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„Graphologische Skizzen zur Finanzkrise“


Was gegenwärtig geschieht und was noch alles auf die Menschen zukommen wird, hat einst Ludwig Klages mit dem Wort „Mammonismus“ beschrieben. Er meinte damit die eine Eigendynamik entwickelnde Finanzwirtschaft mit ihren destruktiven Kräften. Jener Begriff will einen Zustand verdeutlichen, in dem das Geld, in dem die Geldwirtschaft einen quasireligiösen Status erreicht hat. Alles kreist um den „Mammon“, alles Denken und Fühlen der Menschen ist auf den Gelderwerb ausgerichtet, alles Streben und Sehnen am Geld bemessen. Der Einzelne zählt kaum noch, der allgemeine Maßstab ist das Geld, der abstrakte Besitz, der als imaginäre Monstranz vor sich hergetragen wird. Der Mammonismus bezeichnet jene Seite der unkontrollierten Geldwirtschaft, die auch in jüngster Zeit immer wieder als Manchesterkapitalismus bezeichnet wird und ein rücksichtsloses Vermögensstreben meint, das letztlich auf der einen Seite zu  immenser Anhäufung von Besitztümern und auf der anderen zu extremer Verarmung  führt.

Klages äußerte aus einer pessimistischen Weltsicht heraus:

„ … allein wohl nur wenige sind sich bewusst geworden, dass dieser Mammon ein wirkliches Wesen ist, das sich der Menschheit als eines Werkzeuges bemächtigt, um das Leben der Erde auszu-tilgen.“

Mammonismus - das Wort selbst birgt den Wortstamm „Ismus“ in sich, was soviel bedeutet wie „Glaubenssystem“, eine „Ideologie“, eine geistige Strömung, eine Wissenschaft. Dahinter verbirgt sich der Irrglaube, das Leben und letztlich die Welt sei in ihrem Wesen und in ihrer Struktur ein Äquivalent zum Geld, alles sei schlussendlich aufteilbar, berechenbar, zerteilbar, abwägbar und in Geld messbar, alles sei in seinem Warencharakter aufrechenbar. Und letztlich sei dies die einzig richtige, die alternativlose Sichtweise der Dinge. Der freie Markt, das freie Spiel der ungestörten Kapitalbewegungen und Kapitalflüsse führe unweigerlich zur besten aller möglichen Welten. Das hat man uns bis zum jüngsten Zeitpunkt verkauft. Der Mammonismus als moderne Theodizee! Und alle jene, die vor den Folgen jenes ungehemmten neoliberalen Treibens warnten, wurden als Hemmschuhe einer freien Marktwirtschaft, als Linke, als Kommunisten oder einfach als Naivlinge abgetan.

Wenn in Deutschland ein kritisches Wort zu den unmoralisch hohen Managergehältern fiel, sah man sich postwendend dem Vorwurf ausgesetzt, dass man eine typisch deutsche Neiddebatte anstoßen wolle. Wer mehr Marktkontrolle forderte, galt als Fortschrittsfeind, als Simpel und kaum Ernstzunehmender, als Arbeitsplatzvernichter und Wachstumshemmschuh. Nun ist das alles plötzlich anders. Und diejenigen, die zuvor noch jeden Ruf nach dem Staat als unzeitgemäß und naiv belächelten, fordern nun eine Regulierung der Märkte. Jene, die vor kurzem noch das Hohelied der gänzlich freien und unkontrollierten Märkte zum Besten gaben, stimmen nunmehr den Minnesang der staatlichen Regulierung an.  

Szenen wie diese waren vor wenigen Monaten noch undenkbar - als der Chef der bankrotten und zur Geschichte gewordenen amerikanischen Großbank „Lehman Brothers“ Rede und Antwort stehen musste.

„Ein sichtlich betroffener Ex-CEO heute vor dem Kongress in Washington. Er sollte Rechenschaft ablegen über seine Arbeit und vor allem über eines: Über sein Gehalt, seine Boni und seine Aktienoptionen.

Der Kongress rechnete Lehman CEO Richard Fuld vor, dass er seit 2000 rund 500 Millionen kassiert hätte. Allein das Gehalt betrug 2005 89 Millionen Dollar. Hinzu kamen im Laufe der Jahre Boni und Gewinne aus Verkäufen von Aktien und Einlösung von Optionen.
Kongress: „Sie haben fast eine halbe Milliarde Dollar kassiert, finden Sie das fair?“
Fuld: Schweigen. Stottern. „Die Zahlen sind nicht ganz akkurat.“ Zittern.

Signatur 1

Die Schriftzüge weisen einen Menschen aus, der dazu neigt, den Bezug zur Gesellschaft und ebenso zur Realität zu verlieren. Diese Eigenschaften paaren sich mit einer ausgeprägten Egozentrik.

Die deutlichen Längenunterschiede konzentrieren sich vor allem auf Anfang und Ende des Wortes, fallen also mit einer Anfangs- und Endbetonung zusammen. Der Mann ist zweifellos von Ehrgeiz getrieben. Er will sich selbst und andere von seinen Fähigkeiten überzeugen. Minderwertigkeitskomplexe werden hier offenbar. Die Begabung, Menschen zu führen, ist nicht ausgeprägt. Zu selbstbezogen und zu sehr mit den eigenen Zielen und Projekten ist R. Fuld befasst, als dass er in der Lage wäre, sich in einem ausreichenden Maße mit den Befindlichkeiten anderer zu beschäftigen. Dabei versteigt er sich gelegentlich in eigenwillige Ideen und Vorstellungen, deren Verwirklichung er einigermaßen rücksichtslos durchzusetzen im Stande ist.  

Szenenwechsel.

Es bleibt unbegreiflich und ist ein niederschmetterndes Urteil über die Moralität einer Gesellschaft, wenn ein Einzelner 8000 (!) mal soviel verdienen kann wie ein Durchschnittsbürger. Kein Mensch kann 8000 mal besser sein als der Durchschnitt: Er kann dies in körperlicher Hinsicht nicht - darüber braucht man überhaupt nicht nachzudenken. Er kann dies aber auch in geistiger Hinsicht nicht. Kein Genie kann mit seiner Leistung dauerhaft 8000fach über dem Durchschnitt liegen.

Man macht den Menschen glauben, es sei die Leistung, die zum Geld führt, es gehe alles gerecht zu, man sei selbst für sein Glück verantwortlich, und man könne durch „ehrliche Arbeit“ reich werden. Man kann - aber leider nur in den seltensten Fällen, die dann als willkommenes Feigenblatt dienen. Im Normalfall bestimmt der Markt über das Schicksal der Menschen, und dort geht es in der Regel nicht gerecht zu. Denn hier geht es weniger um wirkliche Produkte als um das Geld an sich, um einen Marktwert, um Renditen, um Zinsen, um Geldvermehrung in diverser Form. Hier kann derjenige besonders gut sein Geld vermehren, der ohnehin schon viel davon besitzt.

Fußballspieler verdienen Millionen mit dem Argument, sie würden eben auch außergewöhnliche Leistungen zeigen. Dabei sind sie lediglich Nutznießer einer Marktbesonderheit, die eben jene Sportart bevorzugt, während andere Sportler in anderen Sportarten, die dort vergleichbare oder gar bessere Leistungen zeigen, diese nicht in Geld umwandeln können.          

In der Zeit neoliberalen Umverteilung der letzten Jahre „explodierte die Zahl der Millionäre und Milliardäre. Deutschland hat mit 55 die in der Welt zweithöchste Konzentration an Milliardären mit einem Vermögen von 178 Milliarden Euro, fast ein Drittel der jährlichen Nettolöhne und -gehälter aller 37 Millionen deutscher Arbeitnehmer. Oder anders ausgedrückt: Ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer müsste sein gesamtes Einkommen 185.000 Jahre voll zur Seite legen, um das Durchschnittsvermögen der deutschen Milliardäre zu erreichen.“ (Quelle:
http://www.jjahnke.net/krise.html)

Diese abstrusen Unverhältnisse entstehen erst durch eine unkontrollierte und zum Religionsersatz erhobene Geldwirtschaft, die der Wirtschaft einen mythischen Anschein zukommen lässt und dem in Demut und götzenhafter Anbetung gehaltenen Untertan glauben macht, der „freie Markt“ müsse in jedem Fall unangetastet bleiben, ihm dürften keinerlei Grenzen gesetzt werden, um den freien Fluss des Kapitals nicht zu behindern - so als sei der Kapitalfluss das Lebenselixier, das Herzblut des modernen Seins.

Der Tanz um das goldene Kalb, um den Mammon, hat eine schwindelleregende Geschwindigkeit erfahren. Das Karussell der Finanzbewegungen um den Globus hat sich derart beschleunigt, dass es den Reisenden die Sinne umnebelt und einen Temporausch erzeugt hat. Immer schneller, immer heftiger und fordernder begann das Rad sich zu drehen. Die Bodenhaftung ging schon lange verloren. Wünsche, Phantasien und Gelüste traten an die Stelle reeller Bezüge. Der Kontakt zum Leben, zum Unmittelbaren hat sich längst verloren. Wie in einem Rausch, wie in einer Art Massenhypnose bewegten sich Wirtschaft und Politik im Gleichschritt. Man glaubte an das, was man glauben wollte - ewiges Wachstum, ständig wachsende Märkte. Man suggerierte anderen und sich selbst die Allheilkraft des freien Marktes. Immer weniger Staat, immer mehr Markt. Bald sollte alles dem freien, ach so effektiven und gerechten Spiel der selbstischen Kräfte überlassen werden. Am Ende hätte man dann sicher irgendwann noch Polizei, Feuerwehr und Streitkräfte privatisiert. Schlussendlich hätte man wohl auch noch die nationalen Regierungen aufgelöst und Ratingagenturen als oberste Instanzen eingesetzt.

„In den aktuellen Zusammenhängen ist das Geld zum Gott geworden“, kritisiert der evangelische Bischof Wolfgang Huber. Er fordert die Menschen auf, den „Tanz um das goldene Kalb zu beenden und „Geld nicht länger zu vergötzen“.

Dabei ist das alles nicht neu. Auch Anfang der dreißiger Jahre gingen die Banken pleite, stürzten die Aktienkurse ab. Auch damals besaßen die wohlhabendsten 0,1 Prozent der Amerikaner fast 40 Prozent des gesamten Volksvermögens. Die Reichen waren zu reich geworden und stürzten die Weltwirtschaft in eine Krise - so jedenfalls die Analyse eines der einflussreichsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, John Kenneth Galbraith.

Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die Geldkonzentration in den Hände weniger einen gewissen Punkt erreicht, wenn die ärmeren Schichten der Bevölkerung ausgepresst sind und die Mittelschicht weitgehend eingedampft ist, wird der Nährboden für ein sich immer schneller und stärker konzentrierendes Kapital weniger fruchtbar. Hinzu kommt, dass mit der Konzentration des Kapitals auch die Renditesucht oder besser die Gier zunimmt. Ein Teufelskreis entsteht. Letztlich führt dies dazu - damals wie heute - dass irgendwann neue "kreative" Finanzprodukte entstehen, die sich jenseits der Realwirtschaft bewegen. Zuletzt wurden in den USA Putzfrauen, Gelegenheitsarbeitern und Exhäftlingen, die in ihrem Leben noch niemals gearbeitet hatten, Immobilienkredite aufgedrängt, die man dann mit anderen Papieren bündelte und als Finanzprodukte weiterverkaufte. Auch diesmal wie 1929 dominierte die abstruse Ansicht, dass der Markt dauerhaft stabil bleibe und kontinuierlich wachse. Auch diesmal wieder ist es die vermeintliche Elite der Gesellschaft, die durch ihren Reichtum und dessen verselbständigte destruktive Energie die Krise verursacht hat.       

Jener sozialdarwinistische Großversuch, der immer wieder als alternativlos, als einzig wahr und richtig verkauft wird, ist also offensichtlich erneut gescheitert. Selbst der deutsche Großbanker Josef Ackermann spricht von einer Systemkrise.

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Ackermann ist jedoch weniger der Typ, den Selbstzweifel plagen oder der unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet wie jener Richard Fuld. Der Manager der Deutschen Bank ist mit einem deutlichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Seine Unterschrift offenbart ein hohes Maß an Vitalität. Ungestört in ihrem Ablauf drängen die Schriftzüge vorwärts. Der Schreibrhythmus ist ausgeprägt. Wenn man es einem Banker zutrauen möchte, in diesen schweren Zeiten das Schiff durch die unruhige und stürmische See zu führen, um endlich wider in ruhigere Wässer zu gelangen, dann ihm. Allerdings ist auch er nicht davor geschützt, Sachverhalte und Situationen falsch einzuschätzen, da ihn sein Selbstbewusstsein schon einmal dazu verleiten kann, sich mehr von Gefühlen als vom kühlen Verstand leiten zu lassen (siehe das aus der Mittelzone in die Oberzone ragende kleine „a“). Aber ist das ein Nachteil? Oder bezeichnet man derartiges heutzutage nicht als „emotionale Intelligenz“? In jene Richtung deuten auch die ausgeprägten Girlanden. Die erkennbaren Verschleifungen können als Hinweis auf einen gesunden Egoismus verstanden werden. Die Schrift macht auf dem Weg zum Du einen Umweg über das Ich. Nach Schriftzeichen, die Gier oder Rücksichtslosigkeit nahe legen, sucht man hier vergebens. Man kann Ackermann seine Entrüstung abnehmen, die er angesichts der Vorwürfe Bischof Hubers nach außen trägt, denn er - Ackermann - glaubt an die Richtigkeit seines Tuns und ist zudem kein Mensch, der vor anderen zu Kreuze kriecht. Wenn es denn sein müsste, kreuzigte er sich denn am ehesten selbst.   

Der als ein wichtiger Begründer des Neoliberalismus geltende Friedrich August von Hayek ist da von ganz anderer Natur. Die Schreibschwünge deuten schon den Feingeist an, der sich gern in den Gewölben und Wendeltreppen seines Elfenbeinturmes verirrt bzw. geistige Architekturen bevorzugt, die sich jenseits aller Realität bewegen.     

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„Wir täuschten uns nicht, als wir den ‘Fortschritt’ leerer Machtgelüste verdächtig fanden,
und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von ‘Nutzen’, ‘wirtschaftlicher Entwicklung’, ‘Kultur’ geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch überlässt, gleich dem ‘Schlachtvieh’ zur bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen Beutehungers.“  (Ludwig Klages)

Der Chef der angeschlagenen US-Bank Merrill Lynch, John Thain, verlangt einen Bonus von bis zu zehn Millionen Dollar und dies, obgleich die US-Bank 40 Milliarden Dollar durch die Finanz-krise verloren hat. 

Die nachfolgende Unterschrift John Thains zeigt ein überbetontes Mittelband. Der Hinweis auf ein starkes Selbstbewusstsein wird durch die Anfangs- und Endbetonung noch verstärkt. Beide Zeichen verweisen auf eine starke Egozentrik. Das Ich befindet sich in einem Zustand der Überdehnung. 

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Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang noch das Ineinanderfließen von Vor- und Nachname. Privater und öffentlicher Auftritt fallen zusammen, verschränken sich ineinander. Denkbar ist hier auch, dass das Privatleben kaum noch vorhanden ist oder der Schreiber zwischen beiden Sphären immer weniger zu unterscheiden vermag.

Eine weitere Signatur John Thains lässt ein erhebliches Maß an Rhythmik vermissen. Der Ablauf ist gestört. Die egomanischen Impulse drängen scheinbar unkontrolliert nach außen. Die erkennbaren harmonischen und fließenden Momente des oben abgebildeten Beispiels haben sich hier verloren. Nun treten die negativen Aspekte stärker hervor - Egozentrik, Rücksichtslosigkeit, Autismus. Aber auch Rückzugstendenzen und Verteidigungslinien sind erkennbar. Die Schriftzüge sind jetzt mehr in der Mitte versammelt, nicht mehr so weit, sondern wie ein Schutzwall aufgestellt. Dabei wirkt alles gedrängter und noch mehr ineinander verschleift. Hier fühlt sich jemand in eine Ecke gedrängt. Er agiert nicht mehr frei und aus sich selbst heraus. Gestaute Energien und Aggressionen treten über das Schriftbild nach außen.

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Der zuvor noch erkennbare Rhythmus ist verloren gegangen. Der weitgehend freie Fluss der Energie ist ins Stocken geraten und erinnert jetzt ein wenig an Packeis, so als seien die vordem noch nacheinander gestellten Schriftzüge nunmher ineinander verschoben und zusammengedrängt. Man kann jenen auf dem Schreiber lastenden Druck erahnen, der ihn hemmt und seine Energien staut, der ihn bedrängt und nicht zu Atem kommen lässt - eine Situation, die er nicht kennt und der er offensichtlich auch nicht gewachsen scheint.

Ludwig Klages spricht von einer „schrankenlosen Herrschaft des Geldsacks“ und sieht die Welt auf zwei Gegensätze zutreiben - einerseits „die Inhaber des größten Kapitals“ und andererseits die „Ohmacht der schlechthin Mittellosen“.

Möglicherweise stellt die Finanzkrise auch eine Chance dar, voreilig eingeschlagene Wege zu überdenken zu produktiven Lösungen zu gelangen, die stärker im Dienste des Lebens stehen.


„Die Rückkehr der Graphologie“


„Die Rückkehr der Graphologie - Personalchefs setzen wieder auf zweifelhafte Methoden bei der Personalauswahl“

So betitelt die Skeptikerorganisation GWUP  ihre Reaktion  auf einen Beitrag im Deutschlandfunk vom 14.05.2008. Dort wird festgestellt, daß nach wie vor einige Unternehmen in Deutschland (in Frankreich und der Schweiz seien es hingegen "zwischen 38 und 93 %") graphologische Gutachten als wertvolle Hilfsmittel der Personalauswahl betrachten. .

In jenem Beitrag des Deutschlandsfunks heißt es unter anderem:

"Jens Brandenburg von der Düsseldorfer Unternehmensberatung "Brandenburg Consultants" vertraut auf solche Gutachten. Er vermittelt Führungskräfte mit einem Jahresgehalt ab 80.000 Euro. Wenn Assessment Verfahren und psychologische Tests nicht ausreichen, bittet er um eine Handschriftenprobe."

Derartige Aussagen stören erwartungsgemäß selbsternannte wissenschaftliche Tugendwächter wie die Sketikerorganisationen, welche Pawloschen Hunden gleich beim ersten Glockenton gelaufen kommen, nur daß sich hier zum üblichen Speichelfluß noch ein grelles Kleffen gesellt. 

Und wieder einmal wird eine Untersuchung Ben Shakhars von der Hebrew Univerity in Jerusalem bemüht, worin dieser letztlich die Graphologie mit "Kaffesatzleserei" vergleicht.

Es ist jedoch hilfreich, die Studie einmal genauer zu betrachten.

Unter dem Titel „Can Graphology predict Occupational Success?“ erschien jene Untersuchung im “Journal of Applied Psychology” im Jahre 1986, Vol 71, S. 645 - 653.

Dabei handelt es sich, genauer betrachtet, um zwei Studien. Bei Untersuchung Nr. 1 geht es um die Schriftproben von 80 Mitarbeitern zweier israelischer Großbanken, die zwischen einem und drei Jahren in der Firma beschäftigt waren. Drei (!) Graphologen beurteilten deren Schriftproben (biographische Skizzen) anhand eines Beurteilungsbogens mit einer Skala von 1 - 6, auf der drei Bereiche bewertet werden sollten:

1. berufliche Eignung, beruflicher Erfolg
2. soziale Kompetenz
3. Loyalität, Anpassungsbereitschaft

Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die Handschrift als vermeintlicher Laie. Dann verglich man die Ergebnisse mit jenen der Testbatterie des Auswahlverfahrens der einstellenden Firma. Neben den drei Graphologen bewertete ein Psychologe die Handschrift als vermeintlicher Laie (!!!).

Das Ergebnis der Untersuchung ergab nur ein geringfügig besseres Ergebnis für die Graphologen, was dahingehend interpretiert wurde, daß sich angeblich Laienurteile von Graphologenurteilen nicht unterscheiden lassen. Dieser Umstand wurde dann weiterhin als Indiz dafür angesehen, daß Graphologenurteile, da sie letztlich nicht aussagekräftiger als Laienurteile scheinen, nach wissenschaftlichen Maßstäben wertlos seien.

Die genaue Betrachtung der einen wie der anderen Studie ergibt jedoch folgendes Bild:

Die Graphologenurteile unterscheiden sich in Teilbereichen sehr wohl und streckenweise sogar deutlich vom Laienurteil. Sie kommen hier zu besseren Ergebnissen.

Die Anzahl der teilnehmenden Graphologen – in der ersten Studie waren es drei, in der zweiten fünf - ist zu gering, um gerade nach wissenschaftlichen Kriterien repräsentativ und letztlich aussagekräftig zu sein.

Insgesamt wurde etwa zwanzig Graphologen die Teilnahme an der Studie offeriert. Der Großteil sagte nach Einsicht in die Gestaltung der Studie ab (und dies wohl aus gutem Grund).

Das vermeintliche Laienurteil durch nur eine Person vertreten zu lassen, ist völlig unverständlich und mutet geradezu lächerlich an. In der Rezeption der Studie(n) ist dann immer davon die Rede, Graphologenurteile unterschieden sich nicht von Laienurteilen. Hier ist die Mehrzahl sachlich falsch (im Grunde eine Fälschung) und erweckt beim Rezipienten einen nachweislich unrichtigen Eindruck. Außerdem ist es fragwürdig, einen Psychologen als Laien auszugeben, da dieser mit einer hohen Wahrscheinlichkeit über Grundkenntnisse der graphologischen Methode verfügt.

Die beiden "wissenschaftlichen" Untersuchungen orientieren sich vor allem an den Bereichen beruflicher Erfolg und soziale Kompetenz. Indes können beide Ebenen nie sicher und genau evaluiert werden. Selbst wenn Fremdbeurteilungen durch andere (Vorgesetzte, Kollegen) als Bewertungsbasis dienen, erhält man keine sicheren Daten. Auch die Fremdbeurteilung birgt unterschiedliche subjektive Einflußgrößen. So spielt es etwa eine Rolle, ob der Vorgesetzte den Bewerber selbst eingestellt hat oder ob er ihn sympathisch findet. Auch der berufliche Erfolg hängt von unterschiedlichen Momenten ab (Zufall, Begünstigung, etc.), die jenseits tatsächlicher Eignung liegen.

Soviel zu jener Studie von Ben Shakhar, die immer wieder erwähnt und gegen die Graphologie ins Feld geführt wird, ohne daß sich einer der Autoren die Mühe macht, die "Untersuchung" im Original zu lesen und im Detail nachzuschauen.

Was die Studie von Barry Beyerstein angeht, die ebenfalls zu keiner positiven Beurteilung der Graphologie kommt, so ist hier zu berücksichtigen, daß es sich um eine sogenannte Meta-Analyse handelt, um eine wissenschaftliche Analyseform also, die lediglich andere Untersuchungen zusammenfaßt und statistisch auswertet. Meta-Analysen sind unter Wissenschaftlern höchst umstritten, da sie mehrere Schwachpunkte aufweisen:

  • Garbage-in-Garbage-out-Problem (unterschiedliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Qualitäten werden vermengt)
  • Äpfel-Birnen-Problem (unterschiedliche Zielvorgaben werden in einen Topf geworfen, Vergleichbarkeitsproblem)
  • selbsterfüllende Prophezeihung (häufig werden nur erwünschte Ergebnisse publiziert oder erwartungsgemäß interpretiert)
  • Problem der Berücksichtigung von Mehrfachstudien (manche Studien werden aufgrund von Mehrfachpublikation und Überschneidungen auch mehrfach berücksichtigt)
  • Konzentration auf Haupteffekte (pauschalisierende Hauptfragen werden ausgewertet, differenzierende Nebenaspekte und Interaktionseffekte können nicht berücksichtigt werden)
Aufgrund genannter Problemlagen differieren Meta-Studien mit gleicher Zielrichtung erfahrungsgemäß deutlich. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß eine andere Meta-Studie zum Thema Graphologie zu einem ganz anderen Ergebnis käme.

Soviel zur Aussagekraft der angeführten Studien. Soviel damit auch zu den entsprechenden Schlußfolgerungen.

 


Die Aktualität der Graphologie

"Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald Spengler)


 


„Niedergang einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“


Diese provokante Frage stellt Florentine Fritzen in der FAZ vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem Artikel ein Szenario der SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards, MMS- und SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche Aufzeichnungen werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird beschrieben - und mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie verbunden. 

Ist dem so? Steuern wir tatsächlich auf eine handschriftlose Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare Kulturtechnik des Schreibens ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten Maschinen zu überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch ein biometrisches Verfahren ersetzt?

Im Grunde sind derartige Kassandrarufe nicht neu. Technische Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in diesem Zusammenhang zur Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren der deutschen Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben. Man rechnete bereits ab Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der Handschrift wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die Erfindung des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das große Herr der Kopisten, der abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag überflüssig. Man sagte den Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon bald durch Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der Einführung der Schreibmaschine wurden erneut ähnliche Befürchtungen laut.

Zum Verlust der Handschrift hat dies alles nicht geführt. Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den üblichen Prophezeiungen.

Daß die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten der Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen Wortes. Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher Zukunft mit einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen wie der Verlust des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten, daß die jungen Menschen in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein derartiges Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht bekannt. Im Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker in jüngster Zeit um eine Verbesserung der Leserlichkeit der Schülerhandschriften, was nur durch vermehrte Schreibübungen möglich ist. 

Der Zeitgeist hat zweifellos Eingang in die Handschrift der Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise verstreute Aufmerksamkeit und das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet seinen natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an Kontinuität, Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung eines sich globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung mit zunehmender Hyperaktivität wäre eine Rückbesinnung auf die Handschrift und damit auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und Erfahrungsparadigma förderlich.

Das Klagelied über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer im Angelsächsischen mittlerweile sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht es nicht um ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung, sondern um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem komplementären Verhältnis genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts ist effektiver als die schnelle handschriftliche Notiz.


Ulrich Sonnemann - Graphologie


Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes von Ulrich Sonnemann.

  • Erfreut begrüßt Johan Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der Gesamttextur des Gemeinwesens".
  • Lorenz Jäger hält in der FAZ vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für möglich. „Eine heilsame Erschütterung der Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
  • Hendrik Werner schreibt schließlich in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
    “Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen Erklärung nicht ausschließlich rational geraten kann.“

Wer ist nun jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse zukommen läßt?

Ulrich Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph Roth.

Sein in Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie, Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger, Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und Max Wertheimer. Anschließend journalistische Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland für den jüdischstämmigen Sonnemann immer bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner psychotherapeutischen Praxis fort.

1955 kehrt Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht publikumswirksame Bücher wie Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den Universitäten Bremen und Kassel.

"Graphologie hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert und tätig war, hat mich darin bestärkt, so daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee, bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein. Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)

Sonnemann schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt, ob das positiv oder negativ zu werten ist).

In dem ersten Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist, beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze der Graphologie:

1. Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.

2. Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen. Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.

3. Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.

Sonnemann, der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte Wissenschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete Begriffsstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung der Empirie".

Jener von Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es, welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.

"Mir ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinanderzusetzen, was auf den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich Sonnemann 1990)

 

 

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