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Die Aktualität der Graphologie

"Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald Spengler)


 


„Niedergang einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“


Diese provokante Frage stellt Florentine Fritzen in der FAZ vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem Artikel ein Szenario der SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards, MMS- und SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche Aufzeichnungen werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird beschrieben - und mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie verbunden. 

Ist dem so? Steuern wir tatsächlich auf eine handschriftlose Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare Kulturtechnik des Schreiben ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten Maschinen zu überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch ein biometrisches Verfahren ersetzt?

Im Grunde sind derartige Kassandrarufe nicht neu. Technische Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in diesem Zusammenhang zur Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren der deutschen Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben. Man rechnete bereits ab Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der Handschrift wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die Erfindung des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das große Herr der Kopisten, der abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag überflüssig. Man sagte den Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon bald durch Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der Einführung der Schreibmaschine wurden eneut ähnliche Befürchtungen laut.

Zum Verlust der Handschrift hat dies alles nicht geführt. Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den üblichen Prophezeihungen.

Daß die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten der Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen Wortes. Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher Zukunft mit einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen wie der Verlust des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten, daß die jungen Menschen in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein derartiges Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht bekannt. Im Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker in jüngster Zeit um eine Verbesserung der Leserlichkeit der Schülerhandschriften, was nur durch vermehrte Schreibübungen möglich ist. 

Der Zeitgeist hat zweifellos Eingang in die Handschrift der Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise verstreute Aufmerksamkeit und das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet seinen natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an Kontinuität, Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung eines sich globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung mit zunehmender Hyperaktivität wäre eine Rückbesinnung auf die Handschrift und damit auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und Erfahrungsparadigma förderlich.

Das Klagelied über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer im Angelsächsischen mittlerweile sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht es nicht um ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung, sondern um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem komplementären Verhältnis genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts ist effektiver als die schnelle handschriftliche Notiz.


Ulrich Sonnemann - Graphologie


Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes von Ulrich Sonnemann.

  • Erfreut begrüßt Johan Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der Gesamttextur des Gemeinwesens".
  • Lorenz Jäger hält in der FAZ vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für möglich. „Eine heilsame Erschütterung der Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
  • Hendrik Werner schreibt schließlich in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
    “Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen Erklärung nicht ausschließlich rational geraten kann.“

Wer ist nun jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse zukommen läßt?

Ulrich Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph Roth.

Sein in Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie, Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger, Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und Max Wertheimer. Anschließend journalistische Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland für den jüdischstämmigen Sonnemann immer bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner psychotherapeutischen Praxis fort.

1955 kehrt Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht publikumswirksame Bücher wie Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den Universitäten Bremen und Kassel.

"Graphologie hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert und tätig war, hat mich darin bestärkt, so daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee, bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein. Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)

Sonnemann schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt, ob das positiv oder negativ zu werten ist).

In dem ersten Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist, beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze der Graphologie:

1. Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.

2. Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen. Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.

3. Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.

Sonnemann, der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte Wissenhschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete Begriffstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung der Empirie".

Jener von Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es, welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.

"Mir ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinaderzusetzen, was auf den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich Sonnemann 1990)

 

 

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