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Aktuelles
„Graphologische Skizzen zur Finanzkrise“
Was gegenwärtig geschieht und
was noch alles auf die Menschen zukommen wird, hat einst Ludwig Klages
mit dem Wort „Mammonismus“ beschrieben. Er meinte damit die
eine Eigendynamik entwickelnde Finanzwirtschaft mit ihren destruktiven
Kräften. Jener Begriff will einen Zustand verdeutlichen, in dem
das Geld, in dem die Geldwirtschaft einen quasireligiösen Status
erreicht hat. Alles kreist um den „Mammon“, alles Denken
und Fühlen der Menschen ist auf den Gelderwerb ausgerichtet, alles
Streben und Sehnen am Geld bemessen. Der Einzelne zählt kaum noch,
der allgemeine Maßstab ist das Geld, der abstrakte Besitz, der
als imaginäre Monstranz vor sich hergetragen wird. Der Mammonismus
bezeichnet jene Seite der unkontrollierten Geldwirtschaft, die auch in
jüngster Zeit immer wieder als Manchesterkapitalismus bezeichnet
wird und ein rücksichtsloses Vermögensstreben meint, das
letztlich auf der einen Seite zu immenser Anhäufung von
Besitztümern und auf der anderen zu extremer Verarmung
führt.
Klages äußerte aus einer pessimistischen Weltsicht heraus:
„ … allein wohl nur wenige sind sich bewusst geworden,
dass dieser Mammon ein wirkliches Wesen ist, das sich der Menschheit
als eines Werkzeuges bemächtigt, um das Leben der Erde
auszu-tilgen.“
Mammonismus - das Wort selbst birgt den Wortstamm „Ismus“
in sich, was soviel bedeutet wie „Glaubenssystem“, eine
„Ideologie“, eine geistige Strömung, eine
Wissenschaft. Dahinter verbirgt sich der Irrglaube, das Leben und
letztlich die Welt sei in ihrem Wesen und in ihrer Struktur ein
Äquivalent zum Geld, alles sei schlussendlich aufteilbar,
berechenbar, zerteilbar, abwägbar und in Geld messbar, alles sei
in seinem Warencharakter aufrechenbar. Und letztlich sei dies die
einzig richtige, die alternativlose Sichtweise der Dinge. Der freie
Markt, das freie Spiel der ungestörten Kapitalbewegungen und
Kapitalflüsse führe unweigerlich zur besten aller
möglichen Welten. Das hat man uns bis zum jüngsten Zeitpunkt
verkauft. Der Mammonismus als moderne Theodizee! Und alle jene, die vor
den Folgen jenes ungehemmten neoliberalen Treibens warnten, wurden als
Hemmschuhe einer freien Marktwirtschaft, als Linke, als Kommunisten
oder einfach als Naivlinge abgetan.
Wenn in Deutschland ein kritisches Wort zu den unmoralisch hohen
Managergehältern fiel, sah man sich postwendend dem Vorwurf
ausgesetzt, dass man eine typisch deutsche Neiddebatte anstoßen
wolle. Wer mehr Marktkontrolle forderte, galt als Fortschrittsfeind,
als Simpel und kaum Ernstzunehmender, als Arbeitsplatzvernichter und
Wachstumshemmschuh. Nun ist das alles plötzlich anders. Und
diejenigen, die zuvor noch jeden Ruf nach dem Staat als
unzeitgemäß und naiv belächelten, fordern nun eine
Regulierung der Märkte. Jene, die vor kurzem noch das Hohelied der
gänzlich freien und unkontrollierten Märkte zum Besten gaben,
stimmen nunmehr den Minnesang der staatlichen Regulierung
an.
Szenen wie diese waren vor wenigen Monaten noch undenkbar - als der
Chef der bankrotten und zur Geschichte gewordenen amerikanischen
Großbank „Lehman Brothers“ Rede und Antwort stehen
musste.
„Ein sichtlich betroffener Ex-CEO heute vor dem Kongress in
Washington. Er sollte Rechenschaft ablegen über seine Arbeit und
vor allem über eines: Über sein Gehalt, seine Boni und seine
Aktienoptionen.
Der Kongress rechnete Lehman CEO Richard Fuld vor, dass er seit 2000
rund 500 Millionen kassiert hätte. Allein das Gehalt betrug 2005
89 Millionen Dollar. Hinzu kamen im Laufe der Jahre Boni und Gewinne
aus Verkäufen von Aktien und Einlösung von Optionen.
Kongress: „Sie haben fast eine halbe Milliarde Dollar kassiert, finden Sie das fair?“
Fuld: Schweigen. Stottern. „Die Zahlen sind nicht ganz akkurat.“ Zittern.
Die Schriftzüge weisen
einen Menschen aus, der dazu neigt, den Bezug zur Gesellschaft und
ebenso zur Realität zu verlieren. Diese Eigenschaften paaren sich
mit einer ausgeprägten Egozentrik.
Die deutlichen Längenunterschiede konzentrieren sich vor allem auf
Anfang und Ende des Wortes, fallen also mit einer Anfangs- und
Endbetonung zusammen. Der Mann ist zweifellos von Ehrgeiz getrieben. Er
will sich selbst und andere von seinen Fähigkeiten
überzeugen. Minderwertigkeitskomplexe werden hier offenbar. Die
Begabung, Menschen zu führen, ist nicht ausgeprägt. Zu
selbstbezogen und zu sehr mit den eigenen Zielen und Projekten ist R.
Fuld befasst, als dass er in der Lage wäre, sich in einem
ausreichenden Maße mit den Befindlichkeiten anderer zu
beschäftigen. Dabei versteigt er sich gelegentlich in eigenwillige
Ideen und Vorstellungen, deren Verwirklichung er einigermaßen
rücksichtslos durchzusetzen im Stande ist.
Szenenwechsel.
Es bleibt unbegreiflich und ist ein niederschmetterndes Urteil
über die Moralität einer Gesellschaft, wenn ein Einzelner
8000 (!) mal soviel verdienen kann wie ein Durchschnittsbürger.
Kein Mensch kann 8000 mal besser sein als der Durchschnitt: Er kann
dies in körperlicher Hinsicht nicht - darüber braucht man
überhaupt nicht nachzudenken. Er kann dies aber auch in geistiger
Hinsicht nicht. Kein Genie kann mit seiner Leistung dauerhaft 8000fach
über dem Durchschnitt liegen.
Man macht den Menschen glauben, es sei die Leistung, die zum Geld
führt, es gehe alles gerecht zu, man sei selbst für sein
Glück verantwortlich, und man könne durch „ehrliche
Arbeit“ reich werden. Man kann - aber leider nur in den seltensten
Fällen, die dann als willkommenes Feigenblatt dienen. Im
Normalfall bestimmt der Markt über das Schicksal der Menschen, und
dort geht es in der Regel nicht gerecht zu. Denn hier geht es weniger
um wirkliche Produkte als um das Geld an sich, um einen Marktwert, um
Renditen, um Zinsen, um Geldvermehrung in diverser Form. Hier kann
derjenige besonders gut sein Geld vermehren, der ohnehin schon viel
davon besitzt.
Fußballspieler verdienen Millionen mit dem
Argument, sie würden eben auch außergewöhnliche Leistungen
zeigen. Dabei sind sie lediglich Nutznießer einer
Marktbesonderheit, die eben jene Sportart bevorzugt, während
andere Sportler in anderen Sportarten, die dort vergleichbare oder gar
bessere Leistungen zeigen, diese nicht in Geld umwandeln
können.
In der Zeit neoliberalen Umverteilung der letzten Jahre
„explodierte die Zahl der Millionäre und Milliardäre.
Deutschland hat mit 55 die in der Welt zweithöchste Konzentration
an Milliardären mit einem Vermögen von 178 Milliarden Euro,
fast ein Drittel der jährlichen Nettolöhne und -gehälter
aller 37 Millionen deutscher Arbeitnehmer. Oder anders
ausgedrückt: Ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer
müsste sein gesamtes Einkommen 185.000 Jahre voll zur Seite legen,
um das Durchschnittsvermögen der deutschen Milliardäre zu
erreichen.“ (Quelle:
http://www.jjahnke.net/krise.html)
Diese abstrusen Unverhältnisse entstehen erst durch eine
unkontrollierte und zum Religionsersatz erhobene Geldwirtschaft, die
der Wirtschaft einen mythischen Anschein zukommen lässt und dem in
Demut und götzenhafter Anbetung gehaltenen Untertan glauben macht,
der „freie Markt“ müsse in jedem Fall unangetastet
bleiben, ihm dürften keinerlei Grenzen gesetzt werden, um den
freien Fluss des Kapitals nicht zu behindern - so als sei der
Kapitalfluss das Lebenselixier, das Herzblut des modernen Seins.
Der Tanz um das goldene Kalb, um den Mammon, hat eine
schwindelleregende Geschwindigkeit erfahren. Das Karussell der
Finanzbewegungen um den Globus hat sich derart beschleunigt, dass es
den Reisenden die Sinne umnebelt und einen Temporausch erzeugt hat.
Immer schneller, immer heftiger und fordernder begann das Rad sich zu
drehen. Die Bodenhaftung ging schon lange verloren. Wünsche,
Phantasien und Gelüste traten an die Stelle reeller Bezüge.
Der Kontakt zum Leben, zum Unmittelbaren hat sich längst verloren.
Wie in einem Rausch, wie in einer Art Massenhypnose bewegten sich
Wirtschaft und Politik im Gleichschritt. Man glaubte an das, was man
glauben wollte - ewiges Wachstum, ständig wachsende Märkte.
Man suggerierte anderen und sich selbst die Allheilkraft des freien
Marktes. Immer weniger Staat, immer mehr Markt. Bald sollte alles dem
freien, ach so effektiven und gerechten Spiel der selbstischen
Kräfte überlassen werden. Am Ende hätte man dann sicher
irgendwann noch Polizei, Feuerwehr und Streitkräfte privatisiert.
Schlussendlich hätte man wohl auch noch die nationalen Regierungen
aufgelöst und Ratingagenturen als oberste Instanzen eingesetzt.
„In den aktuellen Zusammenhängen ist das Geld zum Gott
geworden“, kritisiert der evangelische Bischof Wolfgang Huber. Er
fordert die Menschen auf, den „Tanz um das goldene Kalb zu
beenden und „Geld nicht länger zu vergötzen“.
Dabei ist das alles nicht neu. Auch Anfang der dreißiger Jahre
gingen die Banken pleite, stürzten die Aktienkurse ab. Auch damals
besaßen die wohlhabendsten 0,1 Prozent der Amerikaner fast 40
Prozent des gesamten Volksvermögens. Die Reichen waren zu reich
geworden und stürzten die Weltwirtschaft in eine Krise - so
jedenfalls die Analyse eines der einflussreichsten Ökonomen des
vergangenen Jahrhunderts, John Kenneth Galbraith.
Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die Geldkonzentration in den
Hände weniger einen gewissen Punkt erreicht, wenn die ärmeren
Schichten der Bevölkerung ausgepresst sind und die Mittelschicht
weitgehend eingedampft ist, wird der Nährboden für ein sich
immer schneller und stärker konzentrierendes Kapital weniger
fruchtbar. Hinzu kommt, dass mit der Konzentration des Kapitals auch
die Renditesucht oder besser die Gier zunimmt. Ein Teufelskreis
entsteht. Letztlich führt dies dazu - damals wie heute - dass
irgendwann neue "kreative" Finanzprodukte entstehen, die sich jenseits
der Realwirtschaft bewegen. Zuletzt wurden in den USA Putzfrauen,
Gelegenheitsarbeitern und Exhäftlingen, die in ihrem Leben noch
niemals gearbeitet hatten, Immobilienkredite aufgedrängt, die man
dann mit anderen Papieren bündelte und
als Finanzprodukte weiterverkaufte. Auch diesmal wie 1929
dominierte die abstruse Ansicht, dass der Markt dauerhaft stabil bleibe
und kontinuierlich wachse. Auch diesmal wieder ist es die vermeintliche
Elite der Gesellschaft, die durch ihren Reichtum und dessen
verselbständigte destruktive Energie die Krise verursacht
hat.
Jener sozialdarwinistische Großversuch, der immer wieder als
alternativlos, als einzig wahr und richtig verkauft wird, ist
also offensichtlich erneut gescheitert. Selbst der deutsche
Großbanker Josef
Ackermann spricht von einer Systemkrise.
Ackermann ist jedoch weniger der Typ, den Selbstzweifel plagen oder der
unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet wie jener Richard Fuld.
Der Manager der Deutschen Bank ist mit einem deutlichen
Selbstbewusstsein ausgestattet. Seine Unterschrift offenbart ein hohes
Maß an Vitalität. Ungestört in ihrem Ablauf
drängen die Schriftzüge vorwärts. Der Schreibrhythmus
ist ausgeprägt. Wenn man es einem Banker zutrauen möchte, in
diesen schweren Zeiten das Schiff durch die unruhige und
stürmische See zu führen, um endlich wider in ruhigere
Wässer zu gelangen, dann ihm. Allerdings ist auch er nicht davor
geschützt, Sachverhalte und Situationen falsch
einzuschätzen, da ihn sein Selbstbewusstsein schon einmal dazu
verleiten kann, sich mehr von Gefühlen als vom kühlen
Verstand leiten zu lassen (siehe das aus der Mittelzone in die Oberzone
ragende kleine „a“). Aber ist das ein Nachteil? Oder
bezeichnet man derartiges heutzutage nicht als „emotionale
Intelligenz“? In jene Richtung deuten auch die ausgeprägten
Girlanden. Die erkennbaren Verschleifungen können als Hinweis auf einen
gesunden Egoismus verstanden werden. Die Schrift macht auf dem Weg zum
Du einen Umweg über das Ich. Nach Schriftzeichen, die Gier oder
Rücksichtslosigkeit nahe legen, sucht man hier vergebens. Man kann
Ackermann seine Entrüstung abnehmen, die er angesichts der
Vorwürfe Bischof Hubers nach außen trägt, denn er -
Ackermann - glaubt an die Richtigkeit seines Tuns und ist zudem kein
Mensch, der vor anderen zu Kreuze kriecht. Wenn es denn sein
müsste, kreuzigte er sich denn am ehesten
selbst.
Der als ein wichtiger Begründer des Neoliberalismus geltende
Friedrich August von Hayek ist da von ganz anderer Natur. Die
Schreibschwünge deuten schon den Feingeist an, der sich gern in
den Gewölben und Wendeltreppen seines Elfenbeinturmes verirrt bzw.
geistige Architekturen bevorzugt, die sich jenseits aller Realität
bewegen.
„Wir täuschten uns nicht, als wir den ‘Fortschritt’ leerer Machtgelüste verdächtig fanden,
und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt.
Unter den Vorwänden von ‘Nutzen’,
‘wirtschaftlicher Entwicklung’, ‘Kultur’ geht
er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen
seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die
Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus,
überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die
Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch
überlässt, gleich dem ‘Schlachtvieh’ zur
bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen
Beutehungers.“ (Ludwig Klages)
Der Chef der angeschlagenen US-Bank Merrill Lynch, John Thain, verlangt
einen Bonus von bis zu zehn Millionen Dollar und dies, obgleich die
US-Bank 40 Milliarden Dollar durch die Finanz-krise verloren hat.
Die nachfolgende Unterschrift John Thains zeigt ein überbetontes
Mittelband. Der Hinweis auf ein starkes Selbstbewusstsein wird durch
die Anfangs- und Endbetonung noch verstärkt. Beide Zeichen
verweisen auf eine starke Egozentrik. Das Ich befindet sich in einem
Zustand der Überdehnung.
Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang noch das
Ineinanderfließen von Vor- und Nachname. Privater und
öffentlicher Auftritt fallen zusammen, verschränken sich
ineinander. Denkbar ist hier auch, dass das Privatleben kaum noch
vorhanden ist oder der Schreiber zwischen beiden Sphären immer weniger
zu unterscheiden vermag.
Eine weitere Signatur John Thains lässt ein erhebliches Maß
an Rhythmik vermissen. Der Ablauf ist gestört. Die egomanischen
Impulse drängen scheinbar unkontrolliert nach außen. Die
erkennbaren harmonischen und fließenden Momente des oben
abgebildeten Beispiels haben sich hier verloren. Nun treten die
negativen Aspekte stärker hervor - Egozentrik,
Rücksichtslosigkeit, Autismus. Aber auch Rückzugstendenzen
und Verteidigungslinien sind erkennbar. Die Schriftzüge sind jetzt
mehr in der Mitte versammelt, nicht mehr so weit, sondern wie ein
Schutzwall aufgestellt. Dabei wirkt alles gedrängter und noch mehr
ineinander verschleift. Hier fühlt sich jemand in eine Ecke
gedrängt. Er agiert nicht mehr frei und aus sich selbst heraus.
Gestaute Energien und Aggressionen treten über das Schriftbild
nach außen.
Der zuvor noch erkennbare
Rhythmus ist verloren gegangen. Der weitgehend freie Fluss der Energie
ist ins Stocken geraten und erinnert jetzt ein wenig an Packeis, so als
seien die vordem noch nacheinander gestellten Schriftzüge nunmher
ineinander verschoben und zusammengedrängt. Man kann jenen auf dem
Schreiber lastenden Druck erahnen, der ihn hemmt und seine Energien
staut, der ihn bedrängt und nicht zu Atem kommen lässt - eine
Situation, die er nicht kennt und der er offensichtlich auch nicht gewachsen
scheint.
Ludwig Klages spricht von einer „schrankenlosen Herrschaft des
Geldsacks“ und sieht die Welt auf zwei Gegensätze zutreiben
- einerseits „die Inhaber des größten Kapitals“
und andererseits die „Ohmacht der schlechthin Mittellosen“.
Möglicherweise stellt die Finanzkrise auch eine Chance dar,
voreilig eingeschlagene Wege zu überdenken zu produktiven
Lösungen zu gelangen, die stärker im Dienste des Lebens stehen.
„Die Rückkehr der Graphologie“
„Die Rückkehr der Graphologie - Personalchefs setzen wieder auf zweifelhafte Methoden bei
der Personalauswahl“
So betitelt die Skeptikerorganisation GWUP ihre Reaktion auf einen Beitrag im Deutschlandfunk vom 14.05.2008. Dort
wird festgestellt, daß nach wie vor einige Unternehmen in
Deutschland (in Frankreich und der Schweiz seien es hingegen "zwischen
38 und 93 %") graphologische Gutachten als wertvolle Hilfsmittel der
Personalauswahl betrachten. .
In jenem Beitrag des Deutschlandsfunks heißt es unter anderem:
"Jens Brandenburg von der Düsseldorfer Unternehmensberatung "Brandenburg
Consultants" vertraut auf solche Gutachten. Er vermittelt
Führungskräfte mit einem Jahresgehalt ab 80.000 Euro. Wenn Assessment
Verfahren und psychologische Tests nicht ausreichen, bittet er um eine
Handschriftenprobe."
Derartige Aussagen stören erwartungsgemäß
selbsternannte wissenschaftliche Tugendwächter wie die
Sketikerorganisationen, welche Pawloschen Hunden gleich beim
ersten Glockenton gelaufen kommen, nur daß sich hier zum
üblichen Speichelfluß noch ein grelles Kleffen
gesellt.
Und wieder einmal wird eine Untersuchung Ben Shakhars von der Hebrew
Univerity in Jerusalem bemüht, worin dieser letztlich die
Graphologie mit "Kaffesatzleserei" vergleicht.
Es ist jedoch hilfreich, die Studie einmal genauer zu betrachten.
Unter dem Titel „Can Graphology predict Occupational
Success?“ erschien jene Untersuchung im “Journal of
Applied Psychology” im Jahre 1986, Vol 71, S. 645 - 653.
Dabei handelt es sich, genauer betrachtet, um zwei Studien. Bei Untersuchung Nr. 1 geht es
um die Schriftproben von 80 Mitarbeitern zweier israelischer
Großbanken, die zwischen einem und drei Jahren in der Firma
beschäftigt waren. Drei (!) Graphologen beurteilten deren
Schriftproben (biographische Skizzen) anhand eines Beurteilungsbogens
mit einer Skala von 1 - 6, auf der drei Bereiche bewertet werden
sollten:
1. berufliche Eignung, beruflicher Erfolg
2. soziale Kompetenz
3. Loyalität, Anpassungsbereitschaft
Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die
Handschrift als vermeintlicher Laie. Dann verglich man die Ergebnisse
mit jenen der Testbatterie des Auswahlverfahrens der einstellenden
Firma. Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die
Handschrift als vermeintlicher Laie (!!!).
Das Ergebnis der Untersuchung ergab nur ein
geringfügig besseres Ergebnis für die Graphologen,
was dahingehend
interpretiert wurde, daß sich angeblich Laienurteile von
Graphologenurteilen nicht unterscheiden lassen. Dieser Umstand wurde
dann weiterhin als Indiz dafür angesehen, daß
Graphologenurteile, da sie letztlich nicht aussagekräftiger
als Laienurteile scheinen, nach wissenschaftlichen
Maßstäben wertlos seien.
Die genaue Betrachtung der einen wie der anderen Studie ergibt
jedoch folgendes Bild:
Die Graphologenurteile unterscheiden sich in Teilbereichen
sehr wohl und streckenweise sogar deutlich vom Laienurteil. Sie kommen
hier zu besseren Ergebnissen.
Die Anzahl der teilnehmenden Graphologen – in der
ersten Studie waren es drei, in der zweiten fünf - ist zu
gering, um gerade nach wissenschaftlichen Kriterien
repräsentativ und letztlich aussagekräftig zu sein.
Insgesamt wurde etwa zwanzig Graphologen die Teilnahme an der
Studie offeriert. Der Großteil sagte nach Einsicht in die
Gestaltung der Studie ab (und dies wohl aus gutem Grund).
Das vermeintliche Laienurteil durch nur eine Person vertreten
zu lassen, ist völlig unverständlich und mutet
geradezu lächerlich an. In der Rezeption der Studie(n) ist
dann immer davon die Rede, Graphologenurteile unterschieden sich nicht
von Laienurteilen. Hier ist die Mehrzahl
sachlich falsch (im Grunde eine Fälschung) und erweckt beim Rezipienten einen nachweislich
unrichtigen Eindruck. Außerdem ist es fragwürdig,
einen Psychologen als Laien auszugeben, da dieser mit einer hohen
Wahrscheinlichkeit über Grundkenntnisse der graphologischen
Methode verfügt.
Die beiden "wissenschaftlichen" Untersuchungen orientieren
sich vor allem an den Bereichen beruflicher Erfolg
und soziale Kompetenz. Indes können
beide Ebenen nie sicher und genau evaluiert werden. Selbst wenn
Fremdbeurteilungen durch andere (Vorgesetzte, Kollegen) als
Bewertungsbasis dienen, erhält man keine sicheren Daten. Auch
die Fremdbeurteilung birgt unterschiedliche subjektive
Einflußgrößen. So spielt es etwa eine
Rolle, ob der Vorgesetzte den Bewerber selbst eingestellt hat oder ob
er ihn sympathisch findet. Auch der berufliche Erfolg hängt
von unterschiedlichen Momenten ab (Zufall, Begünstigung,
etc.), die jenseits tatsächlicher Eignung liegen.
Soviel zu jener Studie von Ben Shakhar, die immer wieder
erwähnt und gegen die Graphologie ins Feld geführt wird, ohne
daß sich einer der Autoren die Mühe macht, die
"Untersuchung" im Original zu lesen und im Detail nachzuschauen.
Was die Studie von Barry Beyerstein angeht, die
ebenfalls zu keiner positiven Beurteilung der Graphologie kommt, so ist
hier zu berücksichtigen, daß es sich um eine sogenannte
Meta-Analyse handelt, um eine wissenschaftliche Analyseform also, die
lediglich andere Untersuchungen zusammenfaßt und statistisch
auswertet. Meta-Analysen sind unter Wissenschaftlern höchst
umstritten, da sie mehrere Schwachpunkte aufweisen:
- Garbage-in-Garbage-out-Problem (unterschiedliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Qualitäten werden vermengt)
- Äpfel-Birnen-Problem (unterschiedliche Zielvorgaben werden in einen Topf geworfen, Vergleichbarkeitsproblem)
- selbsterfüllende Prophezeihung (häufig werden nur erwünschte Ergebnisse publiziert oder erwartungsgemäß interpretiert)
- Problem der Berücksichtigung von Mehrfachstudien (manche Studien werden aufgrund von Mehrfachpublikation und Überschneidungen auch mehrfach berücksichtigt)
- Konzentration auf Haupteffekte
(pauschalisierende Hauptfragen werden ausgewertet, differenzierende
Nebenaspekte und Interaktionseffekte können nicht
berücksichtigt werden)
Aufgrund genannter Problemlagen differieren Meta-Studien mit
gleicher Zielrichtung erfahrungsgemäß deutlich. Mit anderen
Worten: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß eine andere
Meta-Studie zum Thema Graphologie zu einem ganz anderen Ergebnis käme.
Soviel zur Aussagekraft der angeführten Studien. Soviel damit auch zu den entsprechenden Schlußfolgerungen.
Die Aktualität der Graphologie
"Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald Spengler)
Die Zeiten, als Robert Heiß in Freiburg und Rudolf
Pophal in Hamburg Vorlesungen zur Graphologie hielten, sind lange
vorbei. Nur noch in vereinzelten Projekten (Uni Leipzig) wird
gegenwärtig die Schriftdeutung universitär erforscht. Die
wissenschaftliche Bedeutung, oder besser: die wissenschaftliche
Beachtung der Graphologie seit jenen Zeiten ist zweifellos gesunken.
Dies gilt zumindest für Deutschland, weniger für Frankreich,
wo die Graphologie immer noch eine gewisse Rolle spielt.
Was sind die Gründe?
Jochen
Fahrenberg stellt sich im „Forum Qualitative
Sozialforschung“ unter dem Titel
„Interpretationsmethodik in Psychologie und
Sozialwissenschaften – neues Feld oder vergessene
Traditionen“ dieser Frage. Fahrenberg spricht davon,
daß für projektive Tests und Graphologie
„sehr gut ausgearbeitete Regelsysteme“ existieren,
die an den Universitäten nicht mehr genutzt werden. Als
Ursache dafür macht er unter anderem eine gewisse
Trägheit der universitären Lehre aus und einen
zunehmenden Unwillen, sich mit aufwendig zu erlernenden Methoden zu
beschäftigen.
„Alle Interpretationsverfahren sind recht
zeitaufwendig. Vor allem die älteren Methoden wie die
projektiven Tests und die Graphologie verlangten eine jahrelange
Ausbildung, zu der heute wahrscheinlich schon aus zeitlichen
Gründen und wegen des notwendigen Verzichts auf andere Themen
nur sehr wenige Studenten bereit wären.“
Fahrenberg stellt weiter fest, daß die Psychologie
auf interpretative Verfahren nicht verzichten kann. Hermeneutische
Ansätze sind seiner Ansicht nach in einer modernen Psychologie
unverzichtbar.
„In dieser expliziten Form, in einer lehrbaren und
lernbaren Weise, sind solche Methodiken in vielen anderen Bereichen der
hermeneutisch-interpretativen Verfahren kaum entwickelt worden. Wer
neuere Bücher über Interviewmethodik und
Inhaltsanalyse liest, wird dort viele dieser Aspekte wiedererkennen,
jedoch oft unvollständiger und offensichtlich ohne Kenntnis
dieser älteren Tradition der Interpretationskunst.“
„Die Interpretationslehre muß auch
gelehrt werden. Hier ist eher ein Rückschritt zu
verzeichnen.“
Dieses Plädoyer für eine interpretative
Methodik, wie sie exemplarisch in der Graphologie abgebildet ist,
beklagt den universitären Verlust an einem prinzipiellen
„Training in der allgemeinen Kompetenz zur psychologischen
Interpretation“ und fordert es im gleichen Atemzug vehement
ein.
Fahrenberg, übrigens ein Schüler von
Heiß, erkennt, daß der Verlust der universitären
Bedeutung interpretativer Verfahrensweisen, die dem analogen Denken und
der hermeneutischen Methode verbunden sind, zu Lasten kreativer
Forschung und letztlich zu Lasten der Wissenschaft selbst gehen
muß. Allerdings gibt es Anzeichen, daß bereits ein Umdenken
stattfindet, wenngleich man noch weit entfernt ist, von einem
Paradigmenwechsel zu sprechen.
Breuer stellt in "Qualitative und quantitative Methoden: Positionen in der
Psychologie und deren Wandel" einen Trend innerhalb der
universitären Psychologie fest, der sich durch eine
tendenzielle Abkehr vom Praradigma der Eindeutigkeit auszeichnet. "Die
Wahrheits-Idee hat in ihrer regulativen Funktion an Anziehungskraft und
Verbindlichkeit eingebüßt." Zunehmend finden
konstruktivistische und relativistische Theorien Anhänger. Die
Lebenswelt und das Leben selbst, vor allem aber die Menschen, all das
wieder als mehrdeutig wahrgenommen. Grundsätzlich
unterscheidet Breuer zwei Ansätze, zwei methodologische
Grundüberzeugungen, die sich mit ihren divergierenden
Ansätzen gegenüberstehen:
| Konvergenz |
Divergenz |
| Interpretationskonvergenz |
Interpretationsdivergenz |
| Oberfläche |
Tiefe |
| Logik |
Kreativität |
| Gegebenheiten |
Möglichkeiten |
| Ableitung |
Emergenz |
| metrisch |
kategorial |
| Prüfung |
Entdeckung |
| Standardisierung |
Alltagsweltlichkeit |
| hart |
weich |
| Absolutheit |
Kontextualisierung |
| Forschung |
Praxis |
| theoretische Kohärenz |
theoretische Anarchie |
Breuer selbst zieht eine Parallele zur fernöstlichen
Philosophie und ordnet der Konvergenz das Yang-Prinzip zu,
während der Divergenz die Yin-Ebenen beizumessen sind.
Überträgt man das Schema auf die Graphologie, so
besteht zweifellos ein starke Nähe zwischen Divergenz und
Graphologie. Ungeachtet der Tatsache, daß es genau genommen
auch innerhalb der Graphologie unterschiedliche Strömungen
gibt, sind doch die unter dem Punkt Divergenz
zusammengefaßten Methoden für die Schriftdeutung
entscheidender. Graphologie ist eine interpretative Methode, die sich
in der Praxis kontextuell entdeckend entwirft. Kreative Momente sind
ebenso strukturgebend wie kategoriale. Ziel- und Ausgangspunktpunkt ist
dabei eben keine eindeutige Zuordnung, keine Annäherung
endgültiger Wahrheiten, keine völlige
Übereinstimmung - also keine Konvergenz - sondern eher eine
dem Leben entsprechende Viel- oder Mehrdeutigkeit, eine
unaufläsbare Widersprüchlichkeit, die doch
zusammengehört und Emergenzen entwickelt - also eher eine
Divergenz.
Auch die an Klages angelehnten Begriffe "Geist" und "Seele"
lassen sich in die Tabelle integrieren. Unter dem Geist versammeln sich
nach Klages die rationalistischen Einflüsse des
kühlen Verstandes (Technik, Naturwissenschaft,
Ökonomie) als Widersacher der Seele, die wiederum als Hort von
Intuition, Kreativität und schöpferischer Empirie
begriffen wird.
| Konvergenz |
Divergenz |
| Yang |
Yin |
| Geist |
Seele |
| männlich |
weiblich |
| Rationalismus |
Sensualismus |
Heute wie zu Klages' Zeiten besteht jener Widerstreit zwischen
Geist und Seele, zwischen Yin und Yang, zwischen Rationalismus und
Sensualismus. Nach wie vor mißtraut man den Sinnen.
Erfahrungswissen und Intuition werden zumeist als Irrwege abgetan,
während man allein Logik und Verstand wirklich etwas zutraut,
und die andere Seite als para- oder gar pseudowissenschaftliche
Methodik diffamiert. Insofern hat es die Graphologie in Vergangenheit
und Zukunft schwer, da deren Zeichen immer vieldeutig sind und die
Methodik stark subjektiv, interpretativ und zum Teil intuitiv sowie
kreativ verfährt.
Aber trotzdem ist es nie gänzlich möglich, wie
nicht nur die Diskussion im Forum Qualitative Sozialforschung zeigt,
eine interpretative Verfahrensweise zur Persönlichkeitsdiagnostik
wie die Graphologie aus der akademischen Diskussion zu verbannen, da es
sich hierbei eine elementare Methodik menschlicher Erkenntnis handelt.
Und es ist immer eine Frage der Zeit, wann das Elementare wieder an die
Oberfläche und damit in den Blickpunkt des Interesses gerät.
„Niedergang
einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“
Diese
provokante Frage stellt Florentine Fritzen in
der FAZ
vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem
Artikel ein Szenario der
SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards,
MMS- und
SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die
Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten
beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche
Aufzeichnungen
werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird
beschrieben - und
mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie
verbunden.
Ist dem so? Steuern wir
tatsächlich auf eine handschriftlose
Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare
Kulturtechnik des
Schreibens ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten
Maschinen zu
überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch
ein biometrisches
Verfahren ersetzt?
Im Grunde sind derartige
Kassandrarufe nicht neu. Technische
Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in
diesem Zusammenhang zur
Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren
der deutschen
Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben.
Man rechnete bereits ab
Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der
Handschrift
wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die
Erfindung
des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das
große Herr der Kopisten, der
abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag
überflüssig. Man sagte den
Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon
bald durch
Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der
Einführung der Schreibmaschine
wurden erneut ähnliche Befürchtungen laut.
Zum Verlust der
Handschrift hat dies alles nicht geführt.
Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen
Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den
üblichen Prophezeiungen.
Daß
die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig
unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten
der
Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen
Wortes.
Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher
Zukunft mit
einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen
wie der Verlust
des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten,
daß die jungen Menschen
in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein
derartiges
Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht
bekannt. Im
Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker
in jüngster Zeit
um eine Verbesserung der Leserlichkeit der
Schülerhandschriften, was nur durch
vermehrte Schreibübungen möglich ist.
Der Zeitgeist hat
zweifellos Eingang in die Handschrift der
Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das
allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise
verstreute Aufmerksamkeit und
das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet
seinen
natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an
Kontinuität,
Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung
eines sich
globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung
mit
zunehmender Hyperaktivität wäre eine
Rückbesinnung auf die Handschrift und damit
auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und
Erfahrungsparadigma förderlich.
Das Klagelied
über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist
völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer
im Angelsächsischen mittlerweile sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem
angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht es nicht um
ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung,
sondern
um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem
komplementären Verhältnis
genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts ist
effektiver als die
schnelle handschriftliche Notiz.
Ulrich Sonnemann -
Graphologie

Es kommt
nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den
Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes
von Ulrich Sonnemann.
- Erfreut begrüßt Johan
Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von
Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der
Gesamttextur des Gemeinwesens".
- Lorenz Jäger hält in der FAZ
vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für
möglich. „Eine heilsame Erschütterung der
Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische
Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
- Hendrik Werner schreibt schließlich
in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich
Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
“Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie
zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber
den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen
Erklärung nicht ausschließlich rational geraten
kann.“
Wer ist nun
jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt
und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse
zukommen läßt?
Ulrich
Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer
Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner
Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich
ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten
jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph
Roth.
Sein in
Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie,
Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit
seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger,
Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der
Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei
Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und
Max Wertheimer. Anschließend journalistische
Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas
Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland
für den jüdischstämmigen Sonnemann immer
bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die
Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält
alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und
Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und
bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist
Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach
dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner
psychotherapeutischen Praxis fort.
1955 kehrt
Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht
eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht
publikumswirksame Bücher wie Das Land der
unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die
Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch
betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den
Universitäten Bremen und Kassel.
"Graphologie
hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in
meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert
und tätig war, hat mich darin bestärkt, so
daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die
Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee,
bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im
wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die
Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas
Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie
der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein.
Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das
zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und
zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter
Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker
City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender
Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln
der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen
hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs
oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an
erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen
dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)
Sonnemann
schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist
mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt
Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller
Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und
auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete
er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle
er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt,
ob das positiv oder negativ zu werten ist).
In dem ersten
Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist,
beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er
unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze
der Graphologie:
1.
Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden
Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt
sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man
läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht
sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art
sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den
klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.
2.
Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische
Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen.
Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft
mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.
3.
Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als
vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von
Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und
begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck
des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer
Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.
Sonnemann,
der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in
Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation
beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative
Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für
Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme
Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der
Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und
kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte
Wissenschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete
Begriffsstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen
Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung
der Empirie".
Jener von
Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es,
welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten
ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und
Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und
Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des
bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich
nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.
"Mir
ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft
entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr
eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt
nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze
eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinanderzusetzen, was auf
den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit
Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht
bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff
der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am
Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht
subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert
werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich
Sonnemann 1990)
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