|
Aktuelles
Die Aktualität der Graphologie
"Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz.
Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Oswald Spengler)
Die Zeiten, als Robert Heiß in Freiburg und Rudolf
Pophal in Hamburg Vorlesungen zur Graphologie hielten, sind lange
vorbei. Nur noch in vereinzelten Projekten (Uni Leipzig) wird
gegenwärtig die Schriftdeutung universitär erforscht. Die wissenschaftliche Bedeutung, oder besser: die wissenschaftliche Beachtung der Graphologie seit jenen Zeiten ist zweifellos gesunken. Dies gilt zumindest für Deutschland, weniger für Frankreich, wo die Graphologie immer noch eine gewisse Rolle spielt.
Was sind die Gründe?
Jochen
Fahrenberg stellt sich im „Forum Qualitative
Sozialforschung“ unter dem Titel
„Interpretationsmethodik in Psychologie und
Sozialwissenschaften – neues Feld oder vergessene
Traditionen“ dieser Frage. Fahrenberg spricht davon,
daß für projektive Tests und Graphologie
„sehr gut ausgearbeitete Regelsysteme“ existieren,
die an den Universitäten nicht mehr genutzt werden. Als
Ursache dafür macht er unter anderem eine gewisse
Trägheit der universitären Lehre aus und einen
zunehmenden Unwillen, sich mit aufwendig zu erlernenden Methoden zu
beschäftigen.
„Alle Interpretationsverfahren sind recht
zeitaufwendig. Vor allem die älteren Methoden wie die
projektiven Tests und die Graphologie verlangten eine jahrelange
Ausbildung, zu der heute wahrscheinlich schon aus zeitlichen
Gründen und wegen des notwendigen Verzichts auf andere Themen
nur sehr wenige Studenten bereit wären.“
Fahrenberg stellt weiter fest, daß die Psychologie
auf interpretative Verfahren nicht verzichten kann. Hermeneutische
Ansätze sind seiner Ansicht nach in einer modernen Psychologie
unverzichtbar.
„In dieser expliziten Form, in einer lehrbaren und
lernbaren Weise, sind solche Methodiken in vielen anderen Bereichen der
hermeneutisch-interpretativen Verfahren kaum entwickelt worden. Wer
neuere Bücher über Interviewmethodik und
Inhaltsanalyse liest, wird dort viele dieser Aspekte wiedererkennen,
jedoch oft unvollständiger und offensichtlich ohne Kenntnis
dieser älteren Tradition der Interpretationskunst.“
„Die Interpretationslehre muß auch
gelehrt werden. Hier ist eher ein Rückschritt zu
verzeichnen.“
Dieses Plädoyer für eine interpretative
Methodik, wie sie exemplarisch in der Graphologie abgebildet ist,
beklagt den universitären Verlust an einem prinzipiellen
„Training in der allgemeinen Kompetenz zur psychologischen
Interpretation“ und fordert es im gleichen Atemzug vehement
ein.
Fahrenberg, übrigens ein Schüler von Heiß, erkennt, daß der Verlust der universitären Bedeutung interpretativer Verfahrensweisen, die dem analogen Denken und der hermeneutischen Methode verbunden sind, zu Lasten kreativer Forschung und letztlich zu Lasten der Wissenschaft selbst gehen muß. Allerdings gibt es Anzeichen, daß bereits ein Umdenken stattfindet, wenngleich man noch weit entfernt ist, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen.
Breuer stellt in "Qualitative und quantitative Methoden: Positionen in der
Psychologie und deren Wandel" einen Trend innerhalb der
universitären Psychologie fest, der sich durch eine
tendenzielle Abkehr vom Praradigma der Eindeutigkeit auszeichnet. "Die
Wahrheits-Idee hat in ihrer regulativen Funktion an Anziehungskraft und
Verbindlichkeit eingebüßt." Zunehmend finden
konstruktivistische und relativistische Theorien Anhänger. Die
Lebenswelt und das Leben selbst, vor allem aber die Menschen, all das
wieder als mehrdeutig wahrgenommen. Grundsätzlich
unterscheidet Breuer zwei Ansätze, zwei methodologische
Grundüberzeugungen, die sich mit ihren divergierenden
Ansätzen gegenüberstehen:
| Konvergenz |
Divergenz |
| Interpretationskonvergenz |
Interpretationsdivergenz |
| Oberfläche |
Tiefe |
| Logik |
Kreativität |
| Gegebenheiten |
Möglichkeiten |
| Ableitung |
Emergenz |
| metrisch |
kategorial |
| Prüfung |
Entdeckung |
| Standardisierung |
Alltagsweltlichkeit |
| hart |
weich |
| Absolutheit |
Kontextualisierung |
| Forschung |
Praxis |
| theoretische Kohärenz |
theoretische Anarchie |
Breuer selbst zieht eine Parallele zur fernöstlichen
Philosophie und ordnet der Konvergenz das Yang-Prinzip zu,
während der Divergenz die Yin-Ebenen beizumessen sind.
Überträgt man das Schema auf die Graphologie, so
besteht zweifellos ein starke Nähe zwischen Divergenz und
Graphologie. Ungeachtet der Tatsache, daß es genau genommen
auch innerhalb der Graphologie unterschiedliche Strömungen
gibt, sind doch die unter dem Punkt Divergenz
zusammengefaßten Methoden für die Schriftdeutung
entscheidender. Graphologie ist eine interpretative Methode, die sich
in der Praxis kontextuell entdeckend entwirft. Kreative Momente sind
ebenso strukturgebend wie kategoriale. Ziel- und Ausgangspunktpunkt ist
dabei eben keine endeutige Zuordnung, keine Annäherung
endgültiger Wahrheiten, keine völlige
Übereinstimmung - also keine Konvergenz - sondern eher eine
dem Leben entsprechende Viel- oder Mehrdeutigkeit, eine
unaufläsbare Widersprüchlichkeit, die doch
zusammengehört und Emergenzen entwickelt - also eher eine
Divergenz.
Auch die an Klages angelehnten Begriffe "Geist" und "Seele"
lassen sich in die Tabelle integrieren. Unter dem Geist versammeln sich
nach Klages die rationalistischen Einflüsse des
kühles Verstandes (Technik, Naturwissenschaft,
Ökonomie) als Widersacher der Seele, die wiederum als Hort von
Intuition, Kreativität und schöpferischer Empirie
begriffen wird.
| Konvergenz |
Divergenz |
| Yang |
Yin |
| Geist |
Seele |
| männlich |
weiblich |
| Rationalismus |
Sensualismus |
Heute wie zu Klages' Zeiten besteht jener Widerstreit zwischen
Geist und Seele, zwischen Yin und Yang, zwischen Rationalismus und
Sensualismus. Nach wie vor mißtraut man den Sinnen.
Erfahrungswissen und Intuition werden zumeist als Irrwege abgetan,
während man allein Logik und Verstand wirklich etwas zutraut,
und die andere Seite als para- oder gar pseudowissenschaftliche
Methodik diffamiert. Insofern hat es die Graphologie in Vergangenheit
und Zukunft schwer, da deren Zeichen immer vieldeutig sind und die
Methodik stark subjektv, interpretativ und zum Teil intuitiv sowie
kreativ verfährt.
Aber trotzdem ist es nie gänzlich möglich, wie
nicht nur die Diskussion im Forum Qualitative Sozialforschung zeigt,
eine interpretative Verfahrensweise zur
Persönlichkeitsdiagnostik wie die Graphologie aus der akademischen Diskussion zu verbannen, da es sich hierbei eine
elementare Methodik menschlicher Erkenntnis handelt. Und es ist immer eine Frage der Zeit, wann das Elementare wieder an die Oberfläche und damit in den Blickpunkt des Interesses gerät.
„Niedergang
einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand?“
Diese
provokante Frage stellt Florentine Fritzen in
der FAZ
vom 07.06.2007 und entwirft in ihrem
Artikel ein Szenario der
SMS-Schreibenden und Tastatur-Konditionierten. Eine Welt der E-Cards,
MMS- und
SMS-Nachrichten, der Laptops, Handhelds und Blackberries, in der die
Handschrift irgendwann gar nicht mehr vorkommt. Die Schreibautomaten
beherrschen zunehmend das Leben der Menschen. Handschriftliche
Aufzeichnungen
werden immer weniger. Der Niedergang einer Kulturtechnik wird
beschrieben - und
mit ihr auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Graphologie
verbunden.
Ist dem so? Steuern wir
tatsächlich auf eine handschriftlose
Zeit zu, und müssen wir uns darauf einstellen, die elementare
Kulturtechnik des
Schreiben ausschließlich dem Heer der digital gesteuerten
Maschinen zu
überantworten? Wird selbst die Unterschrift irgendwann durch
ein biometrisches
Verfahren ersetzt?
Im Grunde sind derartige
Kassandrarufe nicht neu. Technische
Neuerungen führten schon immer zu Ängsten und in
diesem Zusammenhang zur
Beschwörung von Untergangsszenarien. Den ersten Passagieren
der deutschen
Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben.
Man rechnete bereits ab
Tempo 30 mit dem sofortigen Tod der Passagiere. Auch der Tod der
Handschrift
wurde bereits im 15. Jahrhundert prognostiziert. Damals sorgte die
Erfindung
des Buchdruckes für entsprechende Ängste. Das
große Herr der Kopisten, der
abschreibenden Zunft, wurde mit einem Schlag
überflüssig. Man sagte den
Untergang der Handschrift voraus und glaubte, daß diese schon
bald durch
Maschinen ersetzt werden würde. Auch bei der
Einführung der Schreibmaschine
wurden eneut ähnliche Befürchtungen laut.
Zum Verlust der
Handschrift hat dies alles nicht geführt.
Auch die Einführung des Computers und der damit verbundenen
Textverarbeitungsprogramme gab wieder Anlaß zu den
üblichen Prophezeihungen.
Daß
die Menschen weniger mit der Hand schreiben, ist völlig
unbestritten. Aber nicht jede sprachliche Kommunikation geht zu Lasten
der
Handschrift. SMS und E-Mail gehen vor allem zu Lasten des gesprochenen
Wortes.
Aber stirbt darum die Sprache aus? Müssen wir deshalb in naher
Zukunft mit
einer allgemeinen Verstummung rechnen? Das wird ebenso wenig geschehen
wie der Verlust
des Handschriftlichen. Denn letzteres würde bedeuten,
daß die jungen Menschen
in der Schule nicht mehr das Schreiben mit der Hand erlernten. Ein
derartiges
Vorhaben von Seiten der Pädagogik ist allerdings bisher nicht
bekannt. Im
Gegenteil - vielfach bemüht man sich auf Seiten der Didaktiker
in jüngster Zeit
um eine Verbesserung der Leserlichkeit der
Schülerhandschriften, was nur durch
vermehrte Schreibübungen möglich ist.
Der Zeitgeist hat
zweifellos Eingang in die Handschrift der
Menschen gefunden und diese im Sinne seiner selbst moduliert. Das
allgegenwärtige Multitasking, die häppchenweise
verstreute Aufmerksamkeit und
das Umherzappen in den Strukturgeschehen des Alltags - all das findet
seinen
natürlichen Niederschlag in der Handschrift, die ebenso an
Kontinuität,
Kohärenz und Lesbarkeit verliert. Gegen die Zeiterscheinung
eines sich
globalisierenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in Vergesellschaftung
mit
zunehmender Hyperaktivität wäre eine
Rückbesinnung auf die Handschrift und damit
auf den Schreiber selbst gleichsam als feinmotorisches Handlungs- und
Erfahrungsparadigma förderlich.
Das Klagelied
über den Tod der Handschrift anzustimmen, ist
völlig herbeigeholt und zeugt am ehesten von einer
im Angelsächsischen mittlerweile sprichwörtlichen „german angst“. Bei dem
angenommenen Konflikt zwischen Handschrift und Computer geht es nicht um
ein Entweder-oder, geht es nicht um Handschrift oder Digitalisierung,
sondern
um ein Sowohl-als-auch. Beide Ebenen werden auch in Zukunft in einem
komplementären Verhältnis
genutzt werden. Und eines wissen wir schließlich alle: Nichts ist
effektiver als die
schnelle handschriftliche Notiz.
Ulrich Sonnemann -
Graphologie

Es kommt
nicht oft vor, dass ein Buch über Graphologie von den
Rezensenten der renommierten Presse derart Beachtung findet wie jenes
von Ulrich Sonnemann.
- Erfreut begrüßt Johan
Schloemann in der SZ vom 15.03.2005 den ersten Band der Werkausgabe von
Sonnemann und sieht in ihm (Sonnemann) einen "Graphologen der
Gesamttextur des Gemeinwesens".
- Lorenz Jäger hält in der FAZ
vom 16.03.2005 sogar eine Art Paradigmenwechsel für
möglich. „Eine heilsame Erschütterung der
Gegenwarts-Gewißheiten kann deshalb auch das graphologische
Werk von Ulrich Sonnemann geben.“
- Hendrik Werner schreibt schließlich
in der „Welt“ vom 14.05.2005: „Ulrich
Sonnemann rehabilitiert die Graphologie.“ Und weiter:
“Sonnemann gebührt das Verdienst, die Graphologie
zwar nicht dauerhaft akademiefähig gemacht zu haben, wohl aber
den Leser für ein Faszinosum sensibilisiert zu haben, dessen
Erklärung nicht ausschließlich rational geraten
kann.“
Wer ist nun
jener Ulrich Sonnemann, der scheinbar die Graphologie wieder neu belebt
und ihr ein verstärktes öffentliches Interesse
zukommen läßt?
Ulrich
Sonnemann wird 1912 in Berlin geboren und ist jüdischer
Abstammung. Die Mutter ist Malerin, der Vater leitet das Berliner
Büro der Frankfurter Zeitung. Durch das Elternhaus ergibt sich
ein früher Umgang mit bekannten Persönlichkeiten
jener Zeit wie Bernard von Brentano, Siegfried Kracauer oder Joseph
Roth.
Sein in
Berlin, Freiburg und Frankfurt begonnenes Studium der Philosophie,
Psychologie und Literatur schließt er 1934 in Basel mit
seiner Dissertation ab. 1930 in Berlin hört er Spranger,
Thurnwald, Köhler, Sombart und Nicolai Hartmann. An der
Universität Frankfurt belegt er unter anderem Seminare bei
Karl Mannheim (in dessen Seminar Norbert Elias als Assistent wirkt) und
Max Wertheimer. Anschließend journalistische
Tätigkeiten. Es ergibt sich eine Bekanntschaft mit Thomas
Mann, den Sonnemann auch besucht. Als die Lage in Deutschland
für den jüdischstämmigen Sonnemann immer
bedrohlicher wird, gelingt 1941 schließlich die Flucht in die
Vereinigten Staaten. Dort lebt er sich schnell ein und erhält
alsbald einen Ruf als Professor für deutsche Sprache und
Literatur an die Universität von Kentucky in Lexington und
bald darauf seine Einberufung zum Militär. In der US-Army ist
Sonnemann als Psychologe tätig und setzt diese Laufbahn nach
dem Krieg in klinischen und akademischen Positionen sowie mit seiner
psychotherapeutischen Praxis fort.
1955 kehrt
Sonnemann aus dem Exil nach Deutschland zurück. Hier entsteht
eine Freundschaft mit T. W. Adorno. Sonnemann veröffentlicht
publikumswirksame Bücher wie Das Land der
unbegrenzten Zumutbarkeiten und Die
Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Politisch
betrachtet ist Sonnemann ein Marxist. Es folgen Professuren an den
Universitäten Bremen und Kassel.
"Graphologie
hatte mich bereits als Kind interessiert, und Joseph Roth, der in
meinem Elternhaus verkehrte und ebenfalls graphologisch interessiert
und tätig war, hat mich darin bestärkt, so
daß es sehr früh zu einer Vertiefung in die
Physiognomik expressiver Bewegung kam. In Amerika, bei der Armee,
bestand meine Tätigkeit als klinischer Psychologe im
wesentlichen darin, 'projektive Techniken' anzuwenden; und die
Graphologie, von der gar nicht bekannt war, daß sie etwas
Seriöses haben könne, wo sie sich auf eine Theorie
der Ausdrucksbewegung gründet, die führte ich da ein.
Von daher kam es, nach dem Krieg, zu meinem Graphologie-Buch, das
zwanzig Jahre lang mit immer erneuten Auflagen auf dem Markt blieb, und
zu den Vorlesungen, die ich auf Veranlassung befreundeter
Psychoanalytiker über den gleichen Gegenstand am New Yorker
City College hielt. Später nur ergab sich ein steigender
Widerwille gegen die Vermarktung der Sache, vor allem nach den Regeln
der 'industrial psychology' in Amerika und der marktwirtschaftlichen
hier. Mein Interesse aber - ob an Graphologie oder Astrologie, an UFOs
oder Atlantis - gilt dem, was an ungelösten Problemen, an
erkenntnistheoretisch potentiell sehr produktiven Beziehungen
dahintersteckt." (Ulrich Sonnemann)
Sonnemann
schreibt nicht gerade einen leserfreundlichen Stil. Sein Satzbau ist
mitunter etwas beziehungsfern verschachtelt, seine Wortwahl bevorzugt
Fremdwörter und Neologismen, die Sprache steckt voller
Analogien und Metaphern, die wiederum alles andere als einfach sind und
auf einem profunden Vorwissen aufbauen. Es scheint mitunter, als trete
er in einen sprachlichen Wettstreit mit Adorno und Habermas, als wolle
er jene stilistisch übertreffen (es sei einmal dahingestellt,
ob das positiv oder negativ zu werten ist).
In dem ersten
Band seiner Werkausgabe, die auf zehn Bände angelegt ist,
beschäftigt sich Sonnemann also mit der Graphologie. Er
unterscheidet dabei drei Verfahrensweisen, drei Denkansätze
der Graphologie:
1.
Der impressionistische Ansatz
Mittels Intuition und Eindrucksverfahren werden
Ausdrucksqualitäten beschrieben. Dieser Ansatz stützt
sich auf die visuelle Erfahrung der Ausdrucksqualitäten. Man
läßt sich ganz auf die Schrift ein, bemüht
sich um Nachempfinden und Assoziationen. Es handelt sich um eine Art
sensitives Nacherleben, um ein Empfinden von Wesenheiten, um den
klassischen hermeneutischen Zirkel und um Intuition.
2.
Der atomistische Ansatz
Hier verläßt man sich stark auf statistische
Methoden. Es geht dabei weniger um Validierung, sondern um Zuordnungen.
Man überprüft, welche Schriftzeichen gehäuft
mit welchen Charaktereigenschaften zusammentreffen.
3.
Der systematische Ansatz
Dieses von Sonnemann favorisierte Verfahren versteht sich als
vertiefende Erforschung der Ausdrucksbewegungen in der Tradition von
Ludwig Klages. Hier geht es um Raumsymbolik, Bildsymbolik und
begründete Analogien, um den Rhythmus als elementaren Ausdruck
des Lebendigen, um die Tiefenpsychologie als Systematik einer
Ausdruckbewegung des Unbewußten, etc.
Sonnemann,
der 1964 den Bestseller "Die Einübung des Ungehorsams in
Deutschland" schreibt, damit die 68ziger Generation
beeinflußt und mit weiteren Werken wie "Negative
Anthropologie" innerhalb der intellektuellen Szene für
Aufsehen sorgt, setzt sich fortwährend für unbequeme
Positionen ein. Wie auch Adorno (in "Dialektik der
Aufklärung") sieht er Grenzen der Aufklärung und
kritisiert eine bloß am kühlen Verstand orientierte
Wissenhschaft. Den Positivismus schimpft er "selbsverordnete
Begriffstutzigkeit", beklagt "Theorieverbote" und sieht einen
Zusammenhang zwischen "Naturunterjochung" und "tabuiernder Verleugnung
der Empirie".
Jener von
Sonnemann beklagte vorherrschende eingeengte Naturbegriff scheint es,
welcher zum ewigen Fallensteller für die Graphologie geraten
ist. Die Verabsolutierung des Objektivierbaren, Meß- und
Wägbaren verstellt den Blick auf Ganzheiten und
Strukturgebungen der Wirklichkeit. Dieser Verblendungszusammenhang des
bürgerlichen Vernunftstotalitarismus ist recht eigentlich
nicht mehr als geistige Selbstverstümmelung.
"Mir
ging es immer um die Gegenposition zur Hegelschen, die Vernunft
entmächtigenden, Ausweitung ihres Begriffs auf ihr
eigentliches Gegenteil. Wenn das ganze vernünftig ist, bleibt
nichts, woran die Vernunft sich abzuarbeiten hätte. Ihre ganze
eigene Aufgabe in der Welt, sich mit vielem auseinaderzusetzen, was auf
den ersten Blick als irrational erscheint, vielleicht auch wirklich mit
Recht dafür gilt, aber auch jedes Recht hat, selber nicht
bereits Vernunftträger zu sein, wird verwischt, wo der Begriff
der Vernunft sich so maßlos erweitert, daß es am
Schluß überhaupt nichts mehr gibt, was ihm nicht
subsumiert werden kann; oder dort, wo es nicht erfolgreich subsumiert
werden kann, als gleichgültig ad acta gelegt wird." (Ulrich
Sonnemann 1990)
|