurzelt. Um bei sich selbst zu bleiben und sich nicht in der digitalen Welt zu verlieren, braucht der moderne Mensch „Übungssysteme“, um einen Begriff von Sloterdijk aufzugreifen und ihn ein wenig umzudeuten. Er benötigt Training, um den Bezug zum Eigentlichen zum Ursprung, zum Unmittelbaren nicht zu verlieren.

Die Graphologie kann ein solches Übungssystem sein. Hier geht es um das Phänomen der Handschrift, um die individuelle Schriftgestalt als Ausdruck der Persönlichkeit. Um aus den Schriftzügen Charakterzüge herauszulesen, muss man lernen, in Analogien zu denken. Man lernt, Schriftgestalten zu erfassen, zu erkennen und zu deuten. Gleichzeitig werden Symbolik und Zeichen interpretiert. Über allem steht die Intuition. Hier wird das schauende und vorbehaltslose Erfassen von Wesenheiten geschult. Dabei gilt es, alles Vorwissen auszublenden und sich vorbehaltslos auf die Schriftzüge einzulassen - im Sinne Husserls phänomenologischer Reduktion: einer reinen Betrachtung, einer vorurteilsfreien Schau und einem Erfassen der „Dinge selbst“, dem Erschauen von Wesenheiten, die sonst nicht sichtbar werden. Das ist nicht einfach, denn schließlich gilt es hierbei, sich in einen Zustand zu versetzen, der für den modernen Menschen äußerst schwierig erscheint, geht er doch von folgenden Prämissen aus: „Ich weiß nichts. Ich will nichts. Ich bin nichts.“


Handschriftliche Notizen stärken das Gedächtnis


Pam A. Mueller und Daniel M. Oppenheimer veröffentlichten am 23.04.2014 in „Psychological Science“ eine Studie, die auf drei Untersuchungsreihen basiert – Ergebnis: Menschen, die handschriftliche Notizen verwenden, können sich Sachverhalte besser merken als diejenigen, die sich etwas mit dem Laptop notieren. Die Handschrift hilft offensichtlich bei der Verankerung von Wissen im Gehirn. Und es wahrscheinlich nicht nur der größere motorische Aufwand, der zu einer komplexeren und stabileren Verknüpfung im Gedächtnis beiträgt.

http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/warum-sich-handschriftliche-notizen-besser-einpraegen-als-getipptes-id9356655.html

Das ist jedoch nicht die erste Untersuchung, die in diese Richtung weist. Auch andere Studien deuten auf einen engen Zusammenhang zwischen den feinmotorischen Bewegungen der Hand und bestimmten Arealen im menschlichen Gehirn. Das erfolgreiche Einprägen neuen Wissens wird durch handschriftliche Aufzeichnungen unmittelbar verstärkt und gefördert.

http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/psychol/spfor176.html


Über den Nutzen der Graphologie bei der Personalauswahl


"Personalverantwortliche wären gut beraten, wieder vermehrt auf Graphologie zu setzen. Selbstverständlich kann auch sie nicht über sämtliche Aspekte der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen Auskunft geben; aber keine andere Methode liefert bei relativ geringem Aufwand derart umfangreiche Hinweise. Selbst den Vergleich mit dem verbreiteten, aber ungleich kostspieligeren Assessment-Center braucht sie nicht zu scheuen. Ein besonderer Vorteil der Schriftpsychologie besteht ferner darin, dass die Analyse von Handschriftproben die Anwesenheit der Schrift-Urheber nicht erfordert.."

Renaissance einer vergessenen Methode



Neues über den vorschnell prognostizierten Tod der Handschrift


"Das Verschwinden der Handschrift im digitalen Zeitalter« wird vielfach beklagt, oder einfach hingenommen. Tatsächlich kündigte schon das iPad eine Trendwende an. Seitdem können wir auf Touchscreens nicht nur zeichnen, sondern im gleichen Zug auch eigenhändig schreiben. Und jede Nachricht, die wir auf diese Weise formulieren, ist auch als E-Mail zu versenden – so einfach wie bisher und womöglich sogar alltäglich."

Tod der Handschrift? Von wegen … !



Graphologische Skizzen zur Finanzkrise II


Wer meint, die Finanzkrise von 2009 sei überwunden, sei gleichsam Geschichte, muss immer wieder feststellen, dass dies ein Irrtum ist. Die Finanzkrise dauert an. Sie schwelt weiter vor sich hin. Wahrscheinlich steht der eigentliche Höhepunkt noch bevor. Schließlich hat sich nichts grundlegend verändert. Die Strukturen haben sich im Wesentlichen nicht gewandelt – entgegen zahlreicher Beteuerungen diverser Politiker. In Europa noch weniger als in den USA, wo es den wenigstens marginale Strukturveränderungen gegeben hat. Und so geht die unaufhörliche Jagd nach den Profiten weiter wie zuvor, selbst wenn nun nicht mehr so offensiv und unverblümt die hohen Renditeziele in die Öffentlichkeit getragen werden, selbst wenn die abnorm hohen Gehälter und Boni nun hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden. Im Grunde ist jedoch alles beim Alten. Vor der Krise ist nach der Krise, ist während der Krise.

An dem Grundproblem wurde nie auch nur ansatzweise gearbeitet – an der ausufernden Konzentration von Kapital in den Händen immer weniger. Schon Ludwig Klages erkannte seinerzeit den elementaren Widerspruch:

Die Opposita des rationalisierten Staates heißen: Allmacht der Inhaber des größten „Kapitals", Ohnmacht der schlechthin „Mittellosen". (Klages GWS S. 1204)

Die Akkumulation von Geld in den Händen weniger bedeutet zunehmende Macht weniger, ohne dass eine demokratische Kontrolle dieser Macht irgendwie geregelt wäre.

Ein Beispiel:

Der Börsenwert der Firma Apple ist mittlerweile größer als das Bruttoinlandprodukt von Schweden. Mit anderen Worten. Ein Land wie Schweden hat etwa 10 Millionen Einwohner, eine demokratisch gewählte Regierung, die wiederum einer demokratischen Kontrolle unterliegt und eine entsprechende politische, wirtschaftliche und soziale Verantwortlichkeit hat. Die Firma Apple hat hingegen 60.000 Mitarbeiter, weder soziale noch politische Verantwortung und unterliegt nur einem Ziel – der Gewinnmaximierung.

Die Verabsolutierung des freien Marktes und eine falsch verstandene Globalisierung als unausweichliches und naturgleiches Geschehen schwächen die Macht der einzelnen Nationalstaaten und deren Möglichkeiten der Einflussnahme. Sie schwächen auch die Grundfeste der Demokratie. Denn die gewählten Volksvertreter sind zunehmend machtloser und werden bald dem Status eines Papiertigers übereignet werden. Die Staaten der Zukunft sind die multinationalen Konzerne, die letztlich eine Wiederkehr feudalistischer Zustände herbeiführen werden, wenn der Entwicklung nicht durch entsprechende Gesetze und Strukturen Einhalt geboten wird.

Davon jedoch ist man gegenwärtig weit entfernt. Die Banken haben schon lange die Stellung der Kirchen eingenommen. Viele gelten als „systemrelevant“ und dürfen auf keinen Fall stürzen. Das Geld ist der Zielpunkt allen Strebens, das Richtmaß jedweder Bewertung. Im Grunde ist es der biblische Tanz um das „goldene Kalb“, der das Leben der Menschen formt.

Ein Blick auf die Unterschriften einiger Bankmanager soll exemplarisch den Psychotypus des Menschen näher bestimmen, der gegenwärtig die Geschicke des Weltgeschehens bestimmt.



Lloyd Blankfein ist CEO der Investmentbank Goldman Sachs. Auffallend sind die deutlichen Endbetonungen besonders des Nachnamens – ein Zeichen für Nachdrücklichkeit, Durchsetzungskraft und in der vorliegenden überzeichneten Form auch von Rücksichtslosigkeit. Weiterhin fällt die besondere Form des letzten Buchstaben seines Vornamens auf. Das kleine d ist als Rückschwung mit einer stark aufgeblähten Schleife geformt. Die starke Hinwendung der Linienführung zurück zum Anfangsbuchstaben des Vornamens ist als Rückbezüglichkeit zu werten, als egozentrischer Zug, als egomanische Dimension, als Ichbezogenheit, die autistische Züge annehmen kann.

Klages stellt fest, dass „Geld“ und „gelten“ Wörter „eines Stammes sind“. Blankfein will viel gelten. Er will Macht und Anerkennung. Davon zeugt die Anfangsbetonung. Die Endbetonungen deuten an, dass er nicht nachlässt, diesen Willen zur Macht auch in die Tat umzusetzen.



Ben  Bernanke ähnelt in seinen Schriftzügen Blankfein vor allem in Schriftlage, Endbetonung und Fadenbildung, was jedenfalls den Endfaden als Endbetonung angeht. Auch Bernanke ist ein Ich-Mensch, eine Persönlichkeit mit Ambitionen und dem unbedingten Willen, diese in die Tat umzusetzen.  Mehr noch als Blankfein steht bei Bernanke alles andere im Hintergrund.  Ihm geht es nicht um Details, um Kleinigkeiten. Schon gar nicht ist der Weg das Ziel für ihn. Allein das Ergebnis, das Endprodukt, die Idee, die schnelle und zügige Umsetzung des Vorhabens zählen. Wie ist im Grunde egal, mit welchen Mitteln auch. Wichtig ist allein, dass erreicht wird, was erreicht  werden soll. Und was das immer auch ist, das wiederum ist der Schreiber selbst gewohnt festzulegen.

Wenn es um die eigenen Ziele und deren Wege zur Zielerreichung geht, lässt sich Bernanke ungern in die Karten schauen. Es ist überhaupt für andere sehr schwer, diesen Mann zu durchleuchten. Denn er ist zweifellos ein guter Pokerspieler. Andererseits sind ihm eine schnelle Auffassungsgabe bei hoher Intelligenz und ebenso hoher Anpassungsfähigkeit eigen. Bernanke ist wie Blankfein ein Machtmensch, dem es aber noch besser gelingt als jenem, seine Umwelt über seine eigentlichen Absichten im Unklaren zu lassen. Im Grunde sind es bei Bernanke zwei Formen, zwei symbolische Gestaltungen, die in der Unterschrift dominieren - Arkade und Faden. Zusammengenommen ergeben sie in der Deutung eine Persönlichkeit, die in der Summe das Gegenteil von dem ist, was man als „authentisch“ bezeichnen würde.



Der Hedgefondmanager Carl Icahn ist ein etwas anderer Typus, als die beiden vorgenannten es sind.  Die Gemeinsamkeit liegt hier jedoch wieder in der Anfangsbetonung, die besonders im Nachnamen nach außen tritt. Und hier ist es nicht nur die Größe des Anfangsbuchstabens, die diesen über die anderen heraushebt, sondern neben der Tatsache der Abtrennung vom Wortrest auch die besondere Gestaltung.

Eine weitere Gemeinsamkeit mit den anderen beiden zuvor behandelten Schreibern besteht in der Endbetonung des Nachnamens. Bei Icahn ist die Richtung nur noch etwas mehr nach rechts oben gerichtet, also noch ein wenig stärker vom Optimismus getragen und nicht so sachlich, so indifferent wie bei  Blankfein oder Bernanke. Aber diesen wie jenem sind hoher Ichanspruch sowie Durchsetzungswille und Durchsetzungskraft zu eigen. Im Vorgehen, in der Systematik unterscheidet sich jedoch Icahn von den beiden zuvor. Denn seine Unterschrift ist klarer, lesbarer, zugleich der Schulform näher und nicht ganz so schwungvoll. Was wiederum den Schluss nahelegt, dass man es mit einem etwas überlegter handelnden Menschen zu tun hat, der nicht so sehr aus dem Bauch heraus entscheidet und mehr abwägt, was er tut und wie er dies erreichen will. Deutlicher als die Blankfein und Bernanke trennt Icahn die private von der beruflichen Sphäre.



Bei der Unterschrift eines anderen Hedgefondmanagers lassen sich Vor- und Nachname kaum voneinander trennen. Beides scheint zu einem Gebilde verschmolzen - zu einer Gestaltung mit einer enormen Dominanz der Winkelbildung. Man hat es mit einem Entweder-oder-Menschen zu tun.

Radikalität ist ein wesentliches Merkmal des Winkelschreibers. Ihm liegen keine Kompromisse. Er wählt am liebsten den geraden Weg und lässt sich dabei nicht ablenken. Gegensätze bestimmen sein Leben. Er denkt lieber „schwarz-weiß“ als differenziert. Umwege und Abschweifungen liegen ihm nicht. Auseinandersetzungen werden gesucht und keinesfalls gemieden, denn der Umweg ist ebenso wenig eine Alternative wie der Rückzug, und wenn denn ein Rückzug unausweichlich sein sollte, dann ist es ein totaler, der ein für allemal gilt.

Am ehesten ist es der Spannungsgrad IV nach Pophal, der in der Unterschrift William A. Ackmans deutlich wird. Straff, gespannt, hart, eckig, unelastisch, starr. Ein wenig erinnert das Schriftbild an zusammengeschobene Eisschollen. In jedem Fall dominieren aus charakterlicher Sicht Härte, Schroffheit, Kompromisslosigkeit, Direktheit, Schonungslosigkeit, Durchsetzungskraft, Vitalität, Impulsivität bei mangelnder Flexibilität, und Anpassungsstörungen.



Die Signatur Warren E. Buffets erinnert an Spannungsgrad I, was auch als mangelhafte Hemmung und Haltlosigkeit verstanden wird. Die ausfahrenden und scheinbar weitgehend unkontrollierten Schriftschwünge legen diese Deutung nahe. Überhaupt zerfließen hier die Grenzen. Es existieren im Grunde keine Abstände zwischen den Namensbestandteilen. Teile des Vornamen ragen bis in den Nachnamen hinein. Zweifellos ist der Schreiber eine impulsgesteuerte, vitale Persönlichkeit, die von den eigenen Ideen mitgerissen wird und von der Durchsetzbarkeit derselben zutiefst überzeugt ist. Es gibt für diesen Menschen eigentlich keine Grenzen. Dass etwas nicht geht, wird er nicht akzeptieren. Nach außen kann er mit seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem Charisma andere mitreißen, diese von sich und seinen Idealen überzeugen. Zweifel und Ängste hat Warren Buffett auch, aber er lässt sich von diesen nicht hemmen oder in irgendeiner Weise behindern. Sie sind ihm im Gegenteil Antrieb und Katalysator zugleich.



Die Signatur von Ken Lewis, dem ehemaligen CEO der Bank of America, wirkt irgendwie zerlöst. Sie kommt ein wenig gebrochen, uneinheitlich, beinahe ein wenig zerbröselt daher. Wir haben hier zwar auch wie schon zuvor mehrfach die deutliche Anfangsbetonung als Zeichen für Machtwillen, Ichanspruch, Geltungsdrang und Anmaßung, aber auch dieser erste Buchstabe ist zerbrochen in zwei Linien. Es fehlt hier der Zusammenhang, die Einheitlichkeit, die Verbindungslinie. Diese Zeichen weisen auf eine Persönlichkeit, die sich oft auf eine tief im Innern wirkende Zwiespältigkeit zurückgeworfen sieht. Entscheidungen und Vorgehensweisen sind nicht frei von Zweifeln, von Zweifeln, die aber immer wieder überwunden werden. Das Denken und Handeln ist nicht einheitlich, manchmal sogar zögerlich.

Der Schreiber hinterfragt sich selbst und sein Tun. Er handelt wohlüberlegt, ohne sich jedoch jemals sicher zu sein, dass er wirklich das unzweifelhaft Richtige getan hat. Nach außen ist Kenneth D. Lewis aufgrund seiner strukturellen Uneinheitlichkeit nur schwer berechenbar. Man kann vielfach nicht richtig einschätzen, woran man bei ihm ist.

-------------------------------------------------------------------------------------------

Man mag sich nun fragen, was denn bei diesen Unterschriften die gemeinsamen Signaturen sind. Und man wird zunächst wohl annehmen, dass dies die Anfangsbetonung ist, die fast bei allen Schriften hervortritt. Jedoch kann dies kaum verwundern, denn zum einen ist die Anfangsbetonung in der Unterschrift nicht selten anzutreffen, und andererseits wird man sie bei einer Führungspersönlichkeit ohnehin erwarten.

Interessanter ist hingegen, was bei allen Signaturen nahezu gänzlich fehlt. Und das ist die Girlandenbindung. Mithin das wichtigste Zeichen für Empathie, Aufnahmebereitschaft, Einfühlung und Verständnis. Demnach haben alle hier behandelten Persönlichkeiten Defizite in diesen Bereichen. Ihnen mangelt es an Einfühlungsvermögen, an der Fähigkeit, sich in andere Menschen, in deren Nöte, Bedürfnisse und Befindlichkeiten hineinzuversetzen und mit ihnen mitzuleiden. Auf der Strecke bleibt anscheinend der Blick für die Welt der anderen, für die Sphäre außerhalb des eigenen Ichs, für all das, was man als interessenloses Einfühlen und Mitschwingen beschreiben kann.



Die Geburt der Graphologie aus dem Geiste der Lebensphilosophie


Wenn es um die Frage nach der Entstehung, nach dem Ursprung der Graphologie geht, werden immer wieder Namen wie Camillo Baldo oder Johann Caspar Lavater genannt. Aber keiner wird bezweifeln, dass die eigentliche Graphologie, in ihrer umfänglichen und systematischen Form betrieben, erst später in Frankreich und dann fast gleichzeitig in Deutschland zu sich selbst fand.

In Frankreich sind mit dem Beginn der Graphologie vor allem Personen wie Michon und dann nachfolgend Crépieux-Jamin in Verbindung zu bringen, in Deutschland L. Klages und sein Kreis sowie Max Pulver in der Schweiz. Die Graphologie, wie wir sie heute kennen, entstand und formte sich im ungefähren Zeitraum von 1870 – 1940.  Sie entstand auf dem Hintergrund einer Geisteshaltung, einer philosophischen Strömung, die vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, gerade in jener Zeit vorherrschend war bzw. ihre Blütezeit hatte – die Lebensphilosophie.

Ohne jene philosophische Strömung, die das Geistesleben jener Zeit durchdrang, hätte sich die Graphologie möglicherweise nicht so entwickeln können, wäre die Graphologie nie die, die sie heute ist. Bezeichnend für die enge Bindung an die Lebensphilosophie sind folgende Aspekte:

•    Die Graphologie hat sich vor allem in den beiden Sprachräumen entwickelt, in denen auch die Lebensphilosophie ihre Blütezeit erlebte.
•    Es besteht eine starke zeitgeschichtliche Parallele. Im Grunde sind die Zeiträume der Hochzeiten von Graphologie und Lebensphilosophie identisch. Es ist der oben bereits erwähnte Zeitraum von 1870 – 1940. 

Allein diese Gleichzeitigkeit weist auf eine starke ideelle Nähe hin. Nach dem 2. Weltkrieg dann verloren allmählich Graphologie und Lebensphilosophie an Einfluss - sieht man im Falle der Graphologie von einzelnen wichtigen Veröffentlichungen ab (Müller/Enskat, Pfanne, etc.), die aber allesamt lediglich das Bestehende aufgriffen und neu verpackten, bzw. systematisierten. Überhaupt hat sich seitdem wenig wirklich Neues getan. Die überwiegende Zahl der Nachkriegsautoren gibt in erster Linie das wieder, was vorher Michon, Klages, Pulver, Pophal und Heiß beschrieben haben. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Graphologie und Lebensphilosophie sind also offensichtlich parallele Geschehen. Inwieweit dies auch inhaltlich und methodisch der Fall ist, soll im Folgenden untersucht werden.

„Was Lebensphilosophie ist, läßt sich schwer umreißen, schon wegen ihrer Vielgestaltigkeit, hauptsächlich aber deswegen, weil, was Leben ist, immer unklarer wurde, je mehr die Lebensphilosophen darüber schrieben. Am besten versteht man den Begriff vielleicht von seinem Gegensatz her, von dem man sich insgesamt abzusetzen pflegte, vom mechanistischen, schematisierenden, an der Oberfläche haftenden, mathematisch-rationalistischen und statischen Denken, das in der Neuzeit entstand und nicht zuletzt durch Kants Wissenschaftslehre verfestigt worden war. Ihm gegenüber will man das Ir-rationale, das Einmalige, Innerliche, Seelische, Erlebnismäßige, Dynamische wieder in Anschlag bringen.“ (Johannes Hirschberger - Geschichte der Philosophie)

Man hatte am Ausgang des 19. Jahrhunderts genug von der Vernünftelei und ihren Auswirkungen. Viele Studenten waren der Logikseminare in der steifen Atmosphäre der Universitäten überdrüssig. Junge Intellektuelle zweifelten die Lehren der Professoren an. Ihnen erschien die vorherrschende Weltanschauung blutleer und starr. Man bezweifelte, dass der menschliche Verstand alles vermöge, dass die menschliche Vernunft der einzige Weg zur Erkenntnis sei und letztlich zur völligen Beherrschung der Natur und des Schicksals führe.

Bislang deutete alles daraufhin, dass die Rationalisten Recht hatten. Die Naturwissenschaften hatten die Welt verändert, Maschinen bestimmten mehr und mehr das Leben der Bürger. Die Industrialisierung schritt unaufhaltsam voran. Technische Neuerungen formten die Arbeitswelt. Und doch war da eine gewisse Kälte und Leere in der neuen so erfolgreichen Zeit. Es bleib scheinbar immer weniger Raum für Unmechanisches, Unberechenbares, Spontanes und Kreatives. Man versuchte alles in Regeln, Strukturen und Gesetze zu pressen.
 
Da nun jede starke Bewegung ohne Gegenbewegung nicht denkbar ist, kann es keinen verwundern, dass in jenen Zeiten sich vermehrt Widerstände regten, die gewissermaßen als Antithese zu vorherrschenden Denkweisen andere, antirationale und naturwissenschaftskritische Sichtweisen entwickelten.   

Die Lebensphilosophie geht vom Begriff des Lebens aus. Besser gesagt: weniger vom Begriff, als denn vom Leben, vom Er-leben, vom Lebensgefühl.

Wilhelm Dilthey sieht den Ausweg in einer eigenständigen Geisteswissenschaft, die sich unabhängig von den vernunftgesteuerten Naturwissenschaften macht und so den Menschen zu neuen und zukunftsweisenden Ufern führt.

Ähnliches fordert Henri Bergson. Der weltweit wohl prominenteste Vertreter der Lebensphilosophie stellt fest, dass Naturwissenschaften wohl für den Raum, für Zahlen und geometrische Figuren zuständig sind, nicht aber für die Zeit, deren Wesen Bergson als ständig fließend, unumkehrbar und inhomogen betrachtet. Zeit ist nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden in ihrem Wesen erfassbar. Das ist nur intuitiv möglich. 

Überhaupt setzt die Mehrzahl der Lebensphilosophen dem Verstand die Intuition entgegen. Man glaubt hier ein wichtiges Element der Erkenntnis zu haben, das nicht vernachlässigt werden darf. Dem Leben und einer angemessenen Philosophie kann man demnach nur gerecht werden, wenn man jene Sphären berücksichtigt, die mit modernen Begriffen wie „Bauchgefühl“ oder „emotionale Intelligenz“ beschrieben werden können.

Für die Lebensphilosophie gilt jene auch von Goethe unterstützte Auffassung Kants, dass es einen „Newton des Grashalms“ nie geben wird, bzw. nicht geben kann, da das Leben in seinem Innersten mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht beschreibbar ist. In diesem Zusammenhang kann ein Zitat aus Goethes Faust gut den Standpunkt der Lebensphilosophie verdeutlichen:

„Geheimnisvoll am lichten Tag
läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben
und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“

Und so besinnt sicht die Lebensphilosophie denn auf das Erleben. Viele Lebensphilosophen schwärmen nicht nur vom Leben, vom Gefühl, von den Emotionen. Sie wollen das Leben am eigenen Leibe spüren. Sie wollen intensive Momente des Lebens erfahren. Von Ludwig Klages ist dies aus seiner Schwabinger Zeit bekannt, wo er ein Initiator und maßgebliches Mitglied des sogenannten „kosmischen Kreises“ ist. Ein loser Verbund junger Studenten im Münchener Stadtteil Schwabing um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, der, sich auch Blutleuchte nennend, das erkaltete Blut zum Leuchten bringen, es erwärmen, es erstrahlen lassen - es kurzum beleben will.

Es ist kein Zufall, dass viele Vertreter der Lebensphilosophie keine Professur innehaben und nicht an einer Universität dozieren (Klages, T. Lessing u. a.). Man will fort von den inhaltsleeren Gedankengebäuden, in denen die Kälte lebensfremder Konstrukte ihre vorhersehbaren Spielchen treiben. Man widersetzt sich dem Mainstream, den vorherrschenden Normen. Man will ausbrechen aus dem Vorgegebnen. Man will Eigenes, Andersartiges und Neugestaltiges erschaffen. Die Wendung gegen den dominierenden Rationalismus ist auch eine Wendung gegen die Aufklärung, gegen die Technik, gegen das etablierte Bürgertum und gegen die vorherrschende Moral.

"Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern." (Heidegger)

Man will die Philosophie aus den Studierstuben holen und den kalten Gedanken wieder Leben einhauchen. Das Unmittelbare ist der Lebensphilosophie näher als die Gedankenferne der universitären Seminare. Deshalb zieht sich ein Heidegger für das Schreiben in die Einsamkeit seiner Berghütte zurück und entwickelt seine Philosophie besonders dann, wenn draußen die Naturgewalten die kleine Behausung umtoben. Hier hält der Philosoph seine Seminare. Wer teilnehmen will, muss zunächst kilometerweit die Hänge hinauf, um dann Holz zu hacken, Wasser aus der Ferne zu holen und auf einem kargen Holzbett zu schlafen. Es gilt das Leben zu spüren.

Die Vertreter der Lebensphilosophie waren und sind Fortschrittsskeptiker, Zivilisations- und Technikkritiker. Sie misstrauten einem Fortschritt, der sich vor allem auf der Basis eines naturwissenschaftlich-rationalen Denkens bewegte. Reaktionäre Antimodernisten, wie ihnen oftmals unterstellt wurde, waren sie indes nicht. Sie träumten von einer naturnahen Wendezeit; von einer Einheit von Körper, Geist und Seele und von einer unverkrusteten Gesellschaft, die dem Leben und einer unverstellten Leiblichkeit mehr Raum gibt.

Die ersten ökologischen Impulse des vergangenen Jahrhunderts gingen von der Lebensphilosophie aus. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da in jener Geistesströmung eine Nähe zum Leben und zur Natur gefordert wurde. Die Wandervogelbewegung war Ausdruck einer derartigen Sehnsucht nach der Natur. Man empfand die Stadt und deren Industrieanlagen, die in jener Zeit mitten in die Großstädte integriert wurden, als Bedrohung. Die rauchenden Schlote der Fabriken vermittelten eine Naturferne. Der Umbau Welt, der städtischen und industriellen Landschaften, die fortschreitende Asphaltierung, die mäandernden Strommasten, all das befremdete und änngstigte die Menschen. Es entstand nicht erst in dieser Zeit eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und nach einem unmittelbaren Naturerlebnis. Schon die Landschaftsmalerei keimte im Grunde erst auf, als Menschen begannen, sich in Großstädte und Industrieanlagen zurückzuziehen.

Aus Anlass der Jahrhundertfeier, die die Freideutsche Jugend 1913 auf dem Hohen Meißner veranstaltete, verfasste Ludwig Klages den Aufsatz „Mensch und Erde“. Klages bezeichnet den Naturschutz als „meine letzte Leidenschaft“. Er war Mitglied des Heimatschutzbundes und später trat er in den Schweizerischen Bund für Naturschutz ein. Klages beklagt den mannigfachen Eingriff des Menschen in die Natur und die Rücksichtslosigkeit, mit der dies geschieht. Tierarten werden dezimiert. Naturlandschaften werden zerstört. 

„Unter dem schwachsinnigsten aller Vorwände, dass unzählige Tierarten schädlich seien, hat er (der Mensch) nahezu alles ausgerottet, was nicht Hase, Rebhuhn, Reh, Fasan und allenfalls noch Wildschwein heißt.“

Aber es geht ihm nicht nur um die heimische Natur. Der Eingriff des Menschen in die Natur, sein zerstörerisches Wirken ist ein globales Problem.

„Um die sogenannte Kulturmenschheit mit Billardkugeln, Stockknöpfen, feinen Kämmen und Fächern und ähnlich ungeheuer nützlichen Gegenständen zu versehen, werden nach den neuesten Berechnungen achthunderttausend Kilogramm Elfenbein jährlich verarbeitet. Das ist gleichbedeutend mit der Niedermetzelung fünfzigtausend der gewaltigsten Tiere der Welt.“
Klages macht deutlich, wie sich die Werte für den modernen Menschen verschoben haben. Er hat die Ehrfurcht vor dem Leben verloren und ist nicht mehr in der Lage, den Wert des Lebens zu schätzen. Alles wir aufgerechnet in Geld, alles hat einen Marktwert, Billardkugeln können wichtiger sein als Elefanten. 

„Die Mehrzahl der Zeitgenossen, in Großstädten zusammengesperrt und von Jugend an gewöhnt an rauchende Schlote, Getöse des Straßenlärms und taghelle Nächte hat keinen Maßstab mehr für die Schönheit der Landschaft, glaubt schon Natur zu sehen beim An-blick eines Kartoffelfeldes und findet höhere Ansprüche befriedigt, wenn in den mageren Chausseebäumen einige Spatzen und Stare zwitschern.“

Kaum noch ist der Mensch in der Lage, zwischen Natur- und Kulturlandschaft zu unterscheiden.

„Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde, vernichtet für Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft. Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Ägypten Australien, Amerika; die gleichen grauen vielstöckigen Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der Bildungsmensch seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.“

Der Markt und die ihm nachfolgende menschengeschaffene Infrastruktur triumphiert über die Natur. Wo sieht Klages, wo sehen viele Lebensphilosophen die Ursache für die Entfernung von der Natur, für die mangelnde Sensibilität gegenüber dem Leben? Zum einen ist da das Unvermögen des modernen Menschen, in ganzheitlichen Zusammenhängen zu denken und die Welt als in seinem Innern beseelt zu begreifen. Stattdessen betrachtet man Einzelteile unter materialistischen Aspekten.

„Wir brauchen es nicht zu entscheiden, ob das Leben über die Welt der Eigenwesen hinausreiche oder nicht, ob die Erde, wie es der Glaube der Alten wollte, ein lebendes Wesen oder aber (nach der Ansicht der Neueren) ein unfühlender Klumpen ‚toter Materie’ sei; denn soviel steht fest, dass Gelände, Wolkenspiel, Gewässer, Pflanzenhülle und Geschäftigkeit der Tiere aus jeder Landschaft ein tieferregendes Ganze wirken, welches das Einzellebendige wie in einer Arche umfängt, es einverwebend dem großen Geschehen des Alls.“

Das Naturbild, was hier dargestellt wird, trägt animistische Züge. Die Natur scheint belebt, nicht tot. Alles ist miteinander verwoben, nicht zerstückelt und aufeinander unbezogen. Tieren, Pflanzen und Objekten wohnt eine Seele inne. Sie sind Lebewesen wie der Mensch. Sie sind Geschöpfe der Natur und ebenso wie der Mensch in deren Kreislauf eingebunden und nicht reduzierbar auch Mineralien, Aminosäuren und Reststoffe, nicht reduzierbar auf einen kommerziellen Nutzen. Sie sind nicht als klonbar und patentierbar. 

Die menschliche Vernunft gerät ebenso wie die Vorstellungskraft immer wieder an ihre Grenzen. Das ist jedem gegenwärtig, wenn er nur einmal versucht, sich Unendlichkeit vorzustellen. Die moderne Physik vertritt gegenwärtig mehrheitlich die sogenannte Urknalltheorie. Trotzdem bleibt es unbegreiflich, wie denn aus nichts etwas werden kann. Selbst für den Urknall müssen Urstoffe, Gase, Kräfte, Energien vorhanden gewesen sein, um den „Urknall“ zu erzeugen. Woher dies alles kam, bleibt unbegreiflich. Und es sind nicht wenige Wissenschaftler, die an einer derartigen Schnittstelle letztlich auf religiöse Erklärungen verfallen, weil eben hier die Grenzen des Rationalen erreicht sind und das Irrationale beginnt.

Robert Musil spricht vom „Schlafwagenabteil der mathematisch-logischen Erkenntnismethode“.

"Man ist Strohhalm und Atem, und die Welt die zitternde Kugel. In jedem Augenblick entstehen alle Dinge neu; sie als feste Gegebenheiten zu betrachten, erkennt man als inneren Tod ... Das ist die Stimmung philosophisch schöpferischer oder philosophisch eklektischer Zustände. Man kann sie intellektuell als verspäteter Christ auslegen oder das Fließen des Heraklit an ihr demonstrieren, überhaupt allerlei heraus- und hineinlesen, unter andrem auch ein ganz neues Ethos. Glauben wir daran? Nein. Wir spielen damit Literatur. Galvanisieren Buddha, Christus und andere Ungenauigkeiten. Ringsum tobt die Vernunft in Tausenden von PS. Man trotzt ihr und behauptet, in einem verschlossenen Kästchen eine andere Autorität zu haben. Das ist der Sammelkasten Intuition. Man öffne ihn doch endlich und sehe, was darin ist. Vielleicht ist es eine neue Welt."

Die Lebensphilosophie macht nun das Irrationale zum Thema, sie hat den Mut dazu, und zwar von vornherein, nicht nur, weil sie irgendwann nicht mehr weiter weiß, weil sie an die eigenen Grenzen geraten ist. Sie tut dies, weil sie das Leben als Ganzes betrachtet und nicht bereit ist, einfach Teile der Erfahrung auszuschalten und zu leugnen, weil diese nicht deckungsgleich sind mit einer vorherrschenden gesellschaftlichen, universitären und in Wissenschaftskreisen dominierenden Ideologie, die rationalistisch geprägt ist. Sie macht nicht vor einer Sache halt, wenn diese nicht durch exakte wissenschaftliche Kriterien darstellbar ist.

Rationalismus und Wissenschaft können mit Argumenten des Lebens oft nicht viel anfangen. Sie wollen messen, berechnen und benötigen Zielvorgaben, um Input und Output zu vergleichen. Ethische Fragen sind ihnen fremd. Spätestens hier, bei der Ethik, beginnt das weite Feld des Irrationalen. Was soll der Mensch tun? Was ist gut? Was ist böse? Was ist das Leben? Was ist lebenswert? Alles Fragen, die allein rational nicht zu beantworten sind und doch nicht unbeantwortet bleiben können, weil es sich um zentrale Aspekte des Lebens handelt. Und zum Leben gehört eben auch das Irrationale.

Der Begriff „irrational“ transponiert zumeist jede Menge negativer Assoziationen. Man verbindet damit Bedeutungen wie „unvernünftig“, „vernunftswidrig“ oder „unüberlegt“. Wer irrational handelt, der tut dies dem gemeinen Verständnis nach ohne jedes Nachdenken und ohne alle Überlegung. Wem zum Vorwurf gemacht wird, sein Denken sei irrational, dem gibt man zu verstehen, er unterliege Trugschlüssen, Fehldeutungen oder offensichtlichen Irrtümern. Mit dem Vorwurf des Irrationalen ist in der Regel auch immer der Vorwurf verbunden, man schalte seinen Verstand nicht ein, man überlege nicht richtig, nicht folgerichtig, vernachlässige wider besseren Wissens eine geltende Ordnung und komme schließlich zu falschen Schlüssen und Auffassungen. In diesem Sinne wird dann das Irrationale auch als absurd, konfus, unklar und widersinnig aufgefasst.

Die im allgemeinen Sprachgebrauch vorherrschende fast ausschließlich negative Bedeutung des Wortes „irrational“ reflektiert die geradezu übermächtige gesellschaftliche Position des Rationalen. Für die meisten Menschen ist das Rationale gleichbedeutend mit dem Wissenschaftlichen und eng mit der Vorstellung verbunden, dass die Wirklichkeit, dass die gesamte Lebenswelt mit Hilfe der Wissenschaft letztlich durchschaubar, beschreibbar und auch kontrollierbar ist.

Paul Feyerabend geht auf die Ursprünge des Begriffes „rational“ in der vorsokratischen Philosophie zurück und zeigt auf, dass im Sinne von Herodot und Protagoras „rational“ bedeutet:

„Wir sind daran gewöhnt und die Sache gefällt uns.“

Möglicherweise hat der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli Recht, wenn er fordert:

"Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen."

Es ist kein Zufall, dass die Hochzeit der Graphologie mit jener der Lebensphilosophie zusammenfällt. Ludwig Klages war einer der Einflussgeber der Lebensphilosophie in Deutschland. In ihm ergänzen sich beide Themen in einem geradezu paradigmatischen Ausmaß. Die Schriftdeutung wird bei Klages aus einem lebensphilosophischen System heraus entwickelt. Was zuvor nicht viel mehr als eine Ansammlung graphologischer Erfahrung war und im Fleiß Michons, in dessen Sammelleidenschaft von Handschriften und der darauf aufbauenden systematischen Zuordnung von Schriftzeichen und Eigenschaften einen vorläufigen Höhepunkt fand, erfuhr nun eine qualitative Weiterentwicklung, mehr noch - eine Neuorientierung. Denn nun erst bekam die Graphologie ein Fundament.

Die Zusammenführung von Lebensphilosophie und Graphologie war im Grunde ein Quantensprung für die Schriftpsychologie. Denn nun war die Deutung der Handschrift nicht mehr bloß ein empirisches Geschehen, sondern sie erhielt eine philosophische Basis, einen gedanklichen und vor allem weltanschaulichen Untergrund. Klages Erkenntnis der einander gegenüberstehenden Prinzipien von Geist und Seele führte ihn zu der Annahme der Polarität der Schriftzeichen. Auch der in der Lebenswelt wirkende Rhythmus, jenes Naturphänomen des Lebendigen, fand seine Entsprechung in der Handschrift. Gleiches gilt für den Gegenpol, den Takt als Ausdruck des Künstlichen, Rationalen und Unlebendigen.

Und doch waren in der Graphologie, und insbesondere in deren deutscher Gestaltung immer schon lebensphilosophische Einflüsse vorhanden. Die intuitive Deutung der Handschrift ist seit Lavater eine wesentliche Methode, auf die bis heute nicht verzichtet werden kann. Das sich Einfühlen in die Schriftgestalt und die assoziative Verfahrensweise besitzen eine starke Nähe zu jener lebensphilosophischen Grundstrategie, die Dilthey als „Hermeneutik“ bezeichnet. Dilthey hat den Begriff zwar nicht erfunden, aber aus der künstlerischen Nische in das wissenschaftliche Interesse gerückt. Unter Hermeneutik versteht er ein systematisches Vorgehen im Dreischritt von Erkennen, Verstehen, und Interpretieren.

Das Wahrnehmen, das Verstehen - und hier ist der Akt der Auffassung, mithin das unmittelbare Verstehen gemeint - und letztlich die Interpretation: Das sind auch wesentliche Elemente der Graphologie. Die mechanische Analyse, das bloße Addieren von Schriftzeichen, das Ausmessen, das Vermessen - all dies tritt in den Hintergrund gegen-über dem deuterischen Vorgehen. Graphologie ist Schriftdeutung, ist Schriftinterpretation und setzt als solches die Einfühlung voraus. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Elemente der Hermeneutik und der Lebensphilosophie. Graphologie ist sozusagen  über weite Strecken eingebunden in einen lebensphilosophischen Kontext, der geschichtlich und, wenn man so will, schicksalsmäßig mit ihr verbunden ist.

Lebensphilosophie, bedeutet in gewisser Hinsicht aktive Philosophie. Man lebt. Man will das Leben in sich spüren. Lebhaftigkeit, Bewegung, Aktivität und Intensität gehören zum Leben dazu, machen es aus, sind bestimmend und gestaltend. Während die Rationalisten in der Einförmigkeit ihrer Denkhöhlen verharren und ängstlich Ab- und Umwege vermeiden, wenden sich die Lebensphilosophen dem Erleben zu. Die einen sind mehr zielorientiert. Für die anderen ist eher oder zumindest auch der Weg das Ziel. Für Graphologie und Lebensphilosophie gilt: Ohne Einfühlung, ohne Sinnlichkeit, ohne Nacherleben, ohne Intuition und Kreativität geht es nicht. Dies sind sogar die wesentlichen Elemente, hinter denen das Rationale zurückstehen muss. Das Warme siegt über das Kalte, die Nähe dominiert über die Ferne, das Organische steht über dem Anorganischen.

Ein anderes Merkmal der Lebensphilosophie ist auch das „Außeruniversitäre“. Man kann beinahe sagen - die Opposition zum universitären Wissenschaftsverständnis. Man entwickelt sich vor allem außerhalb des Universitätsbetriebes, sei es gewollt oder ungewollt.

Die meisten Lebensphilosophen haben hauptsächlich außerhalb der Universität gewirkt. Klages war im Grund Zeit immer Privatgelehrter. Theodor Lessing arbeitete als Journalist. Georg Simmel erhielt erst spät eine Professur. Nietzsche gab die universitäre Laufbahn aus freien Stücken auf. Der Klagesfreund Alfred Schuler, den man getrost als Lebensphilosophen bezeichnen kann, wirkte nur durch seine Vorträge und verhinderte immer wieder, dass schriftliche Zusammenfassungen seiner Gedanken publiziert wurden. Erst postum veröffentlichte Klages einiges von und über ihn. Ebenso wie die Lebensphilosophie im Wissenschaftsbetrieb nie richtig Fuß gefasst hat, weil sie dem Leben zu nah und der Wissenschaft zu fern war, ebenso verhält es sich mit der Graphologie. Auch letztere hat sich nie richtig universitär etablieren können, oder sollte man nicht besser sagen - wollen.

Die nachfolgende Übersicht ist eine tabellarische Zusammenfassung der wichtigsten Elemente, Ideen, Wertvorstellungen und Ideologien, die für die Lebensphilosophie richtungsweisend sind (und ebenso für die Graphologie). Es werden jeweils nur die Schlagworte aufgelistet. Demgegenüber zur Abgrenzung und weil es so etwas wie der Gegenpol ist, finden sich entsprechende Begriffe, die mit dem Rationalismus assoziierbar sind.

Lebensphilosophie

Rationalismus

Irrationalismus

Rationalismus

Gefühl

Verstand

Unvernunft, Spontaneität

Vernunft

Subjektivismus

Objektivismus

Kreativität

Logik

Praxis

Theorie

Erfahrung

Evaluation

Unbewusstes

Bewusstes

Interpretation

Analyse

Kunst

Technik

Kreativität

Kompilarität

Geisteswissenschaft

Naturwissenschaft

Relativismus

Absolutismus

Seele, Leben

Geist, Verstand, Vernunft

Natur

Technik, Mechanik, Industrie

Unsicherheitsdenken

Sicherheitsdenken

Holismus (Ganzheitsdenken)

Atomismus, Partikularismus

Körper, Leib als untrennbarer
Teil der Seele

Leib als bewusstlose Hülle

Ekstase, Emotionalität

Ruhe, Besinnung, Nachdenken

emotionale Intelligenz

rationale Intelligenz

Rhythmus

Takt

Wertzuwachs

Machtzuwachs

Relativismus

Absolutismus






Von Schädeldeutern und Graphologen


„Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen“ - so betitelt der Osnabrücker Professor für Wirtschaftspsychologie, Uwe Peter Kanning, sein neues Buch, das sich unter anderem mit der Graphologie beschäftigt und dabei letztlich Graphologen in eine Reihe mit Scharlatanen stellt. Aber dies ist nicht das erste Buch von Kanning, in dem er sich in äußerst negativer Weise über Erfahrungen, Methoden und Wissensgebiete äußert, die sich seiner  Vorstellungswelt entziehen.

Dabei ist die Argumentation immer die gleiche: Was bisher nicht einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält, ist Unfug. Alle, die derartiges betreiben, sind Scharlatane. Herr Kanning tritt auch schon einmal bei Skeptikerverbänden auf. Dort treibt man die Einteilung der Welt in Wissenschaft und Nichtwissenschaft auf die Spitze. Was alles als Aberglaube abgetan wird, mündet in ein umfangreiches Sammelsurium, zu dem dann unter anderen auch nahezu das gesamte Spektrum der Alternativmedizin, der Psychoanalyse, des sogenannten Coachings, der Anthroposophie und natürlich der Religionen gehört. Demnach werden nahezu ganze Berufsstände als Verführer, Schwindler und Scharlatane verunglimpft, was nicht nur für die Graphologie gilt, sondern auch für Heilpraktiker, Motivationstrainer und Psychologen, wenn sie denn etwa tiefenpsychologische Techniken wie die Psychoanalyse oder Hypnose einsetzen.   

Es entsteht so eine Welt, die vor allem zwei Seiten kennt: Das, was wahr ist, und das, was der Unwahrheit entspricht. Auf der einen Seite das Richtige, auf der anderen das Falsche. Das Richtige ist das wissenschaftlich Belegbare, das Berechenbare, das durch den Verstand Begreifbare. Das Falsche ist das bloß Fühlbare, das Intuitive, das bloß auf Erfahrung Beruhende, das Emotionale und schließlich all das, was (noch) nicht wissenschaftlich bewiesen ist. Man teilt die Welt in Wissenschaft und Nichtwissenschaft, in das, was ein darf und das, was nicht sein darf. Dabei kommt es außerdem zumeist zu einer Gleichsetzung von Wissenschaft und Naturwissenschaft, was innerhalb der Wissenschaft selbst umstritten ist, denn dort unterscheidet man zwischen Erfahrungswissenschaft und Geisteswissenschaft. Die Erfahrungswissenschaft spaltet sich dann wieder in Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften. Graphologie ist Erfahrungswissenschaft, aber auch Geisteswissenschaft (Klages).  

Die Skeptiker und Kanning vertreten einen naturalistischen Standpunkt, den auch die sogenannten „Brights“ vertreten. Der Naturalismus ist eine materialistische und physikalistische Weltanschauung, die lediglich die beobachtbare Natur und deren experimentell nachweisbare Phänomene anerkennt. Schließlich kämpfen  Skeptiker und Brights für eine „objektive Erkenntnis“ und gegen alles Subjektive, Ungefähre und Nicht-Beweisbare. Das Problem dabei ist, dass so in letzter Konsequenz ein recht großer Bereich des Lebens (oder genauer: der menschlichen Erfahrung) unberücksichtigt bleibt und im Extremfall sogar einer Verunglimpfung anheimfällt.

Der skeptische Standpunkt ist ein sogenanntes „disbelief-System“, das Milton Rokeach (1960) in seiner grundlegenden Arbeit zum Dogmatismus ebenso wie das „belief-System“ als Ursache von Dogmatismus ausgemacht hat.  Man bekämpft den Dogmatismus nicht mit dogmatischen Mitteln!

Die Zahl der Bereiche, die Kanning und die Skeptiker in den Bereich der Pseudowissenschaft rücken, wächst ständig. Auch die Körpersprache zählt Kanning dazu, die Motivationspsychologie ebenso. Alles Hokuspokus, weil nicht eindeutig evaluierbar. Im strengen wissenschaftlichen Sinne nicht evaluierbar ist aber viel mehr. Kanning selbst ist Professor der Wirtschaftspsychologie – ein zweifellos interessantes Gebiet -  aber über weite Strecken nicht wissenschaftlich validierbar. Nehmen wir nur den Bereich Wirtschaft. Jedes wirtschaftliche Modell ist vor allem hypothetisch und fast nie wissenschaftlich validierbar (es sei denn durch szientistische Trickserei). Der Stifter der Nobelpreise, Alfred Nobel, äußerte den Wunsch, dass bitte nie ein Wirtschaftswissenschaftler ausgezeichnet werden sollte - vergeblich. Wirtschaftswissenschaftler wie Friedman und Hajek haben Nobelpreise für ihre neoliberalen Wirtschaftstheorien bekommen, für Modelle, die gerade in den letzten Jahren grandios an der Realität gescheitert sind und sich für viele als gefährlicher Unsinn erwiesen haben. Der ganze Bereich der Psychologie ist über weite Strecken zutiefst subjektiv verhangen und grundsätzlich nicht objektivierbar. Hier ist man notwendigerweise auf Spekulationen und Theoriebildung angewiesen. Evaluierungen sowie experimentelle Feldforschungen sind hier nur bedingt aussagekräftig und nie als objektiv im eigentlichen Sinne zu betrachten.

Kurzum: Wollten wir die Welt in Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft (im Sinne einer naturalistischen Weltanschauung) teilen, dann bliebe nicht viel übrig von der Welt. Eine Welt, in der es vor allem Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Medizin gibt, aber kaum mehr. 

Für die Graphologie gilt: Die meisten Graphologen halten es für unerheblich, ob Graphologie nun der Definition nach eine Wissenschaft ist oder nicht. Sie ist vor allem eine Methode, ein ausgefeiltes System der Persönlichkeitsdiagnostik. Sie hat weitreichende Verankerungen in der Erfahrungswissenschaft, in der Geisteswissenschaft (Hermeneutik) und in der Philosophie (Lebensphilosophie). Sicher ist die Frage interessant, ob es sich mit wissenschaftlicher Methodik und ganz von jedem Zweifel frei beweisen lässt, dass Schriftdeutung tatsächlich das misst, was sie messen will. Aber dazu müsste man ebenso exakt und genau das vermessen können, was letztlich bisher nicht genau messbar ist - die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen.


„Graphologische Skizzen zur Finanzkrise“


Was gegenwärtig geschieht und was noch alles auf die Menschen zukommen wird, hat einst Ludwig Klages mit dem Wort „Mammonismus“ beschrieben. Er meinte damit die eine Eigendynamik entwickelnde Finanzwirtschaft mit ihren destruktiven Kräften. Jener Begriff will einen Zustand verdeutlichen, in dem das Geld, in dem die Geldwirtschaft einen quasireligiösen Status erreicht hat. Alles kreist um den „Mammon“, alles Denken und Fühlen der Menschen ist auf den Gelderwerb ausgerichtet, alles Streben und Sehnen am Geld bemessen. Der Einzelne zählt kaum noch, der allgemeine Maßstab ist das Geld, der abstrakte Besitz, der als imaginäre Monstranz vor sich hergetragen wird. Der Mammonismus bezeichnet jene Seite der unkontrollierten Geldwirtschaft, die auch in jüngster Zeit immer wieder als Manchesterkapitalismus bezeichnet wird und ein rücksichtsloses Vermögensstreben meint, das letztlich auf der einen Seite zu  immenser Anhäufung von Besitztümern und auf der anderen zu extremer Verarmung  führt.

Klages äußerte aus einer pessimistischen Weltsicht heraus:

„ … allein wohl nur wenige sind sich bewusst geworden, dass dieser Mammon ein wirkliches Wesen ist, das sich der Menschheit als eines Werkzeuges bemächtigt, um das Leben der Erde auszu-tilgen.“

Mammonismus - das Wort selbst birgt den Wortstamm „Ismus“ in sich, was soviel bedeutet wie „Glaubenssystem“, eine „Ideologie“, eine geistige Strömung, eine Wissenschaft. Dahinter verbirgt sich der Irrglaube, das Leben und letztlich die Welt sei in ihrem Wesen und in ihrer Struktur ein Äquivalent zum Geld, alles sei schlussendlich aufteilbar, berechenbar, zerteilbar, abwägbar und in Geld messbar, alles sei in seinem Warencharakter aufrechenbar. Und letztlich sei dies die einzig richtige, die alternativlose Sichtweise der Dinge. Der freie Markt, das freie Spiel der ungestörten Kapitalbewegungen und Kapitalflüsse führe unweigerlich zur besten aller möglichen Welten. Derartige hat man uns bis zum jüngsten Zeitpunkt verkauft. Der Mammonismus als moderne Theodizee! Und alle jene, die vor den Folgen jenes ungehemmten neoliberalen Treibens warnten, wurden als Hemmschuhe einer freien Marktwirtschaft, als Linke, als Kommunisten oder einfach als Naivlinge abgetan.

Wenn in Deutschland ein kritisches Wort zu den unmoralisch hohen Managergehältern fiel, sah man sich postwendend dem Vorwurf ausgesetzt, dass man eine typisch deutsche Neiddebatte anstoßen wolle. Wer mehr Marktkontrolle forderte, galt als Fortschrittsfeind, als Simpel und kaum Ernstzunehmender, als Arbeitsplatzvernichter und Wachstumshemmschuh. Nun ist das alles plötzlich anders. Und diejenigen, die zuvor noch jeden Ruf nach dem Staat als unzeitgemäß und naiv belächelten, fordern nun eine Regulierung der Märkte. Jene, die vor kurzem noch das Hohelied der gänzlich freien und unkontrollierten Märkte zum Besten gaben, stimmen nunmehr den Minnesang der staatlichen Regulierung an.  

Szenen wie diese waren vor kurzem noch undenkbar - als der Chef der bankrotten und zur Geschichte gewordenen amerikanischen Großbank „Lehman Brothers“ Rede und Antwort stehen musste.

„Ein sichtlich betroffener Ex-CEO heute vor dem Kongress in Washington. Er sollte Rechenschaft ablegen über seine Arbeit und vor allem über eines: über sein Gehalt, seine Boni und seine Aktienoptionen.

Der Kongress rechnete Lehman CEO Richard Fuld vor, dass er seit 2000 rund 500 Millionen kassiert hätte. Allein das Gehalt betrug 2005 89 Millionen Dollar. Hinzu kamen im Laufe der Jahre Boni und Gewinne aus Verkäufen von Aktien und Einlösung von Optionen.
Kongress: „Sie haben fast eine halbe Milliarde Dollar kassiert, finden Sie das fair?“
Fuld: Schweigen. Stottern. „Die Zahlen sind nicht ganz akkurat.“ Zittern.

Signatur 1

Die Schriftzüge weisen einen Menschen aus, der dazu neigt, den Bezug zur Gesellschaft und ebenso zur Realität zu verlieren. Diese Eigenschaften paaren sich mit einer ausgeprägten Egozentrik.

Die deutlichen Längenunterschiede konzentrieren sich vor allem auf Anfang und Ende des Wortes, fallen also mit einer Anfangs- und Endbetonung zusammen. Der Mann ist zweifellos von Ehrgeiz getrieben. Er will sich selbst und andere von seinen Fähigkeiten überzeugen. Minderwertigkeitskomplexe werden hier offenbar. Die Begabung, Menschen zu führen, ist nicht ausgeprägt. Zu selbstbezogen und zu sehr mit den eigenen Zielen und Projekten ist R. Fuld befasst, als dass er in der Lage wäre, sich in einem ausreichenden Maße mit den Befindlichkeiten anderer zu beschäftigen. Dabei versteigt er sich gelegentlich in eigenwillige Ideen und Vorstellungen, deren Verwirklichung er einigermaßen rücksichtslos durchzusetzen im Stande ist.  

Szenenwechsel.

Es bleibt unbegreiflich und ist ein niederschmetterndes Urteil über die Moralität einer Gesellschaft, wenn ein Einzelner 8000 (!) mal soviel verdienen kann wie ein Durchschnittsbürger. Kein Mensch kann 8000 mal besser sein als der Durchschnitt: Er kann dies in körperlicher Hinsicht nicht - darüber braucht man überhaupt nicht nachzudenken. Er kann dies aber auch in geistiger Hinsicht nicht. Kein Genie kann mit seiner Leistung dauerhaft 8000fach über dem Durchschnitt liegen.

Man macht den Menschen glauben, es sei die Leistung, die zum Geld führt, es gehe alles gerecht zu, man sei selbst für sein Glück verantwortlich, und man könne durch „ehrliche Arbeit“ reich werden. Man kann - aber leider nur in den seltensten Fällen, die dann als willkommenes Feigenblatt dienen. Im Normalfall bestimmt der Markt über das Schicksal der Menschen, und dort geht es in der Regel nicht gerecht zu. Denn hier geht es weniger um wirkliche Produkte als um das Geld an sich, um einen Marktwert, um Renditen, um Zinsen, um Geldvermehrung in diverser Form. Hier kann derjenige besonders gut sein Geld vermehren, der ohnehin schon viel davon besitzt.

Fußballspieler verdienen Millionen mit dem Argument, sie würden eben auch außergewöhnliche Leistungen zeigen. Dabei sind sie lediglich Nutznießer einer Marktbesonderheit, die eben jene Sportart bevorzugt, während andere Sportler in anderen Sportarten vergleichbare oder gar bessere Leistungen zeigen, diese nicht in Geld umwandeln können.          

In der Zeit der neoliberalen Umverteilung der letzten Jahre „explodierte die Zahl der Millionäre und Milliardäre. Deutschland hat mit 55 die in der Welt zweithöchste Konzentration an Milliardären mit einem Vermögen von 178 Milliarden Euro, fast ein Drittel der jährlichen Nettolöhne und -gehälter aller 37 Millionen deutscher Arbeitnehmer. Oder anders ausgedrückt: Ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer müsste sein gesamtes Einkommen 185.000 Jahre voll zur Seite legen, um das Durchschnittsvermögen der deutschen Milliardäre zu erreichen.“ (Quelle:
http://www.jjahnke.net/krise.html)

Diese abstrusen Unverhältnisse entstehen erst durch eine unkontrollierte und zum Religionsersatz erhobene Geldwirtschaft, die der Wirtschaft einen mythischen Anschein zukommen lässt und dem in Demut und götzenhafter Anbetung gehaltenen Untertan glauben macht, der „freie Markt“ müsse in jedem Fall unangetastet bleiben, ihm dürften keinerlei Grenzen gesetzt werden, um den freien Fluss des Kapitals nicht zu behindern - so als sei der Kapitalfluss das Lebenselixier, das Herzblut des modernen Seins.

Der Tanz um das goldene Kalb, um den Mammon, hat eine schwindelleregende Geschwindigkeit erfahren. Das Karussell der Finanzbewegungen um den Globus hat sich derart beschleunigt, dass es den Reisenden die Sinne umnebelt und einen Temporausch erzeugt hat. Immer schneller, immer heftiger und fordernder begann das Rad sich zu drehen. Die Bodenhaftung ging schon lange verloren. Wünsche, Phantasien und Gelüste traten an die Stelle reeller Bezüge. Der Kontakt zum Leben, zum Unmittelbaren hat sich längst verloren. Wie in einem Rausch, wie in einer Art Massenhypnose bewegten sich Wirtschaft und Politik im Gleichschritt. Man glaubte an das, was man glauben wollte - ewiges Wachstum, ständig wachsende Märkte. Man suggerierte anderen und sich selbst die Allheilkraft des freien Marktes. Immer weniger Staat, immer mehr Markt. Bald sollte alles dem freien, ach so effektiven und gerechten Spiel der selbstischen Kräfte überlassen werden. Am Ende hätte man dann sicher irgendwann noch Polizei, Feuerwehr und Streitkräfte privatisiert. Schlussendlich hätte man wohl auch noch die nationalen Regierungen aufgelöst und Ratingagenturen als oberste Instanzen eingesetzt.

„In den aktuellen Zusammenhängen ist das Geld zum Gott geworden“, kritisiert der evangelische Bischof Wolfgang Huber. Er fordert die Menschen auf, den „Tanz um das goldene Kalb zu beenden und „Geld nicht länger zu vergötzen“.

Dabei ist das alles nicht neu. Auch Anfang der dreißiger Jahre gingen die Banken pleite, stürzten die Aktienkurse ab. Auch damals besaßen die wohlhabendsten 0,1 Prozent der Amerikaner fast 40 Prozent des gesamten Volksvermögens. Die Reichen waren zu reich geworden und stürzten die Weltwirtschaft in eine Krise - so jedenfalls die Analyse eines der einflussreichsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, John Kenneth Galbraith.

Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die Geldkonzentration in den Händen weniger einen gewissen Punkt erreicht, wenn die ärmeren Schichten der Bevölkerung ausgepresst sind und die Mittelschicht weitgehend eingedampft ist, wird der Nährboden für ein sich immer schneller und stärker konzentrierendes Kapital weniger fruchtbar. Hinzu kommt, dass mit der Konzentration des Kapitals auch die Renditesucht oder besser die Gier zunimmt. Ein Teufelskreis entsteht. Letztlich führt dies dazu - damals wie heute - dass irgendwann neue "kreative" Finanzprodukte entstehen, die sich jenseits der Realwirtschaft bewegen. Zuletzt wurden in den USA Putzfrauen, Gelegenheitsarbeitern und Exhäftlingen, die in ihrem Leben noch niemals gearbeitet hatten, Immobilienkredite aufgedrängt, die man dann mit anderen Papieren bündelte und als Finanzprodukte weiterverkaufte. Auch diesmal wie 1929 dominierte die abstruse Ansicht, dass der Markt dauerhaft stabil bleibe und kontinuierlich wachse. Auch diesmal wieder ist es die vermeintliche Elite der Gesellschaft, die durch ihren Reichtum und dessen verselbständigte destruktive Energie die Krise verursacht hat.       

Jener sozialdarwinistische Großversuch, der immer wieder als alternativlos, als einzig wahr und richtig verkauft wird, ist also offensichtlich erneut gescheitert. Selbst der deutsche Großbanker Josef Ackermann spricht von einer Systemkrise.

sig2

Ackermann ist jedoch weniger der Typ, den Selbstzweifel plagen oder der unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet wie jener Richard Fuld. Der Manager der Deutschen Bank ist mit einem deutlichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Seine Unterschrift offenbart ein hohes Maß an Vitalität. Ungestört in ihrem Ablauf drängen die Schriftzüge vorwärts. Der Schreibrhythmus ist ausgeprägt. Wenn man es einem Banker zutrauen möchte, in diesen schweren Zeiten das Schiff durch die unruhige und stürmische See zu führen, um endlich wieder in ruhigere Wässer zu gelangen, dann ihm. Allerdings ist auch er nicht davor geschützt, Sachverhalte und Situationen falsch einzuschätzen, da ihn sein Selbstbewusstsein schon einmal dazu verleiten kann, sich mehr von Gefühlen als vom kühlen Verstand leiten zu lassen (siehe das aus der Mittelzone in die Oberzone ragende kleine „a“). Aber ist das ein Nachteil? Oder bezeichnet man derartiges heutzutage nicht als „emotionale Intelligenz“? In jene Richtung deuten auch die ausgeprägten Girlanden. Die erkennbaren Verschleifungen können als Hinweis auf einen gesunden Egoismus verstanden werden. Die Schrift macht auf dem Weg zum Du einen Umweg über das Ich. Nach Schriftzeichen, die Gier oder Rücksichtslosigkeit nahe legen, sucht man hier vergebens. Man kann Ackermann seine Entrüstung abnehmen, die er angesichts der Vorwürfe Bischof Hubers nach außen trägt, denn er - Ackermann - glaubt an die Richtigkeit seines Tuns und ist zudem kein Mensch, der vor anderen zu Kreuze kriecht. Wenn es denn sein müsste, kreuzigte er sich denn am ehesten selbst.   

Der als ein wichtiger Begründer des Neoliberalismus geltende Friedrich August von Hayek ist da von ganz anderer Natur. Die Schreibschwünge deuten schon den Feingeist an, der sich gern in den Gewölben und Wendeltreppen seines Elfenbeinturmes verirrt bzw. geistige Architekturen bevorzugt, die sich jenseits aller Realität bewegen.     

sig3

„Wir täuschten uns nicht, als wir den ‘Fortschritt’ leerer Machtgelüste verdächtig fanden,
und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von ‘Nutzen’, ‘wirtschaftlicher Entwicklung’, ‘Kultur’ geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch überlässt, gleich dem ‘Schlachtvieh’ zur bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen Beutehungers.“  (Ludwig Klages)

Der Chef der angeschlagenen US-Bank Merrill Lynch, John Thain, verlangt einen Bonus von bis zu zehn Millionen Dollar und dies, obgleich die US-Bank 40 Milliarden Dollar durch die Finanz-krise verloren hat. 

Die nachfolgende Unterschrift John Thains zeigt ein überbetontes Mittelband. Der Hinweis auf ein starkes Selbstbewusstsein wird durch die Anfangs- und Endbetonung noch verstärkt. Beide Zeichen verweisen auf eine starke Egozentrik. Das Ich befindet sich in einem Zustand der Überdehnung. 

sig4

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang noch das Ineinanderfließen von Vor- und Nachname. Privater und öffentlicher Auftritt fallen zusammen, verschränken sich ineinander. Denkbar ist hier auch, dass das Privatleben kaum noch vorhanden ist oder der Schreiber zwischen beiden Sphären immer weniger zu unterscheiden vermag.

Eine weitere Signatur John Thains lässt ein erhebliches Maß an Rhythmik vermissen. Der Ablauf ist gestört. Die egomanischen Impulse drängen scheinbar unkontrolliert nach außen. Die erkennbaren harmonischen und fließenden Momente des oben abgebildeten Beispiels haben sich hier verloren. Nun treten die negativen Aspekte stärker hervor - Egozentrik, Rücksichtslosigkeit, Autismus. Aber auch Rückzugstendenzen und Verteidigungslinien sind erkennbar. Die Schriftzüge sind jetzt mehr in der Mitte versammelt, nicht mehr so weit, sondern wie ein Schutzwall aufgestellt. Dabei wirkt alles gedrängter und noch mehr ineinander verschleift. Hier fühlt sich jemand in eine Ecke gedrängt. Er agiert nicht mehr frei und aus sich selbst heraus. Gestaute Energien und Aggressionen treten über das Schriftbild nach außen.

sig5

Der zuvor noch erkennbare Rhythmus ist verloren gegangen. Der weitgehend freie Fluss der Energie ist ins Stocken geraten und erinnert jetzt ein wenig an Packeis, so als seien die vordem noch nacheinander gestellten Schriftzüge nunmher ineinander verschoben und zusammengedrängt. Man kann jenen auf dem Schreiber lastenden Druck erahnen, der ihn hemmt und seine Energien staut, der ihn bedrängt und nicht zu Atem kommen lässt - eine Situation, die er nicht kennt und der er offensichtlich auch nicht gewachsen scheint.

Ludwig Klages spricht von einer „schrankenlosen Herrschaft des Geldsacks“ und sieht die Welt auf zwei Gegensätze zutreiben - einerseits „die Inhaber des größten Kapitals“ und andererseits die „Ohmacht der schlechthin Mittellosen“.

Möglicherweise stellt die Finanzkrise auch eine Chance dar, voreilig eingeschlagene Wege zu überdenken zu produktiven Lösungen zu gelangen, die stärker im Dienste des Lebens stehen.


„Die Rückkehr der Graphologie“


„Die Rückkehr der Graphologie - Personalchefs setzen wieder auf zweifelhafte Methoden bei der Personalauswahl“

So betitelt die Skeptikerorganisation GWUP  ihre Reaktion  auf einen Beitrag im Deutschlandfunk vom 14.05.2008. Dort wird festgestellt, daß nach wie vor einige Unternehmen in Deutschland (in Frankreich und der Schweiz seien es hingegen "zwischen 38 und 93 %") graphologische Gutachten als wertvolle Hilfsmittel der Personalauswahl betrachten. .

In jenem Beitrag des Deutschlandsfunks heißt es unter anderem:

"Jens Brandenburg von der Düsseldorfer Unternehmensberatung "Brandenburg Consultants" vertraut auf solche Gutachten. Er vermittelt Führungskräfte mit einem Jahresgehalt ab 80.000 Euro. Wenn Assessment Verfahren und psychologische Tests nicht ausreichen, bittet er um eine Handschriftenprobe."

Derartige Aussagen stören erwartungsgemäß selbsternannte wissenschaftliche Tugendwächter wie die Sketikerorganisationen, welche Pawloschen Hunden gleich beim ersten Glockenton gelaufen kommen, nur daß sich hier zum üblichen Speichelfluß noch ein grelles Kleffen gesellt. 

Und wieder einmal wird eine Untersuchung Ben Shakhars von der Hebrew Univerity in Jerusalem bemüht, worin dieser letztlich die Graphologie mit "Kaffesatzleserei" vergleicht.

Es ist jedoch hilfreich, die Studie einmal genauer zu betrachten.

Unter dem Titel „Can Graphology predict Occupational Success?“ erschien jene Untersuchung im “Journal of Applied Psychology” im Jahre 1986, Vol 71, S. 645 - 653.

Dabei handelt es sich, genauer betrachtet, um zwei Studien. Bei Untersuchung Nr. 1 geht es um die Schriftproben von 80 Mitarbeitern zweier israelischer Großbanken, die zwischen einem und drei Jahren in der Firma beschäftigt waren. Drei (!) Graphologen beurteilten deren Schriftproben (biographische Skizzen) anhand eines Beurteilungsbogens mit einer Skala von 1 - 6, auf der drei Bereiche bewertet werden sollten:

1. berufliche Eignung, beruflicher Erfolg
2. soziale Kompetenz
3. Loyalität, Anpassungsbereitschaft

Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die Handschrift als vermeintlicher Laie. Dann verglich man die Ergebnisse mit jenen der Testbatterie des Auswahlverfahrens der einstellenden Firma. Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die Handschrift als vermeintlicher Laie (!!!).

Das Ergebnis der Untersuchung ergab nur ein geringfügig besseres Ergebnis für die Graphologen, was dahingehend interpretiert wurde, daß sich angeblich Laienurteile von Graphologenurteilen nicht unterscheiden lassen. Dieser Umstand wurde dann weiterhin als Indiz dafür angesehen, daß Graphologenurteile, da sie letztlich nicht aussagekräftiger als Laienurteile scheinen, nach wissenschaftlichen Maßstäben wertlos seien.

Die genaue Betrachtung der einen wie der anderen Studie ergibt jedoch folgendes Bild:

Die Graphologenurteile unterscheiden sich in Teilbereichen sehr wohl und streckenweise sogar deutlich vom Laienurteil. Sie kommen hier zu besseren Ergebnissen.

Die Anzahl der teilnehmenden Graphologen – in der ersten Studie waren es drei, in der zweiten fünf - ist zu gering, um gerade nach wissenschaftlichen Kriterien repräsentativ und letztlich aussagekräftig zu sein.

Insgesamt wurde etwa zwanzig Graphologen die Teilnahme an der Studie offeriert. Der Großteil sagte nach Einsicht in die Gestaltung der Studie ab (und dies wohl aus gutem Grund).

Das vermeintliche Laienurteil durch nur eine Person vertreten zu lassen, ist völlig unverständlich und mutet geradezu lächerlich an. In der Rezeption der Studie(n) ist dann immer davon die Rede, Graphologenurteile unterschieden sich nicht von Laienurteilen. Hier ist die Mehrzahl sachlich falsch (im Grunde eine Fälschung) und erweckt beim Rezipienten einen nachweislich unrichtigen Eindruck. Außerdem ist es fragwürdig, einen Psychologen als Laien auszugeben, da dieser mit einer hohen Wahrscheinlichkeit über Grundkenntnisse der graphologischen Methode verfügt.

Die beiden "wissenschaftlichen" Untersuchungen orientieren sich vor allem an den Bereichen beruflicher Erfolg und soziale Kompetenz. Indes können beide Ebenen nie sicher und genau evaluiert werden. Selbst wenn Fremdbeurteilungen durch andere (Vorgesetzte, Kollegen) als Bewertungsbasis dienen, erhält man keine sicheren Daten. Auch die Fremdbeurteilung birgt unterschiedliche subjektive Einflußgrößen. So spielt es etwa eine Rolle, ob der Vorgesetzte den Bewerber selbst eingestellt hat oder ob er ihn sympathisch findet. Auch der berufliche Erfolg hängt von unterschiedlichen Momenten ab (Zufall, Begünstigung, etc.), die jenseits tatsächlicher Eignung liegen.

Soviel zu jener Studie von Ben Shakhar, die immer wieder erwähnt und gegen die Graphologie ins Feld geführt wird, ohne daß sich einer der Autoren die Mühe macht, die "Untersuchung" im Original zu lesen und im Detail nachzuschauen.

Was die Studie von Barry Beyerstein angeht, die ebenfalls zu keiner positiven Beurteilung der Graphologie kommt, so ist hier zu berücksichtigen, daß es sich um eine sogenannte Meta-Analyse handelt, um eine wissenschaftliche Analyseform also, die lediglich andere Untersuchungen zusammenfaßt und statistisch auswertet. Meta-Analysen sind unter Wissenschaftlern höchst umstritten, da sie mehrere Schwachpunkte aufweisen:

  • Garbage-in-Garbage-out-Problem (unterschiedliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Qualitäten werden vermengt)
  • Äpfel-Birnen-Problem (unterschiedliche Zielvorgaben werden in einen Topf geworfen, Vergleichbarkeitsproblem)
  • selbsterfüllende Prophezeihung (häufig werden nur erwünschte Ergebnisse publiziert oder erwartungsgemäß interpretiert)
  • Problem der Berücksichtigung von Mehrfachstudien (manche Studien werden aufgrund von Mehrfachpublikation und Überschneidungen auch mehrfach berücksichtigt)
  • Konzentration auf Haupteffekte (pauschalisierende Hauptfragen werden ausgewertet, differenzierende Nebenaspekte und Interaktionseffekte können nicht berücksichtigt werden)
Aufgrund genannter Problemlagen differieren Meta-Studien mit gleicher Zielrichtung erfahrungsgemäß deutlich. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß eine andere Meta-Studie zum Thema Graphologie zu einem ganz anderen Ergebnis käme.

Soviel zur Aussagekraft der angeführten Studien. Soviel damit auch zu den entsprechenden Schlußfolgerungen.

 


Die Aktualität der Graphologie

"Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald Spengler)


 


„Niedergang einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“


Diese provokante Frage stellt Florentine Fritzen in der FAZ vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem Artikel ein Szenario der SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards, MMS- und SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche Aufzeichnungen werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird beschrieben - und mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie verbunden. 

Ist dem so? Steuern wir tatsächlich auf eine handschriftlose Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare Kulturtechnik des Schreibens ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten Maschinen zu überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch ein biometrisches Verfahren ersetzt?

Im Grunde sind derartige Kassandrarufe nicht neu. Technische Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in diesem Zusammenhang zur Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren der deutschen Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben. Man rechnete bereits ab Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der Handschrift wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die Erfindung des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das große Herr der Kopisten, der abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag überflüssig. Man sagte den Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon bald durch Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der Einführung der Schreibmaschine wurden erneut ähnliche Befürchtungen laut.

Zum Verlust der Handschrift hat dies alles nicht geführt. Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den üblichen Prophezeiungen.

Daß die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten der Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen Wortes. Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher Zukunft mit einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen wie der Verlust des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten, daß die jungen Menschen in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein derartiges Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht bekannt. Im Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker in jüngster Zeit um eine Verbesserung der Leserlichkeit der Schülerhandschriften, was nur durch vermehrte Schreibübungen möglich ist. 

Der Zeitgeist hat zweifellos Eingang in die Handschrift der Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise verstreute Aufmerksamkeit und das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet seinen natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an Kontinuität, Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung eines sich globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung mit zunehmender Hyperaktivität wäre eine Rückbesinnung auf die Handschrift und damit auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und Erfahrungsparadigma förderlich.

Das Klagelied über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer im Angelsächsischen mittlerweile sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht es nicht um ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung, sondern um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem komplementären Verhältnis genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts ist effektiver als die schnelle handschriftliche Notiz.


Ulrich Sonnemann - Graphologie


Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes von Ulrich Sonnemann.

  • Erfreut begrüßt Johan Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der Gesamttextur des Gemeinwesens".
  • Lorenz Jäger hält in der FAZ vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für möglich. „Eine heilsame Erschütterung der Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
  • Hendrik Werner schreibt schließlich in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
    “Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen Erklärung nicht ausschließlich rational geraten kann.“

Wer ist nun jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse zukommen läßt?

Ulrich Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph Roth.

Sein in Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie, Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger, Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und Max Wertheimer. Anschließend journalistische Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland für den jüdischstämmigen Sonnemann immer bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner psychotherapeutischen Praxis fort.

1955 kehrt Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht publikumswirksame Bücher wie Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den Universitäten Bremen und Kassel.

"Graphologie hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert und tätig war, hat mich darin bestärkt, so daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee, bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein. Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)

Sonnemann schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt, ob das positiv oder negativ zu werten ist).

In dem ersten Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist, beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze der Graphologie:

1. Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.

2. Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen. Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.

3. Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.

Sonnemann, der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte Wissenschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete Begriffsstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung der Empirie".

Jener von Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es, welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.

"Mir ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinanderzusetzen, was auf den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich Sonnemann 1990)

 

 

Startseite - Selbstlernen - Bin ich ein Selbstlerntyp? - Unser System/Preise -
Inhalte/Prüfungsthemen - Prüfung/Zertifizierung - Direktunterricht - Anmeldung - Links und News